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Presse 1 / Von der Front und den Hunden | Kreutzer Leipzig


Presse 2 / Europa vor den Hunden | Mephisto


Presse 3 / Gelungene Balance zwischen Seichtem und Substanz | Leipziger Volkszeitung


Presse 4 / Aberwitzige Blicke in Vergangenheit und Gegenwart | General-Anzeiger Bonn


Presse 5 / Wo ist die Front? | choices.de


Presse 6 / Jurybegründung, Bewegungskunstpreis 2014, Leipzig


Presse 7 / „Vor den Hunden“ – Vier Stunden gegen die endlosen Kriege | Westfälische Nachrichten


Von der Front und den Hunden

»Vor den Hunden« ist der gelungene Abschluss des Millenium Front Theaters

Zwei Jahre Projekt, neun Autoren, zehn Schauspieler und ein Theaterabend – das Finale des Millenium Front Theaters war mit Spannung erwartet worden und die entlud sich am Samstag in der Schaubühne Lindenfels in einem vierstündigen Abend rund um Krieg, Fronten und Hunde. Hat sich der Aufwand gelohnt?

Es ist nach Aussagen von René Reinhardt das aufwendigste Projekt, das die Schaubühne Lindenfels bis jetzt gestemmt hat. Im letzten Jahr versammelten sein Haus und das Bonner fringe ensemble unter der Regie von Frank Heuel neun europäische Autoren, um für mehrere Wochen ins Lager zu ziehen. Drei Wochen lang entstand auf dem Jahrtausendfeld das Millenium Front Theater, das danach noch Station in Münster und Bonn machte, gesponsert vom Doppelpassprogramm der Kulturstiftung des Bundes. Ziel war es, dem Dauergedenken (Völkerschlacht, 1. Weltkrieg etc.) etwas Theatrales entgegenzusetzen und sich der Frage »Wo, wer oder was ist die Front?« mit Mitteln des Theaters zeitgenössisch anzunähern. Das Ergebnis sind einige tausend Seiten Text und viele abwechslungsreiche Theaterabende im Feld, doch das war den Machern der MTF nicht genug. Ein großes Finale musste her und so taten sich Heuel als Regisseur und Reinhardt als Dramaturg zusammen, um das Konvolut zu ordnen, zu sichten, zu kürzen und zu inszenieren.

Das Ergebnis ist »Vor den Hunden. Theater aus Europa», ein vierstündiger Abend an der Schaubühne Lindenfels (der im Laufe der Woche in seinen beiden Teilen einzeln präsentiert wird und am Wochenende noch einmal komplett): eine Revue der Beklemmung, die den Zuschauer in seinen Bann zieht. Denn dem Team Heuel/Reinhardt und den zehn Schauspielerinnen und Schauspieler, die ebenfalls den Prozess seit dem Camp begleitet haben, gelingt es, die Textfragmente sehr genau und in ganz neuen Bildern zu präsentieren.

Das Bühnenbild ist eine Kathedrale des Militärischen (Ausstattung: Annika Ley, Elisabeth Schille-Witzmann). Der offene Raum ist begrenzt durch Holzpalisaden, im Hintergrund hängt ein Tarnnetz und ein Tryptichon aus Stahlplatten. Die Mitte ist frei, viel Platz zum Spielen. Den Anfang machen drei Texte von Lothar Kittstein. Drei Schauspieler lesen abwechselnd Passagen aus jeweils einem Text vor. Lazaretterfahrungen werden so verschnitten mit den Ansichten einer Drohne und dem grausamen Kampf an der Grenze. Sie lesen schnell, schleudern die Worte heraus – kraftvoll, druckvoll, aggressiv. Ein Prolog, denn danach ist Schluss mit Lesen. Die Theaterspiele mögen beginnen.

Zunächst kommen die Hunde. Mit braunen Pappkartons als Masken rennen und springen die Schauspieler über die Bühne, das Leitmotiv ist etabliert. Der erste Abend ist eine dichte düstere Revue mit zahlreichen Ausflügen ins Absurde. Alexander Molchanovs »Der Stein«, ein Text, der Pussy Riot, Online-Aktivismus und eine russische Wahrnehmung der Völkerschlacht in einer Verhörsituation vermengt, ist bisweilen urkomisch, besonders wenn die Schnurrbärte nicht halten wollen. Grotesk wird es bei Madelaine Bariles »Im Bett«, wenn Laila Nielsen und David Jeker in einer halbnackten Clowneske über die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes streiten. Dazwischen stehen kleine Szenen wie etwa Kittsteins »Im Bunker«, das auf dem Jahrtausendfeld noch in einem improvisierten Unterstand mit beklemmender Atmosphäre gespielt wurde und hier als schwarzhumoriger Irrsinn erscheint. Das dicke Ende ist Jens-Martin Eriksens »Breivik im Puppenhaus«, eine Annäherung an den Massenmörder von Utoya (das als großes Luftbild entrollt wird), die nicht nur Fragen nach Schuld und Verantwortung stellt, sondern auch offensiv Fragen der Darstellbarkeit des realen Grauens verhandelt. Hier würde man gerne den gesamten Text lesen und nicht nur die für den Abend gekürzte Variante kennenlernen.

Der zweite Teil ist disparater mit größeren Textblöcken. Nach einem nebelumhüllten Start mit Magdalena Bariles »Der Heilige« nimmt Ivo Briedies bitterböse Satire auf die Werbebranche »Wo ist die Frontlinie?« mit Live-Musik und weißem Flokati einen Großteil ein, bei dem ein Werbeteam versucht eine durchschlagende Kampagne für Sterbehilfe zu entwickeln. Ansonsten wird die Tagebuchreihe von Andreas Vonder fortgesetzt und am Ende steht als Agitproptheater mit Prolog und Schlussapotheose Goran Ferčecs Adaption der Matthäuspassion »Arbeitsschlachten« an. Ferčec überträgt Bachs musikalische Strukturen auf einen Text über den Hungerstreik von 20 kroatischen Näherinnen, was in der Schaubühne als sehr rhythmisches chorisches Rezitativ zelebriert wird. Fulminanter Schluss für einen großartigen Abend.

Insgesamt ein gelungener Versuch, der trotz seiner Länge und seiner schieren Überfülle an disparaten Inhalten und Eindrücken erstaunlich zuschauerfreundlich daherkommt, auch wenn er für alle Beteiligten ein Kraftakt bleibt. Antworten gibt der Abend freilich nicht, aber er stellt die richtigen Fragen. Unbedingt sehenswert.

Toben Ibs, www.kreuzer-leipzig.de

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Europa vor den Hunden

Eine Schlacht aus Bild, Musik und Körperlichkeit tobt zur Zeit auf der Schaubühne Lindenfels. Am Samstag Abend feierte das Theaterstück „Vor den Hunden“ seine Premiere in einer vierstündigen Aufführung.

Ein Bombendrohnenpilot, der seine tödliche Fracht abwirft. Eine Russin, die auf einem öffentlichen Platz ein christliches Monument zerstört, um der Vision ihres Ur-Ur-Ur-Großvaters zu folgen. Ein Autor in der Rolle des norwegischen Attentäters Anders Breivik, und eine junge Frau die ihren letzten Gang auf dem Weg zur Märtyrerin beschreibt.

Atmosphärisch und schonungslos beschreibt das Stück „Vor den Hunden“ Schlachten, die im heutigen Europa toben. Dabei geht es nicht nur um Kriege sondern auch um die kleinen und großen Schlachten, die in jedem von uns und an jedem Ort der Welt zu toben scheinen.

Neun Autoren haben in internationaler Zusammenarbeit Texte verfasst, die in einem zweijährigen Projekt ausgewählt und szenisch umgesetzt wurden. Mit der Uraufführung des Stückes am Samstag erreichte das Projekt „Völkerschlachten“ sein Ende und seinen Höhepunkt.

Hier geht es zur Rezension: Beitrag anhören

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Gelungene Balance zwischen Seichtem und Substanz

Stark auch in den Schwächen: Die Vier-Stunden-Inszenierung „Vor den Hunden“

Am Samstag, 1. März, war es endlich so weit. Das Mammutprojekt VOR DEN HUNDEN feierte seine Premiere. Große Freude herrschte im Publikum und Team über den gelungenen und beachtenswerten Theaterabend, über den die Leipziger Volkszeitung schrieb:

„Eine Inszenierung, die dezidiert auf Text setzt, dabei aber das zehnköpfige, qualitativ homogene Darstellerensemble nicht nur sprechen und skandieren, sondern eben auch spielen lässt und darüber hinaus nicht vergisst, das Visuelle zu bedienen. Womit ‘Vor den Hunden’ insgesamt (…) starkes Theater ist. (…) Theater aus Europa, dargeboten in einer Form, die Europa selbst ganz gut definiert: ‘Vor den Hunden’ ist eine ‘fragmentarische Anthologie’ epischer Länge.“

Hier die Rezension in ganzer Länge:

Theater aus Europa, dargeboten in einer Form, die Europa selbst ganz gut definiert: „Vor den Hunden“ ist eine fragmentarische Anthologie“ epischer Länge. Am Samstag hatte die Vier-Stunden-Inszenierung in der Schaubühne Lindenfels Premiere, Regie führte Frank Heuel.

„Vor den Hunden“ markiert den konsequenten Abschluss jenes ehrgeizigen „Völkerschlachten“-Projektes, das vor zwei Jahren als Koproduktion zwischen dem Bonner fringe ensemble und der Schaubühne Lindenfels seinen Anfang nahm. Und das nicht zuletzt Wirkungspotenzial darin fand, wie es sich – künstlerisch mal besser mal schlechter –  am Kontrapunkt versuchte: Zu den weihräuchernden Feistigkeiten eines ausgehöhlten Konservatismus-Begriffs ebenso wie zum volkstümlich kanonenböllernden Schlachte-Spaß-Event in historischen Uniformen plus pflichtschuldiger Schweigeminute, mit der sich das „Gedenken“ an das Kriegsgemetzel von 1813 in Leipzig gern gerierte.

Nun muss man all das freilich nicht in Bezug setzen zu „Vor den Hunden“; aber behält man es als Projektionsfläche im Hinterkopf, reiben immer wieder mal Szenen und Sentenzen gerade auch daran: Nicht, dass es etwa die eigentliche Intention jenes Satzes ist, der im Stück irgendwann von den Kindern erzählt, die Verstecken spielen in einer Halle voller Särge – aber unabhängig von diesem konkret starken Bild und dessen Zielrichtung im dramaturgischen Gefüge wird das darüber hinaus zur Metapher. Einer des sarkastischen Kommentars.

Wie auch die – diesbezüglich dann freilich ganz zielgerichteten – leitmotivischen Auftritte von Harpo und Groucho Marx, die über die Bühne in absurden Bewegungen scheinbar steinschwere Pappkisten schleifen, die mit der Aufschrift „Demokratie“ und „Freiheit“ versehen sind. Und mag das auch platt klingen, fügt sich das dennoch bestens in eine Inszenierung, die insgesamt eine zwischen Oberflächenstrudeln und Tiefenströmungen ist. Was auch heißt: eine zwischen Seichtigkeit und Substanz.

Bei einem Theaterkonglomerat nun, zu dem insgesamt neun europäische Gegenwartsautoren Texte lieferten, die sich wiederum aus abendfüllenden Stücken, Miniaturen und Monologen destillierten, ist das nicht verwunderlich. Und vorzuwerfen gibt es „Vor den Hunden“ auch insofern nichts, weil Heuels Regie wie auch die Dramaturgie René Reinhardts es vermochten, diesen Materialwust zu etwas Organischem zu verfügen.

Zu eben jener „fragmentarischen Anthologie (Reinhardt), die auch in den qualitativ schwächeren Passagen jene Kraft und Kompaktheit bewahrt, die dem Fragment als dem komprimiert Unvollendeten eigen sein kann. Und so trägt sich auch der im Vorfeld mit Skandal-Raunen umwehte Text „Breivik im Puppenhaus“ des Dänen Jens-Martin Eriksen, der den norwegischen Massenmörder zu Wort kommen lässt und ob dem sich gut zeigt, wie Theater sprachlich und szenisch eiert und zappelt, wenn es sich einer auch emotional schmerzhaft nagen Wirklichkeit widmet, vor der es dann wirkt, wie ein hilfloser Dompteur vorm tollwütigen Köter.

Selbst mit den bewährten Theaterknifffen der Brechung, des Kommentars, des Spiels im Spiel ist dem nicht beizukommen. Der einzig mögliche Ansatz wäre, diese Hilflosigkeit (die ja eine der Gesellschaft ist) zu formulieren, ein Scheitern produktiv zu machen. Mag sein, dass Eriksens Text das in seiner Gesamtheit versicht. Im gezeigten Fragment ist es bestenfalls zu ahnen.

Sehenswert bleibt es aber durch die Verfügung im Gesamtkontext der Inszenierung, deren Einzelteile sich gegenseitig hinterfragen, kommentieren, oder konterkarieren. Vom in bewusster Spröde gehaltenen Anfang (drei Schauspieler lesen Monologbrocken des Autors Lothar Kittstein) geht der Rekurs zum napoleonischen Krieg (Text: Alexander Molchanow), der seine Zerrspiegelung später in jenem Krieg findet, der im Namen eines sinnleeren Narzissmus in den Etagen trendiger PR-Firmen tobt, zu deren Dekadenz das Stückfinale mit „Arbeitsschlachten“ den größtmöglichen Kontrast bietet.

Der kroatische Autor Goran Fercec thematisiert darin den Hungerstreik von Näherinnen einer Textilfabrik. Heuel kleidet das in ein Klassenkampf-Oratorium, ein Passionsspiel, von dem man nicht glaubte, dass es so noch möglich ist. Schauspielerinnen sprechen und singen zum monotonen Takt der Nähmaschinen, vor denen sie stehen. Männer liefern den chorischen Gegenpart, und die Musik Bachs erhöht eine Begebenheit, von der man weiß, wie deprimierend alltäglich sie ist, aus eben dieser Alltäglichkeit.

Allein dafür lohnt „Vor den Hunden“. Eine Inszenierung, die dezidiert auf den Text setzt, dabei aber das zehnköpfige, qualitativ homogene Darstellerensemble nicht nur sprechen und skandieren, sondern auch spielen lässt und darüber hinaus nicht vergisst, das Visuelle zu bedienen (Bühnenbild/Kostüme: Annika Ley, Elisabeth Schiller-Witzmann). Womit „Vor den Hunden“ insgesamt in seinen Schwächen starkes Theater ist.

Steffen Georgi, Leipziger Volkszeitung, 3.05.14


Aberwitzige Blicke in Vergangenheit und Gegenwart

Zwei clowneske Figuren, die an Harpo und Groucho Marx erinnern, schleppen große Pappkisten über die Bühne. „Freiheit“ und „Demokratie“ steht darauf geschrieben, aber das Gewicht bleibt unbestimmt. Es ist eine der komischsten Szenen aus dem Konvolut von neun Stücken, die der Regisseur Frank Heuel zu dem vierstündigen Abend „Vor den Hunden“ verdichtet hat. „Wo ist die Front?“, haben sich Autoren aus neun europäischen Ländern anlässlich des Leipziger „Völkerschlacht-Jubiläums“ gefragt und die heutigen Schlachtfelder untersucht.

Die Inszenierung des fringe ensembles im Ballsaal baut daraus ein fragmentiertes dramatisches Universum mit aberwitzigen Blicken in Vergangenheit und Gegenwart und raffinierten Motiv-Verknüpfungen. Die titelgebenden Hunde kläffen und beißen. Einer taucht im anfänglichen „Todesstreifen“ auf. Der in einer verwüsteten Stadt von der Frau des ermordeten Sargschreiners zurückgelassene hungrige Rasseköter Gilbrecht frisst genüsslich einen Menschenfuß; später wird berichtet von einem humpelnden Mann, der seinen Fuß im Bürgerkrieg verlor.

Und die geflohene Frau wird schmerzhaft zeigen, wie ihre körperliche Existenz nur noch durch Stützstrümpfe am ganzen Leib zusammengehalten wird (Text: die Französin Marie Nimier). Ansonsten dienen Umzugskartons als Masken und Spielmaterial im hundsgemeinen Rundumblick auf die Kampfzonen zwischen moralisch verwahrloster Wirtschaftsmacht und zweifelhaftem Widerstand.

In der Ausstattung von Annika Ley und Elisabeth Schiller-Witzmann markieren bewegliche Holzpalisaden vor einem Hintergrund aus militärischen Tarnnetzen die wechselnden Schauplätze. Zwischen den Zuschauerreihen führt ein Gang bis ins Foyer, aus dem die Schauspieler wie in eine antike Arena rennen.

Mit wildem Geschrei und animalisch naiver Nacktheit mit blau angestrichenen Brüsten tut das Laila Nielsen als Revoluzzer-Girl „im Bett“, wo ihr schläfriger Freund (David Jeker) eher seine Ruhe sucht. Viel bemalte Haut unter einem reizenden Pelzjäckchen zeigt auch Justine Hauer als Tatjana, die ein Gedenkkreuz für die im großen vaterländischen Krieg Gefallenen zersägt hat und in einem grotesken Verhör mit einem kleinen Gerichtsbeamten (David Fischer) eine metaphorische Linie zieht von der 200 Jahre zurückliegenden Völkerschlacht zu Pussy Riot und Petrus, auf den Christus seine Kirche baute. Der Text „Der Stein“ stammt von dem russischen Dramatiker Alexander Molchanow und ist einer der verrücktesten in dem ganzen Stimmengewirr.

Auf einem weißen Flauschteppich versinkt ein Kreativdirektor zwischen Kokswolken ins Koma und wird zum lukrativen Werbeträger einer Kampagne zur Sterbehilfe. Der Lette Ivo Briedis hat diesen mordslustigen Kommentar zum Geschäft mit dem Tod beigesteuert. In rosarotem Nebel fantasiert Bettina Marugg vom Heiligen und den letzten Minuten einer bombenseligen Märtyrerin (Text von der Italienerin Magdalena Barile).

Ein wenig zäh ist vor der Pause die angestrengte Theatralisierung des norwegischen Massenmörders Breivik im Puppenhaus (Text von dem Dänen Jens-Martin Eriksen). Grandios dagegen ist der Schlusschor, in dem Bachs „Matthäuspassion“ aus dem Reich des kinderfressenden Medienhelden Saturn auf den Hungerstreik von um ihren Lohn betrogene Textilarbeiterinnen trifft (Text von dem Kroaten Göran Fercec). Manuel Klein singt den Evangelisten und dirigiert die ganze Schar zur Musik von Gregor Schwellenbach.

Zum fabelhaften zehnköpfigen Ensemble gehören noch Philine Bührer aus der einstigen Schauspieltruppe des Bonner Stadttheaters, der exzellente Ismail Deniz, der in jeder Rolle brillante Andreas Meidinger und der nicht immer sprachlich ganz verständliche Pole Maciek Brzoska. Über allem schwebt in zehntausend Metern Höhe ein Autopilot (Text: Lothar Kittstein) und sieht weit unten eine Hochzeitsgesellschaft in roten Flammen.

Das schöne grüne Land würde er gern mal als Tourist erkunden und die bleichen Knochen der Opfer unter der schwarzen Erde vergessen. Aber die Hunde wühlen und wüten gespenstisch rum. Absurd böse, schamlos irre, manchmal bloß billig albern, aber intelligenter als das teure selbstverliebte Spaßtheater, mit der das Bonner Stadttheater auf die Generation U 30 spekuliert.

Elisabeth Einecke-Klövekorn, General-Anzeiger Bonn, 9.04.14


Wo ist die Front?

„Vor den Hunden“ im Theater im Ballsaal

Eine Frau ruft das Unglück wie einen verlorenen Freund herbei. Am Körper trägt sie ein kurzes Kleid, darunter lugen an den Armen Bandagen hervor, an den Beinen sind kleine Wülste erkennbar. Die Frau ist in einem fremden Land gestrandet. Unsentimental erzählt sie ihre Geschichte, während ihr Körper aufzuplatzen droht. Im Hintergrund erhebt sich plötzlich ihr toter Mann, ein Sargschreiner, singt Townes van Zandts „Nothing“ und berichtet von vielen tausenden Toten, auf deren Leibern Städte wiederaufgebaut wurden.

Zwei Kurzstücke von Marie Nimier, die zu den verstörendsten dieses vierstündigen Abends gehören. Zwei Jahre haben das Bonner Fringe Ensemble und die Schaubühne Lindenfels zusammen mit neun Autoren aus Europa an dem Projekt „Völkerschlachten“ gearbeitet, das jetzt unter dem Titel „Vor den Hunden“ auf die Bühne kam. Es sind Stücke, die mal ganz konkret vom Krieg berichten wie in den Monologen von Lothar Kittstein: Drei Figuren in Kampfuniform stochern im Wahrnehmungsnebel, einmal aus der Vogelperspektive, dann als Wachhabender und als Verletzter im Lazarett mit juckenden Träumen.

Der Großteil der Stücke behandelt allerdings die Momente unterschwelliger Aggression zwischen den Geschlechtern oder bei der Arbeit. Ivo Briedis‘ absurde, an Stanley Kubrick erinnernde Szene „Wo ist die Frontlinie?“ blendet von einem Kriegsdialog direkt in eine Werbeagentur über. Sehr komisch eine Bettszene (Magdalena Barile: Im Bett). Ein nacktes Paar mit Pelzpuschel im Schritt wirft sich in regressive Imponierposen, verhöhnt sich gegenseitig und schwelgt in Weltveränderungsfantasien. Enttäuschend unfertig wirkt dagegen Jens-Martin Eriksens „Breivik im Puppenhaus“ über die Entlassung von Anders Breivik aus dem Gefängnis.

So heterogen die Stücke sind, zusammengehalten wird der Abend durch die Ästhetik der Stierkampfwände, der Kartons, der Flokati-Ästhetik (Ausstattung: Annika Lau, Elisabeth Schiller-Witzmann) und vor allem durch die virtuose Regie von Frank Heuel. Großartig endlich die Schlussszene mit Goran Ferčecs „Arbeitsschlachten“ über den Hungerstreik von Arbeiterinnen in Form einer Bachschen Passion. Nicht alles, aber vieles ist gelungen an dem Abend, vor allem aber: Es wird nie langweilig.

Hans-Christoph Zimmermann, choices, Mai 2014

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Jurybegründng für die Nominierung zum Bewegungskunstpreis 2014 in Leipzig

Ein Theaterfresko und fragmentarische Anthologie in epischer Länge. Neun europäische Gegenwartsautoren liefern Texte, die in einem Vier- Stunden- Spiel verfügt, gleich einem Echolot hinabtauchen in die Tiefen und vor allem auch Untiefen europäischer Geschichte und Gegenwart. Was im Bühnenlicht entsteht: Der Versuch einer Verortung jenseits der Verlautbarungen, eine Befragung und Selbstbefragung. Und politisches Theater im besten Sinne- weil es mehr ist, als nur politisch.

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„Vor den Hunden“ im Pumpenhaus: Vier Stunden gegen die endlosen Kriege

Eine politische Version von Bachs Matthäuspassion stand am Ende der Gemeinschaftsproduktion „Vor den Hunden“ des fringe ensembles, phoenix 5 und Schaubühne Lindenfels. Intensiv sangen und sprachen die Schauspieler ihre Partien. Der Ort der Passion wurde allerdings von Jerusalem in eine kroatische Textilfabrik verlegt.
Denn dort waren die Arbeiterinnen, die seit Monaten kein Gehalt mehr erhielten, in den Hungerstreik getreten. Atmosphärisch dicht, rhythmisch sauber gearbeitet – ein Bach der anderen Art.
Die endlosen Kriege dieser Welt waren Anlass für das Projekt „Vor den Hunden“, das am Donnerstag im Pumpenhaus zu sehen war. Mit vier Stunden Dauer fiel diese Produktion zeitlich aus dem Rahmen (aufgrund der Erkrankung einer Schauspielerin wurde das Programm leicht gekürzt). Bis zuletzt blieb es überwiegend spannend, steigerte sich sogar in der Intensität fortwährend. Autoren aus neun europäischen Ländern hatten in den vergangenen beiden Jahren, teils in einem kreativen Zeltcamp („Feldlager des Millenium Front Theaters“ auf dem Jahrtausendfeld Leipzig und den Aaseewiesen Münster) neue Stücke geschrieben und mit den Schauspielern erarbeitet.
„Vor den Hunden“ ist eine gekürzte, geschickt in einander verwobene, Collage aus diesen neuen Stücken (Regie: Frank Heuel, Dramaturgie: René Reinhardt). Krieg, Elend, Tod, das jahrelange surreale Steckenbleiben in Schützengräben und wie schön ein Land von oben aussieht, über das man eine tödliche Drohnen steuert, wechselten einander ab und hinterließen tief eingebrannte, ausdrucksvolle Bilder: Ein alter Mann erinnerte sich im Pflegeheim daran, wie er im Krieg eine Frau vor den Augen ihres Kindes tötete; eine Russin zersägte ein hölzernes Kreuz, das tat sie mit entblößtem Oberkörper: Sonst bekomme man ja keine „Klickzahlen“.
Die neun Schauspieler überzeugten in jeder Szene, das schlichte Bühnenbild aus ein paar Stellwänden erwies sich als flexibel und ausreichend. Dass angesichts dieses ambitionierten Projektes lediglich kaum zwei Dutzend Zuschauer im Pumpenhaus waren, schmerzt, liegt aber vielleicht auch an der Länge von vier Stunden.

Heike Eickhoff, Westfälische Nachrichten, 24. Oktober 2014
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