Ein Spiel in fünf Runden

Der Gedanke, bestimmt Szenen des Lebens oder überhaupt alles wieder und wieder abspulen zu können, ist fantastisch. In jeder Beziehung. Abwegig und verlockend zugleich. Doch an so was denkt der Mann (David Fischer) im dunklen Anzug, der zusammen mit der Frau im weißen Kleid (Justine Hauer) die Szene betritt, zunächst noch gar nicht. Eine Verbeugung. Ein Dialog. Und schließlich das Ganze nochmals und nochmals. Haben die beiden etwa ihren Auftritt verpatzt?

Mitnichten. Das alles ist Absicht und der Zuschauer schon mittendrin. „ZOË rpt – Ein Spiel in fünf Runden“ nach Motiven von Adolfo Bioy Casares heißt das Stück, mit dem das fringe ensemble im Theater im Ballsaal jetzt in die neue Saison gestartet ist. Und mit dem die junge Regisseurin Svenja Pauka dem brasilianischen Schriftsteller und dem französischen Drehbuchautor Alain Robbe-Grillet ihre Reverenz erweist. Es ist ein irritierendes, hin und wieder auch absurd-komisches Verwirrspiel, das sein Geheimnis nicht stückweise, sondern zuletzt mit einem Schlag preisgibt. So fragt sie, ob sie einander nicht schon begegnet seien. „Letztes Jahr in Friedrichsbad, in Baden Baden oder vielleicht auch in Bad Godesberg?“ Sie sagt Nein, zumindest erinnere sie sich nicht daran. Wie sie überhaupt sehr kühl wirkt, unnahbar, keinem Annäherungsversuch zugänglich. Weder denen des Mannes im Anzug noch denen des Verlierers im Gebüsch, der die unbekannte Schöne Abend für Abend beobachtet. Und der dabei eine ungeheuerliche Entdeckung macht.

Zwar steckt „ZOË rpt (repeated)“, Paukas erste eigene Inszenierung, voller Zitate aus Film („Letztes Jahr in Marienbad“) und Literatur („Morels Erfindung“ von Adolfo Bioy Casares), doch man muss beides nicht unbedingt kennen, um dem seltsamen Paar auf der Bühne zu folgen. Ohnehin: Wer auf dem Heimweg alles restlos verstanden und erklärt bekommen haben will, ist bei diesem (Schau-)Spiel vielleicht ein wenig verloren. Wer rätselhafte Bilderwelten als Herausforderung und Anregung versteht, sollte sich das Stück nicht entgehen lassen.

Ulrike Strauch
Bonner General-Anzeiger, 29.09.2008

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Das Spiel mit den Erinnerungen

fringe ensemble eröffnet seine Saison im Ballsaaltheater mit „ZOË rpt“

Wenn sich der Zuschauer zu „ZOË rpt“ die langen Schlossgänge und Parklandschaften in Alain Resnais´ Kultfilm „Letztes Jahr in Marienbad“ einfallen lässt, hat Svenja Pauka, die mit „ZOË rpt“ ihre erste Inszenierung im Ballsaaltheater zeigte, halb gewonnen. Kein Cineast, der nicht Delphine Seyrig und Giorgio Albertazzi wie auf einer alten belichteten Fotoplatte mit sich herumtrüge. Er ist der Mann, der auf einer Gesellschaft einer Frau einredet, dass sie sich schon einmal begegneten und sie seinetwegen einen anderen verlassen wollte. Sie versucht, sich zu erinnern.

Bei Svenja Pauka sind es Justine Hauer und David Fischer vom fringe ensemble. Sie sagt: „Ich weiß nicht, wovon sie reden.“ Oder so ähnlich. Aber statt Schloss und Park gibt es zur Saisoneröffnung im Ballsaal ein elektrisches Klavier und einen Billardtisch. Auch wird ein Kegel von der Decke herabgelassen, den Justine mit deutlich besserem Erfolg in den Durchgängen umschießt. Der karge Dialog wiederholt sich in den vom Untertitel versprochenen fünf Runden. Die kleinen Veränderungen sind die, denen Erinnerungen ausgesetzt sind, die einer abruft.

Natürlich sieht man im Ballsaal keine Romanverfilmung. Nicht die von „Morels Erfindung“ von 1940 vom Argentinier Adolfo Bioy Casares. Auch nicht die von Alain Robbe-Grillets Buch zu Resais´ Verfilmung von „Letztes Jahr in Marienbad“, die sich beide auf Casares beriefen.

Svenja Pauka benutzt alle drei für ihre sympathischen, leichten, verspielten Fingerübungen in Sachen Erinnerung. Es ist dieses flüchtige Material, mit dem alle vier spielen. Es ist auch ein Theater ohne Beweisabsicht, das bezeigt wird.

Im Titel steht „rpt“ für Repetition, für Wiederholung. Das ist ein Fake. Erinnerung wiederholt nicht, sondern verändert, was dann also das Spiel öffnet für die Ungewissheit, von der alles zehrt, angefangen bei Casares´ spekulativen Erzählformen, die ständig in Frage stellen – was ist Fiktion, was Traum, was ist Morels Erfindung? Wobei man Morel bei Robbe-Grillet wohl in dem Mann zu suchen hat, den die junge Frau nicht verließ. Oder vielleicht doch? Oder ist auch Morel schon die Fiktion, der einer verzweifelt nachjagt auf der Suche nach ihr?

Justine Hauer und David Fischer halten das alles fein in der Schwebe. Gesungen wird dazu „Eternal Schleif“ (Musik: Justine Hauer, Text: David Fischer) als Bild für die Endlosschleife der Gefühle. Dass gesungen wird, witzig wie Volksliedzitate, gehört zur Tradition beim fringe ensemble.

H.D. Terschüren
Bonner Rundschau, 06. Oktober 2008