Und es ward Nacht im Ballsaal…

„Nighthawks“ – Ein Theaterabend mit Justine Hauer und Bettina Marugg

„Don’t be afraid of the dark“, haben Justine Hauer und Bettina Marugg ihren Gästen Mut gemacht und laufend Wodka zum Ölen in kleinen Gläsern verabreicht. „Nighthawks“ heißt ihr Nachtprogramm. Die Schwingen der „Nighthawks“ (Nachtfalken) ölt man, bevor sie abheben, weiß man von Edward Hoppers berühmten Barbild aus dem nächtlichen New York. Das macht den Unterschied aus zum nur noch armseligen Falkenleben in unserer flurbereinigten Umwelt. Die beiden Schauspielerinnen vom fringe ensemble öffneten vier Abende lang ihre Nachtapotheke im Ballsaal für die Einsamen.

Die ersten, denen die Köpfe lallend auf die Klaviertasten fielen, waren sie selbst, nicht überraschend, denn als Frau Marugg mit dem eleganten Pelzkragen an der Bar auftauchte, holte sie erst einmal eine halbleere Flasche aus der Handtasche. Was den Barkeeper freut. Aber das Klavier im Vorraum war perfekt. Ein bisschen schräg in der Stimmung. Und was sie daran alles anstellten. Vierhändiges von Schubert mit zwei Fingern und Zweihändiges verdoppelt mit Cole Porter und „Die Nacht“ von Richard Strauß, zur schon vorgerückten Stunde, mit piepsigem Sopran. Sie konnten voraussetzen, dass jeder wusste, dass sie für Highlights, singenderweise, auf der fringe-Bühne gut sind.

Und was sie literarisch alles ausgruben! Mit Friederike Mayröckers „Reise durch die Nacht“, wodurch sonst, und dem „Herzzerreißenden der Dinge“. Worum es hier ja jeden Augenblick ging. Oder beim Sexleben von törichter Jungfrau und höllischem Gemahl von Arthur Rimbaud und technisch aufs Ausgefeilteste von Catherine Millet.

Da war man aber schon im Theatersaal angelangt. Das war das Beste, wie aus dem Vorraum durch Entfernen der Zwischenwand sich einem schon der Blick dahinein öffnete – das Versprechen des Paradieses. Beide Damen, noch bekleidet, in der Badewanne. Worauf man nicht gleich kam, es war tatsächlich Wasser drin. Aber man hätte drauf kommen können wegen der Batterie von brennenden Kerzen, mit denen sie es sich mollig machten. Nicht der höllische Gemahl, sie selbst waren sich genug. Sie waren einander „Nighthawk“ genug. Nur der Kaffee am Wannenrand war vermutlich höllenschwarz. Und dann ging Ellingtons „Caravan“ los.

H. Terschüren
Bonner Rundschau, 17. April 2010

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Don’t be afraid of the dark

Nighthawks – eine philosophische und musikalische Reise durch die Dunkelheit

Zwei Frauen, Wodka, Zigaretten – mehr brauchte es nicht für einen kurzweiligen und spannenden Abend im Theater im Ballsaal, der das Publikum mitnahm auf eine Reise durch die Abgründe der menschlichen Seele.

Die beiden Hauptdarstellerinnen Justine Hauer und Bettina Marugg interpretieren dabei darstellerisch wie musikalisch jeweils eine Auswahl an Texten und Lieder völlig unterschiedlicher Autoren und Musiker, wie Arthur Rimbaud, Jim Jarmusch oder Amy Winehouse.

Dabei begeistern sie nicht nur durch ihr schauspielerisches Talent, sondern vor allem auch durch ihr Gespür für Timing und Komik: In der Szene, in welcher sich beide schon völlig betrunken ein Glas nach dem nächsten einschenken und dazu einen französischen Chanson schmettern, bleibt kaum ein Auge trocken.

Doch gibt es auch durchaus ernste und verzweifelte Töne und Momente auf dem Trip durch die Nacht. So blieb insbesondere die Interpretation von Djuna Barnes Nachtgewächs im Gedächtnis haften.

Der größte Teil des Stückes spielt in der Bar des Theaters, wo sich Hauer und Marugg am Klavier begleiten. Dabei harmoniert die tiefe, rauchige Stimme Justine Hauers wunderbar mit dem tragenden Sopran von Bettina Marugg. Beide Darstellerinnen ergänzen sich den ganzen Abend wunderbar, ihr Spaß am Spiel ist förmlich zu fühlen. Nicht verwunderlich, dass das Publikum den abwechslungsreichen Abend mit tosendem Applaus belohnte.

Melanie Hahn
www.kultur-in-bonn.de, 16. April 2010