Flanieren ist ein bisschen so wie das Surfen im Netz. Der Flaneur surft in der realen Welt. Alles ist ihm Gegenstand der Betrachtung: Die Gewinner, die Verlierer, das Schöne und das Hässliche. – Gero von Randow

Mit DIE FLANEURE / London setzen wir unsere im vergangenen Jahr begonnene Betrachtung ausgewählter Metropole eines aufgewühlten Europas fort. Nach Athen als der Stadt, die mit den aktuellen sozialen Spannungen, ihrer geopolitischen Lage und ihrer historischen Bedeutung für Europa als Wiege der Demokratie beinah zwangsläufig den Startpunkt der Reihe markierte, nun also London. Von der Hauptstadt eines der finanzschwächsten Länder in die Welthauptstadt des Geldes. Griechenland fürchtet den Grexit, in London ist der Brexit beschlossene Sache.

Die Bühnenbildnerin Annika Ley, die Schauspielerin Bettina Marugg und Andreas Meidinger, der dem fringe ensemble nicht nur als Schauspieler verbunden ist, sondern auch als Sounddesigner und Musiker arbeitet, reisten in diesem Frühjahr für eine Woche – zeitgleich, aber unabhängig und ohne Kontakt zueinander – nach London. Sie wohnten in unterschiedlichen Viertel in äußeren Stadtbezirken und bewegten sich innerhalb von sieben Tagen mehr oder wenige zielstrebig Richtung Zentrum. Sie suchten und fanden ihren jeweils individuellen Flanier-Modus.

Menschenströme, Videoüberwachung, Demos. Linksverkehr. Parks, Pubs, Bars und Tea to go. Regen. Glasfassaden, Reihenhäuser, Vorgärten. Ein Fuchs, ein Bär und Hunde, Hunde, Hunde. Karl Marx. Hooligans, Emigranten und Theresa May. Euphorie, Alptraum und Erschöpfung.

Sie haben in Straßen, Gesichtern, Fassaden „gelesen“ und ihre Eindrücke, nicht zuletzt auch die ihres Flaneur-Daseins, in Form von Bildern, Notizen, Tönen und Gesprächen mitgebracht. Begleitet wurden die Flaneure dieses Mal unmittelbar aus der Heimat: Harald Redmer, dem Bonner Publikum als Schauspieler früherer fringe-Produktionen bekannt, führte mit ihnen mehrmals in dieser Woche Telefonate, nahm diese auf und fertigte aus der Wahrnehmung der Distanz Notate an.

Die Erlebnisse sind vom Zufall und dem individuellen Blick geleitet, die Bilder und Geschichten sind ausschnitthaft – und doch werden sie auf verschiedenen Ebenen die urbane Stimmung und das Klima Londons und seiner Bewohner spiegeln und unserem durch die Medien-Berichterstattung geprägten Blick spiegeln, ergänzen, neu gewichten. Die Zuschauer erwartet ein Theaterabend, der einer Reise gleicht, und der den Blick changierend lässt – zwischen flaneurhafter und eigener Wahrnehmung.

DIE FLANEURE / LONDON ist eine Produktion von fringe ensemble/Flaneure GbR und phoenix5. Gefördert von: Kunststiftung NRW, Stadt Münster, Stadt Bonn, Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.

Premiere 27. September 2018, theaterimballsaal

Autoren, Flaneure Annika Ley, Bettina Marugg, Andreas Meidinger
Begleiter aus Distanz Harald Redmer
Regie Frank Heuel
Raum und Kostüme Annika Ley
Musik Justine Hauer
Musikalische Beratung Gregor Schwellenbach

Unser Tipp: Die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Bonn

DER FLANEUR
Vom Impressionismus bis zur Gegenwart

20.09.2018 – 13.01.2019

Mit der zunehmenden Beschleunigung unseres Alltags entsteht der Wunsch nach Müßiggang und Zeit zur Reflexion. Vor diesem Hintergrund ist gerade heute die Figur des Flaneurs aktueller denn je. Das langsame Flanieren und fließende Sehen des Flaneurs stehen in starkem Kontrast zu der Zweckgerichtetheit unseres Tuns und der Hektik unserer Bewegung.

Das zunächst literarisch angelegte Motiv des Flaneurs ist eng mit der urbanen Umgebung verbunden. Der Flaneur ist das Auge der Stadt, das auf die Stadt schaut und durch das die Stadt auf sich schaut. Der schweifende Blick dieser einzelnen Figur, die ziellos über Straßen und Plätze streift und Eindrücke sammelt, erweist sich als adäquate Wahrnehmung des flüchtig instabilen Organismus der Großstadt seit Beginn der Moderne. Entsprechend verfolgt die Schau ihr Thema nicht nur aus einer historischen Perspektive, sondern entwickelt es mit zahlreichen Beispielen bis in die Gegenwart.

Die Ausstellung folgt dem Weg des Flaneurs durch einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren, vom Ende des 19. Jahrhunderts bis ins 21. Jahrhundert. I

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