Engel und animalische Wesen im Abendrot

Irritierende Choreografie, glänzendes Ensemble: Beifall für die Jubiläumsproduktion „LooLooLoop“ im Theater im Ballsaal

In der Wiederholung verbinden sich Erinnerung und Gegenwart. Immer wieder scheinbar dieselbe Situation: Der Mann, Handelsvertreter, abends im Auto auf dem Heimweg zu seiner Frau. Eine Flasche Sekt und Blumen im Kofferraum, denn es ist sein Hochzeitstag.

Die Frau hat gekocht und ist in den Garten gegangen, der am Morgen mit Raureif bedeckt war. „Ich war weit weg“, sagt er. „Du bist in jedem Jahr ein Stückchen weiter weg“, antwortet sie.

Das neue, im Theater im Ballsaal uraufgeführte Stück „LooLooLoop“ von Lothar Kittstein erzählt keine Geschichte, sondern folgt der Repetitionsstruktur musikalischer Loops. In der Choreografie und Regie von Rafaële Giovanola und Frank Heuel wird die Differenz zum szenischen Akteur.

Kleine sprachliche Varianten brechen die imaginierten gleichzeitigen Momente auf und lassen Vergangenheit ins Jetzt fließen. Ein pelziges schwarzes Tier kreuzt die Straße, die auf den Mann am Steuer zuläuft statt hinter ihm bleibt. Hat er es überfahren? Brutzelt dessen Fleisch in der Küche, während die Frau nicht mehr weiß, ob sie die Herdplatte überhaupt angestellt hat? Gibt es ein ungeborenes Kind, das das Paar heimsucht?

Im silbergrau schimmernden Kleid (Kostüme: Annika Ley) spielt Bettina Marugg die rätselhaft kühle Frau wie schockgefrostet in einem unüberwindlichen Alptraum. Stefan Preiss hängt als anonymer Mann an seinem unsichtbaren Musterkoffer und zappelt bis zur Erschöpfung an den brüchigen Fäden seiner Existenz.

Einfach anwesend ist die fabelhaft quecksilbrige Tänzerin Fa-Hsuan Chen. Sie ist im langen schwarzen Mantel der gespenstische Engel der fatalen Beziehungstrümmer und das verletzte animalische Wesen, das die verdeckten Lebenswunden aufreißt.

Die jungen Tänzer Laure Dupont und Andrés García nähern sich dem entfremdeten Paar, geben ihm Bewegungen vor, ziehen es in neue spielerische Aktionen und entwickeln einen körperlichen Spiegelkommentar zu den Satzsprüngen des Textes.

„LooLooLoop“ ist mit seinem eingebauten Stotterfaktor so grotesk komisch wie ein Teddybär im Wolfspelz und so hinterhältig böse wie ein auf kalter Flamme verdampftes Philosophiekonstrukt. Und ewig schimmert das symbolsatte Abendrot, während weiße Leuchtstreifen Nachtschatten werfen auf eine ebenso ungewisse wie unvermeidliche Kurve, in der die Vergangenheit für einen fatalen Augenblick Zukunft wird.

Elisabeth Einecke-Klövekorn, General-Anzeiger, Bonn, 04. November 2013