Kurz vor elf in unklarer Sachlage

Das fringe ensemble eröffnet die Saison im Theater im Ballsaal mit „Hotel Kairo“

Es wirkt fast paradox, als er dann tatsächlich einmal etwas sagt. Viel ist es allerdings nicht: „Ja. Ja. Okay. Ich höre dich. Ja.“ Der augenscheinlich kleine Mann mit der schwarzen Sonnenbrille, dem dezent braunen Anzug mitsamt der edlen Krawatte und der Sturmfrisur thront auf einer hohen Wand, die den Blick auf jeglichen anderen Winkel des Raumes komplett abschirmt. Hinter der Wand jedoch hört man Stimmen. Zwei Frauenstimmen. Eine jüngere und eine reifere Stimme. Und die beiden diskutieren, was das Zeug hält. Diskutieren wild über die typischen Eigenschaften von Arabern, zu kalte Hotelräume und die Heiligkeit des Korans. Der kleine Mann, der im Übrigen gar nicht so klein ist, wenn er plötzlich über die Wand klettert, um seine wichtige Liste zu retten, die er achtlos über die Brüstung geworfen hat, scheint davon unbeeindruckt. Und als er sich dreht, wird dem Zuschauer klar: Dieser Mann hat einen Knopf im Ohr, denn er ist von der Security. Und die ältere Dame ist Deutschland. Genauer gesagt ist ihr Mann Deutschland, aber das tut nichts zur Sache. Und sie wartet auf die Frau des Innenministers, um die Pyramiden zu besuchen. Und die jüngere Frau, Maya, ist sozusagen ihre Kammerzofe, verantwortlich für Outfit und Make Up. Und natürlich schuld an den viel zu kleinen Augen von der Frau, die so gewiss zu einem Desaster für Deutschland werden. Aber die Frau des Innenministers kommt nicht und das ist ja mal „so typisch arabisch“.

Der in Bonn lebende Autor Lothar Kittstein schrieb mit „Hotel Kairo“ bereits das zweite Bühnenstück für das fringe ensemble, das mit dem neuen Werk über Politik, Ethik, Religion und zerbrochener Liebe erfolgreich im Theater im Ballsaal seine Premiere feierte. Allein das Bühnenbild bestach durch ungewöhnlichen, aber innovativen Charakter: Eine Bretterwand versperrte die gerade Sicht auf das Schauspiel in besagtem Hotelzimmer in Kairo, doch elf Spiegel reflektierten das Geschehen an die Decke, eine Projektion in kaltblauem Licht ermöglichte zudem eine Nahaufnahme, immer dann, wenn die Frau sich kritisch im Spiegel begutachtete und über den Effekt des Parfüms Chanel philosophierte. Bettina Marugg als schräge Politiker-Frau in der Sinnkrise. Da bleibt kein Auge trocken.
Eine pure Komödie ist „Hotel Kairo“ aber nicht. Auf den Flügeln der deutsch-ägyptischen Freundschaft sind die Drei nach Kairo geflogen. Überall herrscht Hitze, nur in dem kleinen Hotelzimmer nicht. Die Frau beschwert sich ständig über die „Eiskälte“, was den vielbeschäftigten Security-Guard Paul nicht nur von seiner Arbeit abhält (auf dem Höhepunkt des Stücks klingeln drei Handys gleichzeitig und ein Ägypter stört den Funkverkehr zwischen Paul und Wolfgang, der in der Lobby sitzen muss), sondern ihn auch hoffnungslos mit der Fernbedienung überfordert. Die Dialoge sind temporeich, witzig und versprechen in den richtigen Momenten die nötige Tiefe, um „Hotel Kairo“ zu einer bissigen Sozialkritik werden zu lassen. Severin von Hoensbroech ist brillant in der Rolle des Paul, der sich auch noch mit seiner Ex-Frau und einer Schauspielerin aus einer Serie auf Pro 7 auseinander setzen. Sie ist „die Schauspielerin mit den Beinen“ und Paul stimmt eigens wegen ihr sogar ein Lied an. Immerhin soll er sie treffen. Im Beduinenzelt. Auch Maja, herrlich frech und schnippisch dargestellt von Laila Nielsen, hat mit ihrer verflossenen Liebe zu kämpfen und echauviert sich köstlich darüber, dass die neue Freundin ihres Ex-Freundes nur schwanger sei, um ihr eins auszuwischen. Sie lamentiert auch vor der Trennwand und spielt schon mal den sturen Trotzkopf. Ihre Tirade auf das deutsche Solidarsystem ist ebenso deutlich wie passend: „Verbrannt wie Toast, wie Leder, dumm wie Brot!“
Die Schauspieler reden miteinander, aneinander vorbei, und doch wieder miteinander. Es bleibt immer „kurz vor elf“ in der Sachlage, die nicht klar ist. „Hotel Kairo“ ist grotesk, Politik und Ethik werden gelungen verknüpft zu einem Netz aus Halbwahrheiten, Vorurteilen und Egoismus. Regisseur Frank Heuel setzt das Ganze gekonnt in Szene. So passiert am Ende genau das, was niemand gehofft, aber jeder geahnt hat und durch den Verzicht auf plastische Darstellung wirkt der Schluss, ganz oben auf dem Spannungsbogen, umso glaubwürdiger. Das Stück überzeugt auf allen Ebenen, die schauspielerische Leistung des fringe ensembles steht außer Frage. Und ein gutes Beispiel dafür, dass Theater auch ganz ohne große Kulissen und aufwendige Special Effects wirkt. Sogar umso besser.
Kristina di Giorgi / www.campus-web.de / 07. März 2008


Beklemmend komische Mauerschau

„Hotel Kairo“ von Lothar Kittstein im Theater im Ballsaal

Der in Bonn lebende Autor Lothar Kittstein (*1970) gehört derzeit zu den höchst produktiven jüngeren Dramatikern. Seine Stück „Letzte Tage“ wurde vor einem Jahr in der Regie von Frank Heuel im Theater im Ballsaal uraufgeführt. Im Februar kam als Auftragswerk vom Stadttheater Trier sein Stück „Tokio“ heraus. Zwei Uraufführungen sind für Mai dieses Jahres in Köln und Bochum angekündigt. Mit dem fringe ensemble arbeitet Kittstein zudem mehrfach im „Club der Utopisten“ in der Werkstatt des Theaters Bonn zusammen.
„Hotel Kairo“ entstand als „work-in-progress“. Fest standen am Anfang die drei Schauspieler und ein Szenario. Die Gattin eines hochrangigen deutschen Politikers (Bettina Marugg) wartet, während ihr Mann den ägyptischen Außenminister trifft, mit ihrer persönlichen Stylistin Maya (Laila Nielsen) und dem Bodyguard Paul (Severin von Hoensbroech) in einem Kairoer Hotel auf den Beginn des Damenprogramms. Die Frau des ägyptischen Innenministers kommt jedoch nicht, was die Stimmung in dem eisgekühlten Hotelzimmer langsam aufheizt. Eine irrationale Bedrohung liegt in der Luft, das Geregelte löst sich langsam auf, die Sprache der drei Figuren gerät außer Kontrolle.
In der Inszenierung von Frank Heuel und dem Bühnenbild von Eduardo Seru trennt eine Mauer die Zuschauer von dem Hotelzimmer. Direkt sichtbar ist nur Paul, der entweder mit der Fernbedienung der Klimaanlage oder diversen Telefonaten kämpft. Maya plappert und die namenlose Politikergattin sorgt sich um ihr Aussehen, ihre Charity-Jobs und die politische korrekte Präsentation Deutschlands im islamischen Ausland. Die beiden Frauen erscheinen zumeist nur als Spiegelungen auf den Projektionsflächen am Bühnenhimmel. Dieses Spiel mit Realitätsfiktionen ist überraschend witzig, weil es genau die Wahrnehmungsverschiebungen in der Unsicherheitszone fremder Kulturen deutlich macht. Die Diplomatin wider Willen bewahrt im grauen Hosenanzug eiserne Haltung, auch wenn sie am Kulturprogramm zwischen Pharaonengräbern zu ersticken droht. Schönheitsprofi Maya liest im verbotenen Koran und träumt von Wundern in Lourdes. Paul schwärmt von den Beinen einer ägyptischen Schauspielerin, während er die SMS seiner katholischen Ex-Frau abwimmelt. Die Angst vor dem allgegenwärtigen Terror lässt die Charaktermasken zerbrechen. Die Mauer fällt nicht, und die Zeit bleibt stehen: Es ist immer kurz vor Elf.
Die Situation des vergeblichen Wartens in einem geschlossenen Raum ist ein geradezu klassisches Theatermodell, das Hotel dafür ein ebenso klassischer Ort. „Hotel Kairo“ ist eine Komödie über die individuellen Erfahrungen in einer gleichzeitig immer näher zusammenwachsenden und auseinanderdriftenden Welt. Im Hotel spielt das fringe ensemble vorläufig weiter: Ende März geht die Reise in die Alpen zur Wiederaufnahme von Horváths „Zur schönen Aussicht“; im Mai ist wieder ,Lost in Translation’ am Nil angesagt.
Elisabeth Einecke-Klövekorn / kultur – das magazin, April 2008