Mit: Alejandra Jenni, Nicole Kersten, Manuel Klein, Bettina Marugg, Tony Ouedraogo
Künstlerische Leitung Frank Heuel, Annika Ley
Regie Frank Heuel
Bühne, Kostüme, Video Annika Ley
Musik, Sound Ömer Sarıgedik
Assistenz: Jennifer Merten
Produktionsleitung Svenja Pauka
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Claudia Grönemeyer

Premiere: 07. November 2019 // theaterimballsaal, Bonn

Die nächsten Vorstellungen:

27. Februar 2020, 20 Uhr, theaterimballsaal Bonn
28. Februar 2020, 20 Uhr, theaterimballsaal Bonn
29. Februar 2020, 20 Uhr, theaterimballsaal Bonn

06. März 2020 // Orangerie-Theater, Köln
07. März 2020 // Orangerie-Theater, Köln

26. März 2020, Spielort wird noch bekannt gegeben
27. März 2020, Spielort wird noch bekannt gegeben
28. März 2020, Spielort wird noch bekannt gegeben

02. April 2020, Spielort wird noch bekannt gegeben
04. April 2020, Spielort wird noch bekannt gegeben

Hören Sie es? Das Rauschen. Den Sound unserer Welt. Auf allen Kanälen, ob zuhause oder in der Öffentlichkeit, die Welt rauscht: Der Strom von Informationen, Mitteilungen, Bildern reißt nicht ab und ergibt ein vielgestaltiges Sprach-, Bild- und Soundrauschen, das je nach individueller Stimmungs- und konkreter Weltlage mal hell, mal dunkel, mal leise, mal laut grundiert ist.

Wir filtern bewusst oder unbewusst aus, bewegen uns dabei in kleineren oder größeren Filterblasen, kämpfen um Übersicht und lassen vieles einfach durchrauschen. Ein etwaiges Funkloch genießen wir in gleichem Maße, wie es uns nervös macht, der unterbrochene Strom schafft Entschleunigung und Stress. Ist die Verbindung zur Welt wiederhergestellt, sind wir beruhigt und gleichzeitig dem ruhelosem Strom wieder anheim gegeben.

Das internationale Team mit Künstler*innen aus der Türkei, Schweiz, Burkina Faso und Deutschland vermag dem Rauschen Vielfältiges zu entlocken und schafft einen Abend, der zwischen faszinierender Überforderung der Sinne und rauschhaftem Genießen von Bildern, Sounds und Sprache(n) oszilliert.

Eine Produktion von fringe ensemble/Rauschen GbR und phoenix5. Rauschen wird gefördert von: Kunststiftung NRW, NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste, Stadt Münster, Bundesstadt Bonn, Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. 

Auzug aus den Pressestimmen

Regisseur Frank Heuel hat mit einem internationalen Ensemble eine spannende Performance erarbeitet, die ständig die eigene Wahrnehmung auf die Probe stellt. … Ein atemberaubendes Kunstwerk ist wieder die Ausstattung von Annika Ley, die die komplexe Rauminstallation mit fabelhaft präzisen Projektionen belebt und sogar noch einer schmelzenden Eisscheibe ein Gesicht einschreibt. … eine in jeder ästhetischen und gedanklichen Hinsicht bemerkenswert Aufführung. (General-Anzeiger Bonn, Elisabeth Einecke-Klövekorn)

Das Ergebnis beeindruckt allerdings nicht nur mit ästhetisch hochkarätigem Sound- und Bühnendesign. Das Bonner fringe ensemble tritt mit internationaler Besetzung auf, mit Künstlern aus der Türkei, aus Burkina Faso, der Schweiz und Deutschland. Sie reden in mehreren Sprachen über Politik und Gesellschaft, von Klimawandel, Brexit, Waffenexporten, von Nationalismus und der Härte in unserem auf Effizienz getrimmten Leistungssystem. Heuel setzt dazu gekonnt Elemente aus dem absurden Theater und der Performance-Kunst ein und kombiniert sie mit modernsten audiovisuellen Möglichkeiten. … Wir sind süchtig nach Inhalten geworden, süchtig nach Informationen, nach Aktion. Den Zuschauer bewusst in die Hingabe in eben diesen Rausch zu bewegen, gleichzeitig aber auch für Reflexion zu sorgen – das schafft Frank Heuel in „Rauschen“ mit faszinierender Form und Bildsprache. (Bonner Rundschau, Barbara Franke)

Frank Heuels Inzenierung feiert unermüdlich den Augenblick. Hier und jetzt blitzt unverwüstlich Hoffnung auf. Oder zumindest eine mögliche Menschlichkeit, wenn mörderisches Unrecht im realitätsharten Fokus erscheint. Erschütternd und doch vergeblich, verzweifelnd und doch nicht aufgebend, trotzt das Ensemble mit Slapstick und Miniaturen dem Versinken im dahinwälzenden Dröhnen einer unerbittlichen in den Fugen sich drehenden Welt.
»Rauschen« kumuliert dabei ständig in unfassbar packenden Bilder- und Klanglandschaften der Bühne und Ausstattung von Annika Ley sowie der Musik und den Soundkaskaden von Ömer Sarıgedik. Als dramatische Installation zerbrechlicher Augenblicke schleicht sich die Inszenierung unter die Haut, lässt frösteln und doch trotz allem hoffen, dass alles anders kommt. (schnüss, Christoph Pierschke)

Alle Kritiken in ganzer Länge unter –> Kritiken (s.u.)

Kritiken

 

Im Strudel der Informationen

Frank Heuel gelingt mit dem Stück „Rauschen“ ein hellsichtiger Blick auf die Gegenwart.

Hinter einem Vorhang aus immer transparenter werdender Folie flüstern Stimmen. Ein Geräusch mit versetzten Rhythmen und Sprachfetzen. Als „metaphysischen Tinnitus“ hat der Philosoph Rüdiger Safranski das Rauschen der Zeit bezeichnet. Um das akustische, visuelle und vor allem das verbal-semantische Rauschen und um die Illusion der Gleichzeitigkeit in unserer digital beschleunigten Welt geht es in dem neuen Stück „Rauschen“ des Bonner fringe ensemble im Ballsaal.

Worauf lenken wir unsere Aufmerksamkeit im scheinbar unbegrenzten Raum zwischen dem rasenden Strom von Informationen und dem Hirnrauschem in unseren Köpfen? Auf einem Video-Screen erscheinen banale Nachrichten: X hat ihr Studium abgebrochen, Y sich von ihrem Partner getrennt, Z plant eine Reise etc… Hat das irgendetwas zu tun mit den Bühnenfiguren und ihrer multilingualen Präsenz? Die Barrieren zwischen privater, öffentlicher und künstlicher Identität verschwimmen zusehends wie der Wirklichkeitswert aller Nachrichten. Regisseur Frank Heuel hat mit einem internationalen Ensemble eine spannende Performance erarbeitet, die ständig die eigene Wahrnehmung auf die Probe stellt. Die fünf Akteure sprechen Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Schweizerisch und auch mal bodenständig Kölsch wie Nicole Kersten, die unter schallendem Gelächter von einem Seniorinnen-Ausflug an die Ahr erzählt.

Manuel Klein parodiert blond und bissig den Brexit-Clown Johnson und glänzt mit Stimme und Gitarre als witziges Songtalent. Alejandra Jenni versucht sich verzweifelt als zierliches Song-Contest-Sternchen – monoton angestachelt vom „Open your eyes“ ihrer Managerin – und kämpft in einer Plastikblase atemlos um Bewegungsfreiheit. Kibsa Anthony Ouedraogo aus Burkina Faso erzählt beklemmend von einem Höllentrip ins afrikanische Herz der Finsternis. Das übersetzt die vielseitige Schauspielerin und Sängerin Bettina Marugg im nüchterne News-Ton fast wörtlich. Ansonsten flimmert im Hintergrund ein Sprachgemisch aus Phrasen, Floskeln und verworrenen Wörtern, das sich bewusst nicht zusammenfügen lässt.

Den Soundtrack dazu gestaltet live der türkische Musiker Ömer Sarıgedik, inkl. Body-Percusssion und raffinierten Tonverfremdungen. Ein atemberaubendes Kunstwerk ist wieder die Ausstattung von Annika Ley, die die komplexe Rauminstallation mit fabelhaft präzisen Projektionen belebt und sogar noch einer schmelzenden Eisscheibe ein Gesicht einschreibt.

Am Ende hängen viele solcher Scheiben aus gefrorenem Wasser vom Bühnenhimmel und beginnen langsam zu tropfen. „How can we dance, when our earth is turning“ wiederholt Bettina Marugg fast zehn Minuten lang warnend und macht aus dem beunruhigenden Medienrauschen einen ebenso fragil wie energisch rauschenden Kommentar zum Klimawandel. Im Internet-Dauerrausch Vernunftmomente zu fixieren, könnte nützen gegen plakative Dystopien und utopisch berauschende Kapitalfiktionen. Nach sehr kurzweiligen, pausenlosen 80 Minuten folgt großer Premierenbeifall für eine in jeder ästhetischen und gedanklichen Hinsicht bemerkenswert Aufführung.

General-Anzeiger Bonn, Elisabeth Einecke-Klövekorn, 09. November 2019

 

Auf „Vorrauschen“ folgt „Rauschen“

Frank Heuel schafft im Theater im Ballsaal eine faszinierende Form- und Bildsprache

Wir kennen es, dieses Rauschen. Das Rauschen der Wälder, der Meere, das Rauschen von Gefühlen in der Liebe oder, wenn wir es weniger poetisch angehen, von Informationen, die täglich auf sämtlichen Medienplattformen an uns vorbeirauschen - meist in düsterer Grundstimmung. Sie beeinflussen unser Denken und unsere Gefühle maßgeblich. All die Bilder und Mitteilungen bilden einen regelrechten Strom. Er reißt uns mit ein eine Gesellschaft, die schnelllebiger nicht sein könnte.

Deshalb muss auch Frank Heuels Insenierung von „Rauschen“, die zur Zeit im Theater im Ballsaal zu sehen ist, erst einmal in uns arbeiten. Vordergründig unspezifisch wirkt sie als gegenwärtige Momentaufnahme auf uns ein und bildet ein perfektes Abbild unserer Lage: Wir sind gesteuert von unterschwelliger Nervosität, Ängsten und der gleichzeitigen Sehnsucht nach Entschleunigung in unseren überforderten Körpern.

Den Vorboten des Stückes brachte Annika Ley schon in „Vorrauschen“ im September auf die Bühne. Mit einer ausschließlich sinnlichen Annäherung experimentierte de Bühnenbildnerin und Videokünstlerin mit außergewöhnlichen Videosequenzen mit dem Phänomen. Mit Heuel arbeitete sie gemeinsam an der Weiterverarbeitung ihrer Idee. Das Ergebnis beeindruckt allerdings nicht nur mit ästhetisch hochkarätigem Sound- und Bühnendesign. Das Bonner fringe ensemble tritt zudem mit internationaler Besetzung auf, mit Künstlern aus der Türkei, aus Burkina Faso, der Schweiz und Deutschland. Sie reden in mehreren Sprachen über Politik und Gesellschaft, von Klimawandel, Brexit, Waffenexporten, von Nationalismus und der Härte in unserem auf Effizienz getrimmten Leistungssystem. Heuel setzt dazu gekonnt Elemente aus dem absurden Theater und der Performance-Kunst ein und kombiniert sie mit modernsten audiovisuellen Möglichkeiten. Es entstehen viele Szenen, die uns mit geballten Inhalten und Metaebenen schier überfordern und stark kontrastieren. Etwa, wenn Nicole Kersten eine völlig euphorische Damengruppe im Seniorenalter inszeniert, die sich auf einer Bahnfahrt an die Ahr wöchentlich jede Menge „Piccolöchen“ reinkippt. Tony Ouedraogo hatte kurz davor von seinem verlorenen Bruder im afrikanischen Kriegsgebiet erzählt. Hier ist die Welt noch in Ordnung, dort herrschen Krieg und Ausnahmezustand. Davon will der Damentrupp sicherlich nichts wissen. Apathie und Filterblasen sind das Ergebnis. Und das Rauschen abschalten? Geht nicht mehr. Kapseln wir uns zu lange davon ab, werden wir von schleichender Ruhelosigkeit heimgesucht. Wir sind süchtig nach Inhalten geworden, süchtig nach Informationen, nach Aktion. Den Zuschauer bewusst in die Hingabe in eben diesen Rausch zu bewegen, gleichzeitig aber auch für Reflexion zu sorgen – das schafft Frank Heuel in „Rauschen“ mit faszinierender Form und Bildsprache.

Bonner Rundschau, Barbara Franke, 12. November 2019

 

Zerbrechliche Augenblicke

Es tropft gespenstisch. Eistafeln schaukeln als vergängliche Mahnungen über der Bühne im Ballsaal. Bettina Marrugg singt und wiederholt bis zum Nervenzerreißen: »How do we sleep while our beds are burning?« Über 30 Jahre alt ist der Ökowelthit der australischen Band Midnight Oil. Und schon bei Erscheinen verstanden viele den Songtext auf explizitere Art und Weise im rauschenden Heavy Rotation der Radiostationen.
Zurück in die Zukunft, dreht die Perspektive sich immer wieder in der neuen Produktion »Rauschen« des Fringe Ensembles. Stimmen wispern und flüstern, während die fünf Schauspielerinnen und Schauspieler nur schemenhaft hinter
Plastikfolie sichtbar sind. Geschichten und Dramen erscheinen in Kurznachrichtenlänge auf der Leinwand. Familienträgodien, Beziehungskisten,
Lebensträume und falsche Hoffnung blitzen stroboskopartig im unendlichen Flimmern, kaum unterscheidbar vom endlosen weißen Rauschen.
Frank Heuels Inzenierung feiert unermüdlich den Augenblick. Hier und jetzt blitzt unverwüstlich Hoffnung auf. Oder zumindest eine mögliche Menschlichkeit, wenn mörderisches Unrecht im realitätsharten Fokus erscheint. Erschütternd und doch vergeblich, verzweifelnd und doch nicht aufgebend, trotzt das Ensemble mit Slapstick und Miniaturen dem Versinken im dahinwälzenden Dröhnen einer unerbittlichen in den Fugen sich drehenden Welt.
»Rauschen« kumuliert dabei ständig in unfassbar packenden Bilder- und Klanglandschaften der Bühne und Ausstattung von Annika Ley sowie der Musik und den Soundkaskaden von Ömer Sarıgedik. Als dramatische Installation zerbrechlicher Augenblicke schleicht sich die Inszenierung unter die Haut, lässt frösteln und doch trotz allem hoffen, dass alles anders kommt.

schnüss, Christoph Pierschke,12/2019

 

RAUSCHEN _ 2020 in Bonn und in Köln

Trailer RAUSCHEN von Sirpa Wilner.

Fotos © Lilian Szokody