Der Traum von der Zukunft

„Ich bin nur kurz hier“ und „Ich bin hier zum Üben“ wiederholt das dreizehnjährige polnische Mädchen. In bunten kurzen Sommerkleidchen tänzeln die fünf Schauspieler in dem weißen Bühnenkasten (Ausstattung: Annika Ley) herum, was insbesondere bei den drei Männern ungeheuer komisch wirkt.

Manchmal kauern sie sich wie von ihren eigenen Schatten verschreckt auch furchtsam in einer Ecke zusammen. Denn das Kind in dem Monolog „Ein großes Feuer“ von Lothar Kittstein hockt in einem dunklen Kleiderschrank. Die Mutter hat es ermahnt, leise zu sein – in der Hoffnung, dass die Soldaten es nicht finden.

Das Mädchen träumt von der Zukunft, vom Theater und der heldenhaften heiligen Johanna. Es weiß genau: Das Hereinkommen ist einfach, aber das Wegtreten wird nicht nur auf der Bühne zur Hölle. Frank Heuel, Leiter des Fringe-Ensembles, hat den dritten der vier Einakter der deutsch-polnischen Koproduktion „Niemands Land / Ziemia Niczyja“ als Ensemblestück inszeniert.

Sie sprechen den doppelbödigen poetischen Text oft chorisch, lösen einzelne Sätze auf Deutsch und auf Polnisch aus dem Sprachfluss und spielen alle das naive Kind, das dramatisch gegen seine Angst eine Hoffnung evoziert. Das geht ebenso unter die Haut wie der eher statisch inszenierte zweite Einakter „In den Wald“, ebenfalls geschrieben von dem bekannten Bonner Autor Lothar Kittstein.

Auf Deutsch erzählt der junge polnische Schauspieler Maciek Brzoska in der Rolle eines fünfzehnjährigen Jungen von seinem Dorf, den komischen Typen und den alten Märchen von den fabelhaften schwarzen Raubvögeln, die nun als schwarz uniformierte Männer wirklich erschienen sind. Harald Redmer verkörpert einen von jenen, die die männliche Bevölkerung in den Wald führen.

Während Kittstein leise hinterhältig die Schnittstellen zur Vergangenheit aufdeckt, untersucht die junge polnische Autorin Julia Holewinska in den Eckstücken die Bruchstellen der Gegenwart. Eine deutsche und eine polnische Frau treffen sich in einem polnischen Dorf, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen. Das Haus gehört der Polin (Katarzyna Maria Zielinska), die nicht daran zweifelt, dass die ehemaligen deutschen Besitzer zurückkommen. Die Deutsche (Laila Nielsen) bringt wirklich ihre Geschichte mit und erzählt kopfüber an Ringen hängend von den vergewaltigten Frauen.

Verständigung im Niemandsland ist möglicherweise auf der Chatroom-Ebene leichter, wo eine Polish Kitty (Katarzyna Maria Zielinska) und ein German Bugs Bunny (David Fischer) sich auf Englisch heftig anmachen. „Ohne Titel“ läuft das grenzenlose Gespräch über Sex und Sehnsucht, mit dem Holewinska einen offenen Schlussstrich unter die historischen Verwerfungen zieht.

Elisabeth Einecke-Klövekorn, General-Anzeiger Bonn, 10. Dezember 2012

Grauen des Krieges

Beklemmend: Die deutsch-polnische Koproduktion „Niemands Land / Ziemia Niczyja“

Fünf Schauspieler drängen sich in die Ecke einer weißen Guckkastenbühne; mal sprechen sie deutsch, mal polnisch. Ihre bunten Sommerkleider verleihen den Männern ein komisches Aussehen, dabei ist die Szene alles andere als witzig. Es geht um den Zweiten Weltkrieg: Eine 13-jährige Polin versteckt sich in einem Schrank vor deutschen Soldaten. Noch klammert sich das Mädchen an seine Zukunft, den Traum, Schauspielerin zu werden. Dabei ist sie dem Tod näher als dem Leben . . .

Dieser herzzerreißende, vielstimmig zum Ausdruck gebrachte Monolog des Autors Lothar Kittstein gehört zu vier Stücken, die im zweieinhalbstündigen Theaterabend, „Niemands Land“, im Pumpenhaus auf die Bühne kamen. Neben Kittstein hat die junge, polnische Autorin Julia Holewinska über deutsche und polnische Täter wie auch Opfer verschiedener Generationen geschrieben. Unter der Regie von Frank Heuel ist gemeinsam mit dem versierten „Fringe Ensemble / Phoenix 5“ (Bonn / Münster) sowie zwei ausdrucksstarken Schauspielern des Warschauer Theaters, „Teatr Powszechny“, eine beklemmende, eindringliche Produktion gelungen. Wo Übersetzung nötig ist, helfen Übertitel; tatsächlich möchte man nicht auf das Polnische verzichten, verleiht es den Szenen doch die nötige Authentizität. Hoffnungsvoll gestaltet sich das erste Stück von Julia Holewinska, die beide Dramen in der Gegenwart ansiedelt: Zwei etwa 30-jährige Frauen aus Deutschland und Polen begegnen sich zufällig. Über die Geschichte ihrer Großmütter kommen sie einander näher – im Niemands Land, das letztlich allen gehört. In Szenen einer Internet-Begegnung konfrontiert die Dramatikerin das Publikum mit Klischees. Was als Sex-Chat beginnt und in eine Ehe mündet, endet in gegenseitiger Enttäuschung. Zu unrealistisch war die gegenseitige Einschätzung, aber so einfach lassen sich Identitäten eben auch nicht fassen. Lothar Kittstein befasst sich auch in seinem zweiten Stück mit der Vergangenheit: Im Wald soll ein 15-jähriger Junge exekutiert werden. Im Gegenüber von Täter und Opfer werden krampfhafte Verdrängungsmechanismen ebenso deutlich wie Fassungslosigkeit. Ein ergreifendes Stück über den Horror des Krieges, der nicht vergessen werden darf.

Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten, 30. November 2012

WDR 5 Scala – Aktuelles aus der Kultur vom 29.11.12
Interview mit Stefan Keim über NIEMANDS LAND
Ausschnitt ca. 6min Spieldauer

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WDR3 Mosaik
Ein Beitrag von Isabell Steinböck über ‚Niemands Land‘
www.wdr3.de/buehne/niemandsland100.html