VIVAT! Bums. Aus. _ Foto Sandra Then

Wir sind am Leben

Vor- und Nachspiel zu Camus‘ „Die Pest“: „VIVAT! Bums. Aus.“

Den Song „I’m so tired“ von den Beatles wiederholen die drei Schauspieler in dem mit allerhand Mobiliar vollgestopften engen Raum. David Fischer, Justine Hauer und Bettina Marugg repetieren hinter dem mit einem Gaze-Schleier umgebenen Bühnengeviert eine Sequenz von Aktionen, deren Sinn verborgen bleibt.

Eine Theaterprobe als Sisyphusarbeit, aber den absurden Helden Sisyphos müssen wir uns nach dem berühmten Essay von Albert Camus bekanntlich als glücklichen Menschen vorstellen. Und das Begriffspaar „Wiederholung / Differenz“ prägt das postmoderne Denken. Identität ist eine Simulation, Wiederholung immer different.

Beim neuen Stück „VIVAT! Bums. Aus“ des Fringe Ensembles in der Regie von Frank Heuel, das am Freitag im Theater im Ballsaal seine Premiere feierte, werden die Zuschauer durch den Hintereingang auf die Bühne geführt als Beobachter eines Probenprozesses und der zunehmenden Differenzen in den ständig an den Anfang zurückkehrenden Abläufen.

Bis Justine Hauer, bekleidet mit einem roten Badetuch (Bühne und Kostüme: Annika Ley), mit dem Ruf nach Europa den Vorhang öffnet und alle ihre Köpfe in herabgeschwebte alte Lampenschirme stecken. Später werden sie zur Zither auch noch ein lustiges bayerisches Volkslied singen.

Zwischendurch zitieren sie unter anderem Tschechows „Kirschgarten“, Horváths „Zur schönen Aussicht“ und Godards auf der Costa Concordia vor ihrer Havarie gedrehtes Spätwerk „Film. Socialisme“. Das assoziative Verfahren dieses labyrinthischen filmischen Essays bestimmt auch Heuels Inszenierung, in der Mythen und Geschichtsfragmente auf die Ungeheuerlichkeiten der Gegenwart treffen.

David Fischer spielt den türkischen Performer Erdem Gündüz, der als „Standing Man“ allein durch seine stumm bewegungslose Anwesenheit gegen die gewaltsame Räumung des Gezi-Parks in Istanbul protestierte und eine kollektive Irritation provozierte.

Bettina Marugg zitiert auf Englisch Camus? 1946 in New York gehaltene „Speech of Acceptance“, unter dem Titel „Die Krise des Menschen“ einer der Schlüsseltexte der philosophischen Moderne. Im selben Jahr wurde die Rock-Ikone Patti Smith geboren, deren „Horses“ sie im Ballsaal melancholisch in Rennen schicken, bevor sie zum Schluss das Madrigal „Sing we and chant it“ des englischen Renaissance-Komponisten Thomas Morley anstimmen: „Let spare no treasure, to live in pleasure“. Bums. Aus.

Das titelgebende „Vivat!“ bleibt etwas verhalten. Aber „Wir sind im Leben“ (Camus), wie absurd es auch immer sein mag. „Vivat!“ ist ein Vor- oder Nachspiel zu Camus? „Pest“, die das Fringe Ensemble am 2. Oktober im Ballsaal auf die Bühne bringt. Als gut einstündiges Gedankensprung-Experiment zwischen Raum und Zeit indes auch ein eigenständiges Stück.

Elisabeth Einecke-Klövekorn, General-Anzeiger, Bonn, 22.09.2014