Zu Mördern gemacht

„Winter im Morgengrauen“ im Landgericht Münster

Es mag sein, dass im Hauptgerichtssaal des Landgerichts auch mal ein Schmierentheater stattfindet. Jener „Fall“ allerdings, der hier am Samstagabend „verhandelt“ wurde, war eine dramaturgische Inszenierung und wurde zu einer beeindruckenden Vorstellung der drei Akteure Manuel Klein, David Fischer und Harald Redmer, einst Mitbegründer des „Pumpenhaus“-Theaters.

Es ist die Sprache, die als Erstes verwahrlost, wenn eine Gesellschaft anfängt zu verrohen. Da wird die systematische Ausrottung von Menschen hygienisch zur „Säuberung“. Neue Rekruten beim Militär übernehmen leicht unmittelbar und unreflektiert den Jargon ihrer Vorgesetzten. Kommandoton und Sprache wird im Krieg zum ersten Anzeichen der Entseelung des Einzelnen zugunsten der Gruppe, zugunsten der „Sache“. Der Soldat wird zum Handlanger. Der Handlanger mutiert auf Befehl zum blindlings handelnden Monster.

In seinem Roman „Winter im Morgengrauen“ entlarvt der dänische Autor Jens-Martin Eriksen die Taktik von Befehlshabern, Gräueltaten als rein mechanische Vorgänge zu versachlichen. Exekutionen heißen hier „Abschluss“, die Ermordeten „die Begleiteten“, der Weg vom Dorf in den Wald zur Massen-Erschießung wird „Begleitarbeit“ genannt.

Der namenlose Ich-Erzähler aus dem Roman wird auf der Bühne durch die drei im Alter aufsteigenden Schauspieler von „fringe ensemble/phoenix5“ dargestellt. Dies erweist sich als ein gelungener Kunstgriff der Dramaturgie. So wird der Protagonist zu dem „Universal Soldier“ aus dem Lied von Donovan, der überall eingesetzt werden kann, der kein Gesicht hat, keinen Namen, kein spezielles Alter, der nur eines kennt: das Prinzip von Befehl und Gehorsam.

Das gezeigte Theaterstück ist die kongenial umgesetzte Bühnenadaption des Romans. Die Darsteller reklamieren ihren Text wie bei einer Aussage vor Gericht. Die Zuschauer werden zu Geschworenen in einem Prozess. Doch verstehen sich die Ich-Erzähler nicht als Angeklagte, sondern eher als Zeugen. Sie agieren, als erzählten sie einfach die Geschichte von sich und ihren Kameraden, wie sie – herausgerissen aus Familie und Alltag – irgendwo im Niemandsland zu Mördern an der Zivilbevölkerung gemacht wurden. Doch jeder spürt: Hier will sich einer rechtfertigen. Einer, der sich rehabilitieren muss, vor sich selbst, um wieder ein „normales“ Leben führen zu können. Doch das Urteil spricht am Ende nicht ein Richter. Das Urteil stand längst fest. Denn allen, die dabei gewesen sind, war klar: Sie hatten sich bereits verwandelt in lebendige Tote.

Gerold Marius Glajch
Westfälische Nachrichten, 17. Mai 2010
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Von der Banalität der Mörderbanden

Frank Heuel inszeniert im Ballsaal einen Roman des Dänen Jens-Martin Eriksen

Die Struktur von „Winter im Morgengrauen“ bildet sich in der zentralen Szene ab. Besseres lässt sich von Theater nicht sagen. Junge Milizionäre erschießen Dorfbewohner im Wald. Am Gewehr sind sie kurz eingewiesen worden. Sie sollen es am Hinterkopf ansetzen, das sei am schmerzlosesten. Der Hauptmann hat sie auf die Bedeutung des Auftrags und ihre Verantwortung hingewiesen. Wer sich ihr nicht gewachsen fühle, könne sich abmelden.

Es meldet sich niemand. Doch die „Säuberungsaktion“ läuft nicht reibungslos. Einer macht kurzen Prozess durch Genickschuss. Ein anderer, der letzte, vermutlich voller Skrupel, schießt sein schreiendes Opfer erst in die Schulter, dann in den Leib, was im Kopf des ersten eine schlimme Denkmechanik auslöst: Man könne so etwas gut machen, aber auch schlecht. Die Verantwortung trägt die Instanz, der Hauptmann. Ihre, der Schützen, Aufgabe sei es, es dem Opfer leicht zu machen.

Die Szene steht in dem Roman „Winter im Morgengrauen“ des Dänen Jens-Martin Eriksen(1996, deutsch 2002). Und in Frank Heuels Inszenierung mit dem fringe ensemble, die im Endenicher Ballsaaltheater stark applaudiert zu ihrer Bonner Premiere kam. Schärfer, genauer kann man literarische Texte nicht auf die Bühnen bringen als Heuel. Die fringe-Technik, die originale Textzitate hier auf drei Sprecher verteilt – kompliziert, weil noch einer, nicht Eriksen, auftritt, der ihren Bericht von den Gräueln aufgeschrieben hat.

Das hält die Fiktion des Unsäglichen aufrecht: Nie, sagen sie, aus dem Dienst entlassen, könnten sie über das Grauen sprechen. Es ist diese Psychomechanik, nach der Bürgerkriege funktionieren, in denen der Nachbar der Feind ist. Da muss äußerer Druck innere Hemmungen niederlegen. Oder man muss Auswege suchen, dann schlachtet ein anderer den ehemaligen Mitschüler ab, den man unter den Opfern, der einen selbst unter den Tätern entdeckte. Oder einer steigert sich in die scheinbar unschuldige Wut.

Das fringe ensemble hat exzellente Sprecher für die Stimmenregie, die gleiche Texte in verschiedenem Tempo zusammenführt oder verschiedene Texte und gleichem Tempo. Für die banale Virtuosität gibt es keinen adäquaten Gegenstand als die Banalität von Mörderbanden. Die Entstehungszeit verrät, dass es sich ums ehemalige Jugoslawien handelt. David Fischer ist glänzend der agile Mittelpunkt, gut stellen sich Harald Redmer und Manuel Klein dazu. Erstaunlich wenig Szene braucht das Ganze: Eduardo Seru hat eine Bretterwand gebaut, die irgendwann zerlegt wird.

H.D. Terschüren
Bonner Rundschau, 04. März 2009

Fringe Ensemble spielt „Winter im Morgengrauen“ im Theater im Ballsaal

Die Banalität des Bösen: Stück des dänischen Autors Jens-Martin Eriksen zeigt, was Krieg aus Menschen machen kann

Die Philosophin Hannah Arendt hat den Begriff geprägt: die Banalität des Bösen. Ein Begriff, der mit dem Massenmord der Nazis verbunden ist und sich gleichfalls aus diesem Kontext lösen und übertragen lässt. Wo auch immer sich eine Maschinerie der Macht in Gang setzt, die ihre Untergebenen durch Propaganda und Manipulation zu Gewaltexzessen und der fabrikmäßigen Ermordung unschuldiger Zivilisten treibt. Genau das widerfährt dem namenlosen Protagonisten des Romans „Winter im Morgengrauen“, den der dänische Schriftsteller und Theaterautor Jens-Martin Eriksen 1996 mit Blick auf die Gräueltaten im Kosovo schrieb und aus dem Regisseur Frank Heuel für die Produktionsgemeinschaft Fringe Ensemble /Phoenix 5 jetzt ein 90-minütiges, packendes und verstörendes Drama gemacht hat.

Und das in einer Sprache, die so erschreckend prosaisch klingt wie auch in der Romanvorlage und der Banalität des Bösen wieder ein neues Gesicht gibt. Auch wenn niemals direkt von „ethnischen Säuberungen“ gesprochen wird, ist der menschenverachtende Zynismus dahinter doch in jeder Minute spürbar; sozusagen zum Greifen nah.

Dabei erweist sich Heuels Idee, die Rolle des Protagonisten mit den drei im Alter aufsteigenden Schauspielern Manuel Klein, David Fischer und Harald Redmer zu besetzen, als nahezu genial. Dieser Kunstgriff führt einerseits dazu, die Zerrissenheit des anonymen Soldaten einer ebenso anonymen Miliz in einem Kriegsgebiet irgendwo in Europa zu demonstrieren und sein Schicksal andererseits zu verallgemeinern. Dabei beginnt die Geschichte eher unspektakulär mit einer Gruppe junger Soldaten, die nach gerade mal einem Tag „Grundausbildung“ in einer zur Kaserne umfunktionierten Schule auf ihre Marschbefehle warten. Sie sollen die Männer eines Dorfes – kurzum nur „die Begleiteten“ genannt – eskortieren. So heißt es jedenfalls zunächst. Doch schnell wird klar, dass es damit nicht getan ist und der Protagonist und seine Kameraden an Erschießungen teilnehmen.

Dabei, so erzählt er, sei es wichtig gewesen, dass sich alle gleichzeitig vor dem Graben aufstellen, damit keiner fürs Sterben noch Schlange stehen müsse. Nur ein paar Tage dauert es, bis aus den Soldaten willenlose Vollstrecker geworden sind, die allenfalls noch nach logistischen Problemen bei den Exekutionen fragen.

Bis der Erzähler eines Tages einem alten Freund aus Kindertagen gegenübersteht. Er bringt es nicht fertig, ihn zu erschießen. Er lässt nur zu, dass ein anderer den „Job“ erledigt, während die Augen des Opfers ihn verfolgen. Klein, Fischer und Redmer verleihen der Figur eine bedrohlich-banale Intensität. Schade ist nur, dass beim Zuhören über 90 Minuten die Konzentrationsfähigkeit mitunter etwas leidet. Das Hauptaugenmerk des Stückes liegt auf dem Text.

Das ist die Stärke und manchmal eben auch die Schwäche dieser Inszenierung, die niemanden kalt lassen wird. Um zu zeigen, dass Krieg auf allen Seiten unbarmherzig seine Opfer fordert, reicht manchmal eben schon ein lakonischer Bericht.

Ulrike Strauch
General-Anzeiger Bonn, 28.02.2009

Bis zur Selbstzerstörung

Fringe Ensemble und Phoenix5 spielen den Roman „Winter im Morgengrauen“ im Theater im Ballsaal.

Irgendwo im Nirgendwo spielt der Roman „Winter im Morgengrauen“ des dänischen Autors Jens-Martin Eriksen. Willkürlich erscheinen die Namen der Orte wie Alabama, Columbus, Kambodscha oder Sansibar. So wie auch die Namen der Soldaten Gamma oder Delta, aber auch Möbius und groteskerweise „Ludo“, der Spielende, beliebig sind. Sie sind zum Einsatz berufen worden und werden ihre Mission gewissenhaft ausführen.

In der Form eines Berichtes erzählt der namenlose Ich-Erzähler, Literaturstudent Z, wie er in einer Miliz seinen Dienst absolviert und schließlich an einer „Säuberungsaktion“ unter der Zivilbevölkerung beteiligt ist. Dabei reflektieren die Täter immer wieder die einzelnen Stationen von anfänglichen Zweifeln am Gehorsam über den Verlust der eigenen Urteilskraft bis hin zu Zügen der Selbstzerstörung.

Frank Heuel hat sich mit dem Roman von Eriksen an harten Stoff herangewagt – die szenische Umsetzung ist ihm in einem Drei-Mann-Stück hervorragend gelungen. Das liegt zu einem Großteil auch an der personellen Besetzung. Denn die drei Darsteller überzeugen nicht nur durch ihre souveräne Sprechleistung, sondern vor allem durch ihre schauspielerische Gestik und Mimik. Mal mit hängenden Schultern, verstört verwundbar wie kleine Jungen, mal überlegen, verlebt und gezeichnet von den Erfahrungen.

Das Bühnenbild: ein karger Bretterzaun. Die drei Schauspieler, ein jüngerer fast noch kindlich wirkender Mann, zwei Ältere in khaki-grün-brauner Bekleidung sitzen mal auf dem Boden, mal auf Stühlen, berichten mal im Stehen.

Erzählt werden Auszüge aus dem Alltag der Soldaten. Die Einweisung beginnt mit dem Drill militärischen Gehorsams, der Kommandant lehrt die Soldaten, den Blick zu senken. Dabei wirken die Soldaten wie abrupt Hineingeworfen in das Geschehen: „Wir hatten nur einen Monat eine notdürftige Ausbildung erhalten, waren nichts weiter als eine Hand voll Amateure in Sansibar“. Zu Beginn reflektiert der Soldat noch, dass nur der Zufall gewollt hatte, dass er auf dieser Seite stand und nicht auf der anderen, innere Zerrissenheit wie Distanz zum Soldatendasein wird klar.

Rasch folgen jedoch morbide Bilder: „Ein Gesicht, dass daliegt und stumm zu uns schreit – der Schrei eines verkohlten Körpers.“ Wieder einmal wählt Regisseur Heuel in seiner Umsetzung die Methode der Text- und Stimmen-Überlagerung. So entsteht aus den grausamen Berichten Stück für Stück ein vielschichtiges Bild, fügen sich Einzelteile schließlich zu einem Mosaik des Schreckens. Auf diese Weise liefert Heuel Ansätze für Erklärungen von etwas eigentlich Unerklärlichem: wie man an einem Massaker beteiligt sein kann und zum Mörder an Unschuldigen wird. Aus den erzählenden Perspektiven werden einige Handlungen nachvollziehbar, Mechanismen verständlich, die den Soldaten bis zuletzt unverständlich bleiben.

So wird der Kommandant zum „Richter über Leben und Tod“, dessen es bedarf, denn er gibt die Anweisungen, wenn es angesichts der Fassungslosigkeit keinen Plan gibt: „Ich glaube, ich hatte mein Leben lang auf einen solchen Kommandanten gewartet … Wir waren sofort mitten drin, es existierte ein Tagesbefehl, den andere erlassen hatten.“

Das eigene krude Verhalten führt zu Schuldgefühlen und artet aus in Selbsthass und dem Wunsch nach Selbstzerstörung. In der Situation, in der die bedrohlich wirkenden Soldaten von der Zivilbevölkerung angestarrt werden, reflektiert einer der Soldaten verzweifelt: „In gewisser Weise sind doch wir die Ausgelieferten.“

Sukzessive bemerkt der Soldaten den Verlust gewöhnlicher Gefühle und ist schließlich willig, sich instrumentalisieren zu lassen: „All das verlor da draußen seine Widerstandskraft, wurde zerfressen … Der Tod wird uns übertragen, er wird zur eigenen Sprache … Man ist bereit die Augen zu schließen, man ist bereit ein Akteur des Todes zu sein.“

Die Verblendung wird allerdings erst in der Retrospektive erkannt. Das Verlieren des Verstandes und der eigenen Urteilskraft erscheint lediglich als Begleiterscheinung. Nach dem Massaker wirkt das Alltägliche geradezu banal: „Wir taten nichts. Wir überließen uns dem Zufall – ganz professionell sozusagen.“

Nach vollstreckter Mission ist das Morden alltäglich geworden, so selbstverständlich wie der Biss in einen Apfel: „So schnell geht das. So leicht und ich behaupte, kein Mensch merkt irgendwas. Man selbst ist Null! Hier draußen in Madagaskar, in Sansibar ist Null.“ Die Mienen der Soldaten am Ende der Kampagne sind abgestumpft und ausdruckslos – ein Eindruck, der durch das Aufsetzen von Sonnenbrillen nur noch verstärkt wird. Ihr eigenes Resümee ist nüchtern und spiegelt die scheinbar banale Realität wider: „Wir waren der Rohstoff, den die Kampagne brauchte.“

Die etwa 90-minütige Inszenierung schafft es, das Publikum in einen Zustand des Luft-Anhaltens und des Erschauderns zu versetzen, lässt die Zuschauer selbst über Berichtetes reflektieren, ohne jedoch den moralischen Zeigefinger zu erheben. Die anhaltende Anspannung und Beklemmung entlud sich am Ende des Stücks in erleichtertem Aufseufzen und rauschendem Beifall, der gar nicht mehr aufhören wollte.

Anina Valle Thiele
kultur-in-bonn.de, 03. März 2009

Wenn der Krieg knackst…

Irgendwo in Europa. Die Orte tragen Namen wie Madagaskar, Columbus, Alaska, die Kameraden heißen Gamma, Delta oder Möbius. Sie stehen für das Namenlose, Gesichtslose, das in allen Kriegen gleich ist. Es sind die schlimmen Geschichten, die manchmal ganz harmlos anfangen, wie das fringe ensemble in Kooperation mit phoenix5 am Donnerstag im Pumpenhaus zeigte.

Ein namenloser Erzähler berichtet in „Winter im Morgengrauen“, wie er zu einer Miliz abkommandiert wird, mit der er vier Wochen lang „Säuberungen“ durchführen soll. Glaubt er anfangs noch, die Erlebnisse wieder abschütteln, aus seinem Leben tilgen zu können, übernimmt er nach und nach die Ideologie des Tötens, wird infiltriert.

Der Erzähler beschreibt in der nüchternen Sprache des Krieges. Der Sprache, die ins Leere greift, wenn sie mit technischen Umschreibungen das Entsetzliche normal erscheinen lassen will. Getränkt ist von Hüllwörtern. Die Unschuld? Längst vergangen. Statt in Unschuld wäscht man hier die Hände in Blut rein. „Winter im Morgengrauen“ in der Regie von Frank Heuel zeigt eindrucksvoll die Relativität von Normen im Krieg, von Menschlichkeit, von Wirklichkeit – den Riss in der Welt, den der Krieg schafft. Der danach nicht zu kitten ist, weil die Teile einfach nicht mehr zusammenpassen.

Die Handlung ist sehr reduziert, viel geschieht in der Innenperspektive der Hauptfigur, die mit David Fischer, Manuel Klein und Harald Redmer gleich dreifach besetzt ist. Nur einmal bricht die Verzweiflung, die Frustration hervor: „Krach!“, ein Apfel nach dem anderen knallt gegen den Bretterzaun, den die drei Erzähler zertreten. „Knacks“ macht es, wenn die Latten brechen. Es kracht, wenn sie ins Obst beißen, mit Gier und Verachtung, die sich in ihren Gesichtern gepaart haben.

„Winter im Morgengrauen“ zeigt eine Geschichte der inneren Veränderung, die nach außen dringt, nach und nach durch alle Poren hervorbricht. Es ist die Geschichte eines Opfers, das selbst zum Täter wird, dem namenlosen Grauen des Krieges ein Gesicht gibt. Das Stück lässt bewusst Leerstellen, lässt den Zuschauer allein mit Fragen nach Schuld, Verantwortung, Normen. Erhebt keinen Zeigefinger. Das ist seine Stärke: Hier ist der Zuschauer in der Verantwortung, zu urteilen. Der Autor der Romanvorlage, Jens-Martin Eriksen, war bei der Premiere anwesend und begeistert über die Umsetzung seines Romans.
Maria Berentzen
Westfälische Nachrichten, 31. Januar 2009

In einer Sprache, die Soldaten das Gehirn wäscht

Den eroberten Dörfern haben sie eigenwillige Namen gegeben: Alaska, Madagaskar, Sansibar. Ihre Kameraden heißen Delta oder Gamma. Die Zivilbevölkerung, die sie zur Exekution führen, nennen sie „Begleitete“. Es ist die euphemistische Sprache des Krieges, die hier zum Einsatz kommt. Eine Sprache, die Soldaten das Gehirn wäscht. Ohne sie wären die Gräuel auf den Schlachtfeldern nicht möglich.

In seinem Roman „Winter im Morgengrauen“ schildert der dänische Autor Jens-Martin Eriksen die Mechanismen, die Menschen zu Werkzeugen des Todes machen. Das Bonner fringe ensemble und phoenix5 aus Münster haben daraus eine Bühnenstück geschaffen, das am Donnerstag im Beisein des Autors uraufgeführt wurde.

Im Mittelpunkt steht ein Student, der zum Kriegsdienst abkommandiert wird. Der namenlose Protagonist ist mit David Fischer, Manuel Klein und Harald Redmer dreifach besetzt und damit entindividualisiert. In diese Richtung zielt auch Frank Heuels Regie, wenn er die Schauspieler in fast beiläufigem Ton von den „Säuberungsaktionen“ berichten lässt. Man muss genau hinhören, um zu erkennen, wie der junge Mann die ihm zunächst fremde Kriegsideologie immer mehr verinnerlicht.

Das Stück ist so minimalistisch inszeniert, dass man beinahe von einer Nicht-Inszenierung sprechen könnte. Fast unbemerkt baut sich eine Spannung auf, die sich unvermittelt in einer Zerstörungsorgie entlädt, bei der die Darsteller Bretter aus der Scheunenwand am hinteren Bühnenrand reißen. Kaum eine Minute dauert dieser Spuk, und doch markiert er einen wichtigen Wendepunkt. Die Gewalt ist zur Normalität geworden und damit zu einem allgemein akzeptierten Zustand.

Heuels Konzentration auf den Text bei gleichzeitigem Verzicht auf realistische Darstellung fordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Aber es lohnt, sich auf diese theatrale Studie über Manipulierbarkeit des Menschen einzulassen. Das fand auch Eriksen. Die Inszenierung, erklärte er, arbeite die Essenz seines Romans heraus, den er 1996 „aus Ärger und Frustration“ über den Zustand der Welt geschrieben habe.
Helmut Jasny
Münstersche Zeitung, 31. Januar 2009

Premiere in Münster im Theater im Pumpenhaus

Anmoderation: „Winter im Morgengrauen“ ist der Titel eines Romans von Jens-Martin Eriksen, der 1997 in Kopenhagen erschienen ist. Einige Jahre später wurde er ins Deutsche übersetzt und feierte bei uns ähnlich große Erfolge wie in Dänemark. Nun ist der Roman auch auf der Bühne zu sehen. Das Bonner fringe ensemble hat sich in Koproduktion mit phoenix5 aus Münster mit dem Buch auseinandergesetzt. Darin geht es vor allem um eine Frage, die sich angesichts von Krieg und Gewalt immer wieder stellt: Wie werden Menschen, die vorher noch ein ganz normales Leben geführt haben, plötzlich zu Handlangern des Todes? Isabell Steinböck über die Uraufführung unter der Regie von Frank Heuel im Pumpenhaus, Münster:

Drei Männer unterschiedlichen Alters sitzen auf der Bühne und erzählen. Sie sprechen von Bürgerkrieg, irgendwo in Europa, und von der Grausamkeit der Miliz. Alle drei verkörpern den Ich-Erzähler, um den es hier geht, einen Literaturstudenten, der bis zum Schluss anonym bleibt. Und auch der Bericht soll geheim bleiben:

o-Ton: Was mir hier zugestoßen ist, wird, so hoffe ich, nur hier offenbart werden…wenn einer von uns … zu erzählen begänne, so würde dies … das Leben aller anderen in Stücke reißen.

Nur vier Wochen sollen die Milizionäre in ihrem Lager, Alabama genannt, aushalten, dann dürfen sie wieder nach Hause. Der Anfang ist banges Warten, auf den Moment, in dem sie systematisch töten müssen. In seiner Verzweiflung sieht der Ich-Erzähler in die Sonne, versucht sich blind zu starren:

o-Ton
: Ich brauche dieses Augenlicht nicht mehr, ich brauche diese Augen nicht mehr. Macht mich unschuldig!

o-Ton, Musik: Take me home to Alabama

Doch der Genozid geht seinen Gang. Man fügt sich, ist der Angst und des Wartens überdrüssig, resigniert, gehorcht, tötet. Was gegen die eigene Moral verstieß, was menschenunwürdig, mitunter geradezu absurd schien, wird stumpf abgearbeitet. Auch das eigene Leben ist schließlich gleichgültig und nur im Suff zu ertragen. Unmöglich wird das Töten erst in dem Moment wieder, als der Protagonist einem Freund aus Kindertagen gegenübersteht…

In Frank Heuels Bühnenfassung bleibt Jens-Martin Eriksens Roman das, was er ist: ein kühler, analytischer Bericht. Dass der Regisseur den Ich-Erzähler dreifach besetzt – David Fischer, Manuel Klein und Harald Redmer wechseln sich in ihrer Rede ab – verstärkt die Distanz noch. Interaktionen zwischen den Kameraden, die dem Einzelnen Profil verleihen könnten, sind auf ein Minimum gekürzt. Aber gerade dadurch wird die im Krieg so zentrale Bedeutung der Gruppe herausgearbeitet. Wenn die drei im Chor sprechen, ist der Ich-Erzähler nur noch Teil eines Ganzen. Etwa, als sich die Milizionäre angesichts ihrer Morde mit den Worten des Kommandanten beruhigen:

O-Ton: Und ich kann es hören, das Echo jener Sprache, die wir vom Kommandanten gelernt hatten.… Es mag eine dreckige Arbeit sein, aber einer muss sie schließlich machen, wir haben Richtlinien, … das Ganze ist wohldurchdacht.

Die Theaterfassung erscheint streckenweise wie eine gut inszenierte Lesung. Selten werden die Schauspieler aktiv, kommen Musik und Requisiten zum Einsatz. Der Regisseur meidet eine Verfremdung der Buchvorlage, lässt den Text sprechen. Und der ist spannend genug.

Isabell Steinböck
WDR5 scala, 02.02.2009