„Wirklichkeitstest“ mitten in Bonn

Ein Taxifahrer, der Opernarien singt, Gedichte von Heinrich Heine aus dem Megafon und Kinder, die Passanten auf der Straße die Haare schneiden: Das und mehr kann den Bonnern in der Woche vom 25. Juni bis 2. Juli passieren, wenn Theater Bonn und das Fringe Ensemble zum „Wirklichkeitstest“ aufrufen.

Die neue Performance-Reihe unter künstlerischer Leitung der Regisseure Jens Kerbel und Frank Heuel führt das Theater aus den Spielstätten mitten ins Stadtzentrum und bezieht selbst Position im Ladenlokal der ehemaligen Creperie am Markt 3.

Mit Kneipe und „Open Stage“ wird das von Annika Ley und ihrem Team ausgestattete „Testzentrum“ acht Tage lang zum Treffpunkt für Mitwirkende und Publikum gleichermaßen. Leicht erkennbar an dem leuchtenden Orange, das sich auch im Logo der Aktion – dem Hinweisschild „Sammelpunkt“ – wiederfindet.

Der „Wirklichkeitstest“ setzt nunmehr die vor vier Jahren begonnene Kooperation zwischen dem Stadttheater und dem freien Ensemble mit Sitz in Endenich fort, die seinerzeit mit dem „Club der Utopisten“ startete und zu deren festem Haus mittlerweile die Werkstattbühne geworden ist. Geplant sind 17 Aktionen, die sich zum Teil wiederholen, so dass das Programm insgesamt 27 Termine umfasst.

„Dabei sind wir auch direkt auf die Beteiligung der Bürger angewiesen“, kündigt Jens Kerbel an. Zum Beispiel beim Friseurworkshop „Messer, Gabel, Schere, Licht“ am Samstag, 25. Juni, von 11 bis 14 Uhr auf dem Godesberger Theaterplatz und bei der Aktion „Grüßen sie Gott?“ um 18 Uhr auf dem Marktplatz, bei der Bonner ausgewählte Texte aus dem Talmud, dem Koran und der Bibel vortragen.

Für die Aktion „Warum ist es am Rhein so schön?“ am Sonntag, 26. Juni, 14 Uhr, bei der in Höhe der Kennedybrücke von beiden Ufern aus gesungen wird, gibt es laut Heuel schon mehrere hundert Anmeldungen.

Auf dem Prospekt finden sich Ortsangaben, Uhrzeiten und vor allem Fragen über Fragen, die sich direkt vor Ort klären. „So wird der Wirklichkeitstest zur Stadterkundung“, bringt es Generalintendant Klaus Weise auf den Punkt.

Ulrike Strauch, General-Anzeiger Bonn, 22. Juni 2011


Kaffee in der Badewanne

Normalerweise geht es etwa so: rein ins Parkhaus, Rolltreppe aufwärts, Abteilung ansteuern, Ware greifen, bezahlen und zurück. Zum Bummeln ist wieder keine Zeit, ein anderes Mal vielleicht. Soweit zur realen und alltäglichen Erfahrung eines Kaufhausbesuches.

Schaumparty mal anders: Justine Hauer (l.) und Bettina Marugg zitieren einen Dialog aus Jim Jarmuschs Episoden-Film „Coffee and Cigarettes“. Foto: Lilian Szokody/Theater Bonn

Der „Wirklichkeitstest“ jedoch, die einwöchige Performance-Reihe unter künstlerischer Leitung der Regisseure Jens Kerbel (Theater Bonn) und Frank Heuel (Fringe Ensemble), stellt an einem sonst doch recht gewöhnlichen Mittwochabend alles auf den Kopf. So als hätte David Lynch, der Meister surreal-absurder Szenerien, just die Bonner Galeria Kaufhof zum Set seines neuen Projekts erkoren.

Wo sich im Keller an einer festlich gedeckten Tafel mit lauter leeren Stühlen Casanova an seine Liebschaften erinnert, wo zwei Unbekannte mit schwarzen Sonnenbrillen im Erdgeschoss Ausschau nach Godot halten und ein Feuerwehrmann zwischen den Etagen hin und herfährt, um aus Rolf Dieter Brinkmanns „Rolltreppen im August“ zu reklamieren.

„Bedenke, dass die Zeit Geld ist“ heißt die Aktion. Die – subversiv, wie sie ist – natürlich auf genau das Gegenteil zielt. Und tatsächlich, manche Kunden lassen den Einkauf kurzerhand Einkauf sein, um den Schauspielern wie David Fischer und Manuel Klein, Bettina Marugg, Justine Hauer, Philine Bührer, Laila Nielsen, Andreas Meidinger, Harald Redmer und anderen kreuz und quer durchs Haus zu folgen.

Studenten mit orangefarbenen T-Shirts weisen den Weg zur nächsten Aktion, die natürlich niemand verpassen möchte: seien es Schlingensiefs Memoiren im Bett, eine Szene aus Jim Jarmuschs Film „Coffee and Cigarettes“ in einer von Jens Kerbel eigens mit frischem Schaum aufgefülltem Badewanne und Nachrichten aus der „Zeit von morgen“ in der Leseecke im 4. Obergeschoss. Womit nach rund zwei Stunden der Beweis erbracht wäre, dass sich die mitunter recht profane Wirklichkeit gut und gern unterbrechen lässt. Jedenfalls ist das offenbar in Bonn so.

Ulrike Strauch, General-Anzeiger Bonn, 01. Juli 2011


Wirklichkeitstest in den Medien

WDR 3 Mosaik vom 27. Juni 2011: Jens Kerbel und Frank Heuel im Gespräch

      Wirklichkeitstest - Performance Reihe für Bonn