Hotel der Verlorenen

Ödön von Horváths „Zur schönen Aussicht“ im Pumpenhaus

Die „schöne Aussicht“ erschöpft sich in ein paar hingekritzelten Bergen, die mit Hilfe eines Overhead-Projektors an die Wand geworfen werden.
Für einen Regisseur wie Frank Heuel ist das schon ungewöhnlich viel Realismus. Normalerweise vermeiden er und das Fringe Ensemble in ihren Aufführungen so ziemlich alles an Kulisse, was irgendwie echt wirken könnte.

Für die Neuinszenierung von Ödön von Horváths „Zur schönen Aussicht“ hat die Truppe ein weitläufiges Hotelfoyer ins Pumpenhaus gebaut. Die Geschichte von dem Mädchen Christine, das den Vater seines Kindes sucht, spielt sich auf einzelnen Inseln ab. Eine davon bildet das Publikum. Es hat auf sperrmüllverdächtigen Sesseln und Sofas Platz genommen und beobachtet das Geschehen, als wäre es selber Gast in dem heruntergekommenen Ausflugshotel. Dort hat eine Handvoll zweifelhafter Existenzen letzte Zuflucht gefunden – ausgehalten von einem einzigen zahlenden Gast, einer nicht mehr ganz taufrischen Baronin.

Die Darsteller absolvieren ihre Rollen mit einer wohltuenden Portion Selbstironie. Konflikte werden mit geradezu provozierender Lässigkeit ausgetragen, und der Suche des Kellners nach seinen Schuhen wird mehr Bedeutung beigemessen als den Nöten der ledigen Mutter. Für die Rolle des Chauffeurs hat man einen gewaltigen Plüschbären verpflichtet, der zufrieden stöhnt, wenn ihn die Baronin zwischen die Knie nimmt. Gesangseinlagen wie ein sehnsuchtsvoll hingehauchtes „La Montanara“ oder ein trotziger Junimond“ sorgen zusätzlich für Verfremdung.
Merkwürdigerweise ist es das bewusste Anspielen gegen die Stimmung, das die Inszenierung so stimmig macht. Der von Horváth durch eine konkrete Situation thematisierte Verfall der Werte bekommt hier eine exemplarische Dimension.
Die Aufführung wird zur Vorführung, das Spiel zur Demonstration einer Wirklichkeit, die sich dem Ideal nicht mehr anders zu nähern weiß als durch Parodie – ein Meisterstück modernen Regietheaters.

Helmut Jasny
Münstersche Zeitung, 11. April 2008

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Rendezvous mit Karl dem Bär

Das Bonner „fringe ensemble“ spielt die Neufassung einer Horváth-Komödie

Eine neue Fassung – nach der auch nicht übertrieben nahe am Original angesiedelten von 2002 – hat Frank Heuels „fringe ensemble“ von Ödön von Horváths Komödie „Zur schönen Aussicht“ im Ballsaaltheater gezeigt. Der Zufall hat beim Casting Regie geführt und Andreas Meidinger am Erscheinen gehindert, der den Chauffeur Karl spielt. Statt seiner saß mit Karl der Bär brummelnd ein großer Plüschpanda im Sessel. Sonst gab es keine Neubesetzung.

Die Stimme lieh dem Bären das Mikrofon aus der anderen Ecke. Weil Heuel ohnehin das Stück mit elektronischen Fakes aufpeppte, fiel Karl der Bär nur angenehm auf. Schon, weil man mit ihm die Versicherung spart. Und er verfremdet, wofür Horváths Hotelstück aus den Bergen dankbar ist, weil der Plot sich ja nicht mehr richtig ausspielen lässt nach der Erfindung der Gentests.
1929 war es zur Uraufführung nicht gekommen. Nicht, weil kein Panda für den Chauffeur zur Hand war, sondern wegen einer Pleite. Erst die Horváth-Renaissance brachte es 1969 auf die Bühne.
Der Gag: Der Hotelier hat Christine ein Kind gemacht, aber seine Kumpel schwören, dass sie es auch gewesen sein könnten. Mehrfachverkehr in der in Frage kommenden Zeit brachte damals den Erzeuger aus der Bredouille.

Diesen Teil lässt Heuel den Baron Stetten wie eine lustige Begebenheit, lange her, sprechen. Ein Mann heiratete eine Frau nicht, weil sie ein Kind erwartete, sondern wenn sie eine Erbschaft erwartete. Die andere Hälfte des Plots funktioniert noch.
Als Christine nämlich nun mit ihrer Erbschaft herausrückt, melden sich mehr Väter, als ihr lieb sein kann. Die Moral, dass sie allesamt in den Wind schlägt, läuft nur so mit. Richtig spaßig wird es, wenn neben den Spiegelfechtereien mit Livekameras die Akteure im Pleite-Hotel in ihre Rollen finden. Oder auch daneben stehen, Treibgut von Nachkriegszeit und Inflation. Severin von Hoensbroech ist schlaksig der einstige Offizier und jetzige Hotelier, der dem Sektvertreter (Harald Redmer) die Rechnung nicht zahlen kann, Georg Lennarz wieder der Kellner Max. David Fischer spielt den pomadigen Baron und Zwilling von Ada (Bettina Marugg), die es mit allen treibt, einschließlich Karl dem Bären. Bis Christine (Justine Hauer) sie mit der Erbschaft aus dem Feld schlägt. Spitze ist, wenn alle vielstimmig den Evergreen „La Montanara“ singen.

H.D. Terschüren
Bonner Rundschau, 04. Juni 2007

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„Ich liebe Dich jetzt, weil Du 10.000 DM hast“

Das fringe ensemble und phoenix5 zeigen eine gelungene Neubearbeitung von Horvàths Stück „Zur schönen Aussicht“ im Theater im Ballsaal.

Das Theater im Ballsaal überrascht immer wieder mit kreativen Inszenierungen und ausgefallenen Bühnengestaltungen. So auch vergangenen Donnerstag. Dieses Mal wurde das klassische Raumkonzept aufgelöst. Nichts ist, wie es war. Die Kulisse wurde um 90° gedreht und damit so verschoben, dass man auf der ursprünglichen Bühne sitzt. So kann man sich, statt wie gewöhnlich in den Reihen der Zuschauertribüne Platz zu nehmen, gemütlich verstreut wie im Café an kleine Tische setzen, oder man macht es sich auf einer der Couchs bequem, bestellt ein Bier oder ein Glas Wein und ist damit Teil der urigen Hotelkulisse.

Links eine mit kalten Getränken gefüllte Kühltruhe. Darauf ein alter Fernseher, wie man es von ranzigen Eckkneipen kennt. Daneben ein langer Tisch, ein paar Stühle, auf einem davon versinkt ein großer Stoffpandabär: „Karl“, wie wir später erfahren. In der Mitte ein Diaprojektor, ein längliches Sofa, unter dem kleinen Balkon eine alte 72er „Philikorda“-Heimorgel, daneben eine größere Leinwand. Vor dieser schlichten, marode anmutenden Kulisse entrollt sich die Komödie. Die einzelnen Hotelbewohner stolpern herein und stellen sich dem Publikum vor. Da ist Müller, Vertreter der Firma Hergt und Sohn. Zunächst scheint es so, als wolle er dem Publikum tatsächlich Wein verkaufen. Da ist Max, der sich als Kellner des Hotels vorstellt und geistesabwesend seine Schuhe sucht. Der Stoffpandabär stellt sich mit brummiger Stimme als Karl vor. Wir erfahren von ihm, dass er, einst Plantagenbesitzer in Portugal, lange im Zuchthaus saß und jetzt als Chauffeur arbeitet.

Als vierte Figur erscheint ein dünnes Mädchen mit hellrosa hochgezogenen Kniestrümpfen und erklärt keck: „Ich bin die Christine, ich bin an dieser Stelle des Stückes eigentlich noch gar nicht vorgesehen“, um sich sogleich an die Heimorgel zu setzen und zu spielen. Ada, die mondäne Baronin, indes stolziert souverän durchs Hotel, in dem sie als einzig zahlender Gast das Sagen hat. Ihr Zwillingsbruder stolpert im viel zu großen Anzug verwirrt auf die Bühne und erklärt sein Kommen. Er braucht Geld, denn er hat sein gesamtes Hab und Gut verspielt. So erklärt sich denn auch der lose, nahezu paranoide Umgang mit seiner Pistole, mit der er bei jeder Gelegenheit herumfuchtelt und sich umzubringen droht.

Und alle verlangen sie den Hotelbesitzer „Strasser“. Dieser erscheint denn auch mit der Erklärung: „Ich komme gerade von oben. Von oben in jeder Hinsicht.“ Und da er ahnt, dass man von ihm Geld möchte, erklärt er sofort: „Ich bin sowieso ruiniert, zu Weihnachten blühte der Flieder.“
Ada kuschelt fast kopulierend mit dem Bären, der mit sonorer Stimme ein „Je t’aime“ von sich gibt, während die Herren anfangen, sich lamentierend zu betrinken. Körner fliegen aus den Bechern hinter ihre Rücken. Das Ganze wird immer wieder unterbrochen von chorähnlichen Gesangseinlagen, mal werden Schlager gesungen, mal Hits aus den 70ern oder 80ern parodiert, so etwa „na, naa… na, na, na“.
Als Christine endlich offiziell erscheint und nach Strasser verlangt, von dem sie geschwängert wurde, schenkt ihr niemand Beachtung, schon gar nicht Strasser selbst. Erst als sie behauptet, der liebe Gott habe ihr geholfen, denn sie habe 10.000 DM geerbt, wendet sich das Blatt schlagartig. Die Männer kehren sich ab von Ada und buhlen ambitioniert um Christine.
Allesamt ziehen sie sich zurück und bereiten geschäftig, jeder für sich, eine Eroberungsrede vor. Der eine verspricht, sie in die bürgerliche Atmosphäre zurückzuholen, und Strasser erklärt unverblümt: „Christine! Ich liebe Dich nun, weil Du 10.000 DM hast.“ Christine schaut sich die Eroberungsversuche der potenziellen Kandidaten auf dem alten Fernseher an, kommentiert das weitere Geschehen und steckt sich lässig dabei eine Zigarette an.

Die Figuren im Hotel „Zur schönen Aussicht“ sind traurige, kaputte Individuen, gestrandete Existenzen und von Grund auf egoistische Gestalten. In dem heruntergekommenen Hotel vertreibt man sich die Zeit mit Exzessen. Betrug und Heuchelei bestimmen den Alltag. Die Dialoge sind bisweilen platt, mal absurd, mal zynisch, doch immer witzig. Die schauspielerische Leistung jedes einzelnen Darstellers ist souverän und überzeugend.
Mit seiner neuen Inszenierung hat Regisseur Frank Heuel ein besinnliches, amüsantes, durch und durch rundes Stück kreiert. Die Gesellschaftskritik in Ödön von Horvaths Komödie wird gut eingefangen und bekommt durch aktuelle Bezüge Gültigkeit für die Gegenwart. Geschrieben zwischen den beiden Weltkriegen, beschreibt Horvàth darin eine von der Außenwelt abgeschirmte krankende Gesellschaft, die an sich selbst zugrunde zugehen droht. Dem Zuschauer jedoch ist ein amüsanter Abend im Hotel „Zur schönen Aussicht“ garantiert.

Anina Valle Thiele
www.kultur-in-bonn.de, 4. Juni 2007

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Fringe Ensemble glänzt mit skurrilen Gestalten

Frank Heuels Inszenierung „Zur schönen Aussicht“ bietet im Bonner Theater im Ballsaal episches Theater wie aus dem Schulbuch

Brecht würde seine Freude an diesem Stück haben. Hätte er bei der Premiere der neuen Inszenierung des „Fringe Ensembles“ im Theater im Ballsaal an einem der wackeligen Rundtischchen gesessen, er hätte eine Palette an meisterhaften Verfremdungseffekten betrachten dürfen.
In dem Hotel-Drama „Zur schönen Aussicht“ aus der Feder des ungarischen Autors Ödön von Horváth wimmelt es von skurillen Gestalten und einfallsreichen Konventionsbrüchen.Eine seltsame Konstellation findet hier zusammen: Vier gescheiterte Männer und zwei recht glanzlose Frauen sind in dieser trostlosen Absteige gestrandet, hauptsächlich, um sich selbst zu bemitleiden. Eine Handvoll Egoisten, Opfer ihrer Mittelmäßigkeit, die um sich selbst kreisen, sich für ein bisschen Geld den beiden Frauen hingeben.

Ein gefallener Hoteldirektor, ein barfüßiger Kellner, ein spielsüchtiger Freiherr und ein abgewrackter Vertretungskaufmann ergehen sich in gelangweilter Buhlerei. Der einzige Gast, eine nymphomanische Baronin, hat eher durch ihr Geld als durch ihre welkenden Reize das männliche Personal im Griff.

Bis die Konkurrenz auftaucht, um Jahre jünger und durch ihre Erbschaft nicht weniger attraktiv. Ihre fleischfarbenen Kostüme machen sie zu durchsichtigen, austauschbaren Menschen. Eigentlich gibt es keinen besonders aufregenden Plot. Was das Ganze virtuos macht, ist die spannungsreiche Inszenierung von Frank Heuel. Es ist episches Theater, wie es im Schulbuch steht. Die „vierte Wand“ ist völlig aufgehoben, die Zuschauer selbst sind die Gäste, die diese Trostlosigkeit zur Show machen.

Jemand liest die Regieanweisungen laut vor, es werden Videoaufnahmen gemacht, das Geschehen wird immer wieder kommentiert. Die Handlung ist ein einziger Bruch mit der Linearität. Die Figuren fallen in und aus ihren Rollen, zeigen, dass die Vorstellung einer einheitlichen Identität an allen Nähten der luftdicht verschweißten Gesellschaft aufbricht. Mit beeindruckendem Rhythmus werden Dialoge sechsstimmig und unisono vorgetragen, sodass die Litanei der Einzelnen verschwimmt und zu einer großen, HipHop-artigen Frustsalve anschwillt. Das übertrieben spröde Geplänkel erhält seinen Humor durch den bierernsten Wortwitz und eine vielschichtige Ironie, die sich sehen lassen kann.

Wo phallische Teddybären die Grenzen zwischen Kindheits-Sehnsucht und sexueller Frustration markieren, wird deutsche Theatergeschichte mal so richtig durchgeschüttelt. Dann sind da die sechsstimmigen Arrangierungen von zweitklassigen Schlagern, a cappella gesungen und an Heimatfilme und Bergidyll erinnernd. Generationen von romantischen Konzepten werden hier hemmungslos und heiter ans Messer geliefert.

Es ist entspannend zu sehen, wie leichtfüßig Theater daherkommen kann. Trotz professionell ernster Mienen, schlägt sich der Schwall von Selbstironie in jeder Szene nieder. Endlich ein Stück, das wichtigtuerische Künstlerhaftigkeit gnadenlos belächelt.

Sarah Schaschek
Generalanzeiger Bonn, 2.6.2007

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