Die letzte Schmerzprobe

Troja ist gefallen. Kassandra wusste, dass der Krieg nicht zu gewinnen war. Ihre Warnungen waren vergeblich, denn Apoll hatte ihr die Sehergabe verliehen, sie aber damit bestraft, dass niemand ihr glauben werde. Agamemnon hat Kassandra, Tochter des Troerkönigs Priamos, als Kriegsbeute nach Mykene verschleppt. Sie weiß, dass sie den offiziellen Siger zum letzten Mal lebend gesehen hat, als er seinen Palast betrat. Sie weiß auch, dass dessen Gattin und Mörderin Klytaimnestra sie in wenigen Stunden umbringen wird. „Mit der Erzählung geh ich in den Tod“, sagt sie zu Beginn von Chritsa Wolfs Erzählung „Kassandra“. Die Frau macht am äußersten Rand ihres Lebens selbstbewusst die letzte „Schmerzprobe“ und sticht in einem inneren Monolog ihr empfindliches Gedächtnis an.

Christa Wolf (1929-2011) untersucht in ihrer 1981 gleichzeitig in der DDR und der Bundesrepublik erschinenenen Erzählung die großen antiken Heldenepen aus weiblicher Sicht. Fringe-ensemble-Chef Frank Heuel hat ihren Text in seiner Inszenierung auf knapp 80 Minuten reduziert.

Am Anfang dröhnt Theaterdonner von drei riesigen ristroten Stahlplatten (Ausstattung: Annika Ley), die am Ende leise hin- und herschwingen. Es ist vorbei, alle Hoffnung zerstört, kein friedlicher Ort nirgends. Zuvor haben jedoch drei fabelhafte Schauspielerinnenin hellen Kostümen die Geschichte aufgebrochen. Jede ist eine Facette der legendären Figur. Drei Stühle genügen für ihre ironische Talkshow. Gemeinsam deklinieren sie dier verweigerten Existenzmöglichkeiten durch und vergegenwärtigen virtuos die sprachlichen und rhythmischen Komplikationen der kunstvoll verwickelten Dialektik einer fein gewebten Textur.

Justine Hauer liefert am Keyboeard die SChiffsirenen, gönnt ihren Mitspielerinnen gern mehr als nur eine Zigarette und verkörpert den erotischen Aspekt der orientalischen Prinzessin mit dunkler Stimme. Nicole Kersten bläst Rauchkringel in die Luft und gibt in silnbern glänzender Hose die tapfere Kämpferin. Bettina Marugg lässt ihre Stimme spitz leuchten und ihren Leib erzittern, wenn sie die Wahrheit sagen muss.

Unter die Haut gehen die Schilderung der brutalen Ermordung von Kassandras Lieblingsbruder Troilus durch Achil („das Vieh“) und der politische Verkauf der Schwester Polyxena an den Feind zwecks dessen Ausschaltung. Genützt haben alle schlauen Intrigen nichts. Kassandra: Von der Männerwelt als geisteskrank in die Kerkerfinsternis verbannt und gestoren am Löwentor von Mykene.

Die Aufführung im Ballsaal bietet schon genug Stoff zum Nach- und Vorausdenken und erhielt ber der ausverkauften Premiee entsprechenden Beifall.

Elisabeth Einecke-Klövekorn, General-Anzeiger Bonn, 27. März 2017)

Zuletzt sterben die Bilder

Drei müssen es sein, denn diese Zahl hat nach Aristoteles als erste Anfang, Mitte und Ende. Drei Schicksalsgöttinnen, drei Grazien und drei Furien sind in der Götterwelt des antiken Griechenlands fest verankert. Trommelwirbel auf drei von der Decke hängende großformatige Metallplatten eröffnet den Abend. Danach treten dahinter die Darstellerinnen vom Fringe Ensemble hervor. Noch sind sie auf der Erde verwurzelt, was ihre in Brauntönen schillernde Kleidung andeutet. Im nächsten Moment sprechen die Kassandren einfühlsam, gefasst und konzentriert einen mitreißenden Monolog. Sie antworten einander oder fallen einander ins Wort. Oft verkünden sie auch gemeinsam synchron sprechend ihre Botschaft für die Nachwelt. Im Theater im Ballsaal geht es um das Ganze: Geburt, Leben und Tod, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden verhandelt. Doch eine Zukunft gibt es für die Kassandren eigentlich schon nicht mehr, es wartet nur noch der Tod.

Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf durchdringt in Kassandra (1983) den uralten Mythos und die antike Tragödie des Untergangs der Stadt Troja intellektuell und bezieht ihn auf eigene Lebensumstände in der DDR. Zeitlose und bewegte Einsichten vermitteln sich, wenn die Hergänge aus der Ich-Perspektive der trojanischen Königstochter und Seherin Kassandra leidenschaftlich erzählt werden. Die Priesterin hat im Angesicht des Krieges den Glauben an die Götter verloren. Es wird ihr bewusst, dass auch sie sterben wird, und sie sorgt sich, ob sie angesichts des Todes ihre aktive und klarsichtige Zeugenschaft als Seherin beibehalten wird können.

Kassandra sagt nicht nur die Zukunft vorher, ohne dass sie diese zu beeinflussen vermag. Als Seherin erkennt sie auch, wie sich im Zuge des Krieges Macht- und Gesellschaftsstrukturen besorgniserregend verändern. Im Kampf Trojas mit den Griechen werden die eigenen Prinzipien nicht mehr angemessen hinterfragt. Eigene Werte verkommen nur noch zu einer Parole, um die Kampfmoral aufrecht zu erhalten. Eine fehlende Ausgewogenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse hat Christa Wolf selbst im politischen System der DDR erkannt, als sie zu Beginn der 1980er Jahre an ihrer Erzählung schrieb. Auch heute noch gilt, wenn im Kampf gegen den „Terrorismus“ demokratische Prinzipien zur Disposition gestellt werden, das Wort Kassandras: „Das Gesicht der Feinde annehmen, aber trotzdem umkommen.“

In Anlehnung an das biblische „Im Anfang war das Wort“ spricht Nicole Kersten als eine der Kassandren: „Das Letzte wird ein Bild sein, kein Wort. Vor den Bildern sterben die Wörter.“ Sehen – Erkennen – Würde – und dies im Angesicht des Untergangs. Schmerzt diese Haltung oder vermag sie zu trösten?

Licht spiegelt sich auf von der Decke hängendem, rostigem Blech. Immer wieder gerät die Kriegsmaschinerie in Bewegung, wenn die über dem Geschehen schwebenden Metallplatten ins Wanken geraten, vor und zurück fallen. Gemeinsam wird geraucht und auf einer der Metallplatten ein loderndes Feuer entfacht. Trotz solcher kurzer Momente der Besinnung bewahren die drei Kassandren nur mühsam Haltung. Ein feierlicher aber auch entmutigter Ernst liegt auf den Worten angesichts des unaufhaltsamen Schicksals. Justine Hauer unterstreicht ihre feste und tiefe Stimme mit auf einem Keyboard angestoßenen, lange anhaltenden Tönen. Ihr durchdringender Blick gleitet immer wieder verheißungsvoll wartend über die Zuschauerreihen im Publikum. Nicole Kersten verleiht dem Zwiespalt aus der Verlockung kindlichen Gehorsams und dem Trotz des besseren Wissens eine, der schieren Verzweiflung stets nur knapp entgehende Stimme. Bettina Marugg gibt im Mittelteil einen kaum mehr menschlich klingenden, langgezogen, klirrend hohen Ton von sich. Sie schüttelt sich und wirft sich mit aller Kraft scheppernd gegen die Metallplatten. Mit ihren Anfällen des Wahnsinns schützt sich Kassandra vor dem Schmerz, da sie den Untergang Trojas bereits gekommen sieht.

Zahlreiche Namen mythologischer Gestalten sind nicht immer zuordenbar und erhalten neue Konnotationen, wenn etwa Achill stets „das Vieh“ genannt wird. Kassandra realisiert, dass sich ihr als Außenseiterin in einem patriarchalen System nie reale Chancen bieten, fatale politische Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. Ihr umsichtiger Einspruch und ihre Warnungen bleiben ungehört. Für ihr Wettern wird sie bestraft. Mehr und mehr abgefallene Hände säumen die ebenerdige, ansonsten requisitenarme Bühne. Die leidenschaftliche Performance der drei Darstellerinnen schafft einen sehenswerten, pointierten und kurzweiligen Einblick in Christa Wolfs wohl bekanntestes Meisterwerk.

Ansgar Skoda, kultura-extra.de, 02. April 2017