Irgendwie geht es immer weiter

Auf der Spur der türkischen „New-Wave-Berliner“
Es sind Geschichten vom Weggehen und Ankommen. Die vielfach ausgezeichnete türkische Autorin und Dramaturgin Ceren Ercan lässt drei Menschen berichten von ihren Erfahrungen zwischen den Metropolen Istanbul und Berlin. Die deutsche Hauptstadt, in der rund 200 000 Menschen mit türkischer Herkunftsgeschichte leben, zieht vor allem nach dem Putschversuch 2016 viele Intellektuelle und Künstler an, die sich dort mehr kreative Freiheit erhoffen.
Es sind weltoffene Großstadtmenschen wie Deniz, Eran und Özge, eher in den sozialen Netzwerken und der Clubszene zu Hause als in strengen Traditionen. Sie sind nicht direkt politisch bedroht, wollen jedoch weg aus der immer rigider ins Leben eingreifenden Diktatur. Mit den Arbeitsmigranten früherer Generationen verbindet diese neuen Einwanderer wenig. Die türkischen „New-Wave-Berliner“ haben ihren eigenen unkonventionellen Lebensstil entwickelt. Das Stück „Zeit für Berlin“, inszeniert von Frank Heuel, begibt sich auf die Spur dieser neuen Bewegung. Heuel, Leiter des Bonner Fringe-Ensembles, hat als Stipendiat der Kunststiftung NRW in Istanbul mit freien Theatern mehrere neue Stücke erarbeitet. Die vierte Produktion wurde am 22. Dezember uraufgeführt und gleich zu einer der zehn besten Inszenierungen des Jahres in der gesamten Türkei gekürt. Am Donnerstag feierte sie im Theater im Ballsaal ihre zu Recht mit viel Beifall bedachte deutschsprachige Erstaufführung.
Die Hoffnung auf ein Engagement
Die sparsam möblierte Bühne von Ausstatterin Annika Ley mit ein paar weißen Bodenmarkierungen suggeriert Freiräume, aber auch Grenzen. Selin Kavak spielt die junge Schauspielerin Deniz, die nach ihrer Ausbildung am Istanbuler Konservatorium in der Theaterstadt ihrer Träume Fuß fassen wollte. Begeistert von der Schaubühne, Ostermeier-Fan, voller Hoffnung auf ein Engagement am Gorki-Theater. Zwischen den Sprachkursen hangelt sie sich durch. Ein bisschen schüchtern, aber auch neugierig auf wilde Partys und neue Freunde.
Manuel Klein spielt Eran, der von sich behauptet, nur gekommen zu sein, um seinen Großvater zu rächen, der sein ganzes Geld in Berliner Spielhöllen verzockte. Der charmante junge Mann flaniert mit leichtem Gepäck durch die angesagten Locations und findet stets Unterschlupf bei Zufallsbekanntschaften. Einer seiner gleichaltrigen Gastgeber (nur auf einem von Eran geschulterten Bildschirm anwesend) bekennt sich überraschend als rechtskonservativer Wähler. Angst und Widersprüche bleiben auch im scheinbar so liberalen Exil. Unter die Haut gehen die Sorgen der anscheinend so selbstbewussten Mitdreißigerin Özge, eindringlich verkörpert von Justine Hauer. Mit kühler Ironie schildert sie den Verkauf der gesamten Einrichtung ihrer schönen Wohnung in Istanbul. Selbst ihre geliebte Katze gab sie in ein übles Tierheim, um völlig ungebunden in Berlin neu anzufangen.
Die drei biografischen Fragmente verbinden sich auf der Bühne zum exemplarischen Bild einer europäisch denkenden Generation von Türken, die sich als Fremdling erlebt in der alten und neuen Heimat. Ihre Vorstellung ist über pausenlose anderthalb Stunden (unterstützt vom Soundtrack des Komponisten Ömer Sarigedik) ungemein spannend.
Elisabeth Einecke-Klövekorn, General-Anzeiger Bonn, 20. Januar 2018