Der blutige Kampf zwischen Gefühlen und Urgewalten

 

Man erfährt viel über die Meerestiere, die heute gern als sanfte Giganten der Ozeane verklärt werden, in Herman Melvilles 1851 erschienenem Roman „Moby Dick“. Der amerikanische Autor war selbst als Walfänger unterwegs, bevor er die Abenteuergeschichte vom Kapitän Ahab verfasste, der manisch auf der Suche ist nach dem weißen Pottwal, der ihm einst ein Bein abgerissen hat. „Moby Dick“ ist eine ungeheure Erzählung, durchbrochen von wissenschaftlichen und mythologischen Essays, realistischen und metaphorischen Schilderungen, satirischen Anspielungen und hochpoetischen Passagen.

Als Sprachkunstwerk hat Frank Heuel vom Bonner Fringe-Ensemble „Moby Dick“ nun als ersten Teil der neuen Reihe „Das große Welttheater“ im Theater im Ballsaal inszeniert. Die acht weiß kostümierten Schauspieler (Ausstattung: Annika Ley) verkörpern den Erzähler Ismael und werden dabei unversehens zu Figuren seiner Geschichte. Sprachlich virtuos – in der stilistisch vielfarbigen Übersetzung von Matthias Jendis – präsentieren sie anfangs monologisch die Situationen, bevor sie auf hoher See immer stärker in Bewegung geraten.

Die Nummern der 135 Roman-Kapitel, zwischen denen sie auf Textwellen surfen, werden eingeblendet. Ebenso wie die deutsche Übersetzung von Passagen, die Maciek Brzoska in seiner polnischen Muttersprache spielt. Er erscheint auch als polynesischer Harpunier Queequeg, der dem tödlichen Fieber gerade noch mal entgeht, weshalb sein vorsorglich zusammengezimmerter Sarg später als Rettungsboje taugt.

Die Niederländerin Laila Nielsen berichtet fabelhaft vom Beginn der Reise auf der Pequod mit ihrem geheimnisvollen Kapitän. Der türkischstämmige Ismail Deniz spielt naturgemäß Ismael und ist mit umgeschnallter Beinprothese der rachsüchtige Ahab. Justine Hauer, seit zehn Jahren Fringe-Mitglied und regelmäßig beim Konstanzer „Tatort“ aktiv, erscheint als langbeinige Show-Masterin mit kurzweiligen Kommentaren und turnt später durch die Zuschauerreihen als engagierte Händedruck-Vertreterin des kostbaren Spermazetis, das aus dem Vorderkopf noch warmer toter Pottwale hektoliterweise geschöpft werden kann.

Der Ukrainer Oleg Zhukow erklärt höchst anschaulich mit zwei auf einen Einkaufswagen montierten Overhead-Projektoren den Wal-Körperbau und insbesondere dessen Augenstellung. Inklusive Hinweisen auf den weißen Wal, der 1966 den Rhein hinauf schwamm, kurz hinter Bonn kehrt machte und eine Umweltschutz-Welle nach sich zog. Die Schweizerin Bettina Marugg macht das Abschälen von Walfett zu einem hochgedrechselten verbal-kulinarischen Erlebnis. Brillant beleuchten der quirlige David Fischer und der elegante Andreas Meidinger den blutigen Kampf zwischen menschlichen Gefühlen und Urgewalten, der in einem mörderischen Strudel endet.

Ohne platte Illustration oder allfällige Albernheiten wird hier in eine theatrale Fantasie treffsicher ins Werk gesetzt, die naive Weltrettungs-Visionen ironisch unterläuft und künstlerisch überzeugt. Mit dem Slogan „Da ist Magie im Spiel!“ wirbt Fringe für seine großartige Produktion. Das stimmt in jeder Hinsicht und trägt über (inklusive Pause) zweidreiviertel hochspannende Stunden perfekt. Fand auch das begeisterte Publikum bei der restlos ausverkauften Premiere.

General-Anzeiger, Bonn, 22. Mai 2015, E. Einecke-Klövekorn

Foto: Lilian Szokody

Foto: Lilian Szokody

Furchtlos im Angesicht des Wales

Auf abenteuerlichen Expeditionen im unsicheren Weltenmeere verliert man oder frau schon einmal das Gleichgewicht – so ergeht es im Theater im Ballsaal zumindest Laila Nielsen. Emporgehoben von anderen Darstellern ringt sie auf einem schmalen Rohr in luftiger Höhe um Balance, während die anderen Darsteller sie auf selbigen tragen und in ihre Richtung im predigerhaften Tonfall einen Monolog sprechen. Nielsen fällt, doch rappelt sich behände stets wieder auf. Ein starkes Bild einer Inszenierung von Herman Melvilles 900seitigen Romanklassiker Moby Dick (1851), der die schicksalhafte Fahrt eines Walfangschiffes aus der Sicht eines Matrosen beschreibt. Auf hoher See sind alle Mitglieder der Schiffsbesatzung aufeinander angewiesen, damit ihr Schiff „Pequod“ Kurs und Balance hält, denn weit und breit gibt es nur Ozean mit seinen Strömungen, Stürmen und „Meeresungeheuern“ wie Walen. Doch einige Personen an Bord haben nur bedingt das Gemeinwohl der anderen im Blick. Ahab, der Kapitän, jagt fanatisch einen weißen Pottwal namens Moby Dick, denn dieser riss ihm einst ein Bein ab.

Regisseur Frank Heuel arbeitet bei seiner Moby Dick–Inszenierung nicht mit eindeutigen Rollenzuschreibungen oder einem eindeutigen Bühnenbild und vermeidet so den Fokus einer Illustrierung des Geschehens. Alle acht weiß kostümierten Darsteller agieren nacheinander als Ich-Erzähler Ismael im weitestgehend leeren Raum und werden mehr und mehr zu Figuren von Ismaels Geschichte, wie etwa zum manischen Kapitän Ahab. Epische Monologe wechseln mit kurzen dialogischen Passagen ab. Die erzählerische Vielschichtigkeit und assoziationsreiche Sprache des Amerikaners Melville in einer Übersetzung von Matthias Jendis stehen klar im Vordergrund. Abhandlungen über Gott und die Welt werden abgelöst durch Fachjargon des Walfangs, komplexe Metaphern und literarische oder biblische Anspielungen.

Ismail Deniz spielt erst zurückhaltend den Matrosen und Erzähler Ismael, um dann mit umgeschnallter Beinprothese leidenschaftlich laut den rachsüchtigen Ahab zu verkörpern. Bettina Maruggs Figur des Schiffkochs stört sich erst am Lärm, den Haifische beim Auffressen eines harpunierten Wales machen, beschreibt dann jedoch genüsslich das Abschöpfen des Walfettes. Anhand eines Einkaufswagens, an dessen Seiten Overhead-Projektoren montiert wurden, veranschaulicht Oleg Zhukov wortreich den Körperbau des Pottwals und insbesondere die Stellung der Augen und der Ohren. Doch es gibt auch weniger unterhaltsame Monologe, wie etwa jene von Maciek Brzoska, der u.a. den Harpunier Queequek in seiner polnischen Muttersprache (!) spielt und diese Figur dem mehrheitlich nicht der polnischen Sprache mächtigen Publikum so nur über Gestik und Mimik zu vermitteln vermag.

Während der zweieinhalbstündigen Vorführung werden Inhalte der von Brzoska vorgeführten Monologe teilweise in deutscher Sprache an eine Bühnenwand projiziert. Durchgehend eingeblendet werden jedoch die jeweiligen Nummern der 135 Romankapitel, aus denen Abschnitte für die Performance ausgewählt wurden. Die bildgewaltigen, existentiellen Themen des Romans Melvilles, der selbst als junger Mann mit verschiedenen Walfängern in See stach, sind heute noch gültig und ungebrochen lebendig, wie Frank Heuels Adaptation einmal aufs Neue beweist.

Ansgar Skoda, kultura-extra.de, Mai 2015