Leben in Deutschland

„Geschichten +“ – Premiere des neuen Theaterprojektes im Ballsaal

Was es mit „Geschichten + Das Stück“ – Gemeinschaftsprojekt von Ballsaaltheater und Leipzigs Schaubühne Lindenfels – auf sich hat, weiß man genauer, seit im Ballsaal die Krimiserie mit der Aufdeckung des Mörders endete und am Wochenende „Geschichten+“ zur Premiere kam. Das Ganze war eine Schnitzeljagd, bei der ja auch nur der Veranstalter von Anfang an weiß, wo sie endet. In „Geschichten+“ kehren sie wieder, die uns in den Krimifolgen begegneten und ihre Biografien in kleinen Portionen zuflüsterten. Nur dass sich die Biografien nun zu einander stellen als „Leben in Deutschland“, als Interviews mit Wiedervereinigten im Jahr 60 nach Kriegsende. „Wenn das rauskommt, ist der Teufel los!“ So beginnt es bei Heinz und Erika. Ins Mikrophon gesprochen wurde der Satz zwecks Veröffentlichung; gehört er doch zu den Beglaubigungen des Dokumentarischen. Wie auch das wiederkehrende „Ne“, mit dem sich Heinz und Erika alias David Fischer und Laila Nielsen gegenseitig bestärken. Tatsächlich ist auch alles von Uwe, Ernst, Else und Karl authentisch. Geführt wurden die Interviews in Bonn und Leipzig. Man bekommt ein paar Bestätigungen: Ex-DDR-Leute denken eher historisch, Frauen sind eher misstrauisch, Ex-DDR-Frauen kritischer gegenüber den Entwicklungen nach der Wende. Man kennt das: Immer steht die Frage im Raum, ob man denn glaube, dass sie „drüben“ nicht gelebt hätten? Noch befriedigter als von solchen Déjà-vu aber waren wir von der Wiederkehr der Theaterhandschrift von Frank Heuel nebst Severin Hoensbroech. Wie Heuel jedesmal ganz neu vom Ballsaal Gebrauch macht wie sonst keiner von seiner Bühne. Eine optisch eindrucksvolle Stuhllandschaft hat Eduardo Seru gebaut. Der Licht- und Techniküberhang à la Meyerhold imponierte. Jede Biografie bekommt ihre Architektur, angefangen bei der Lebenskreidetafel auf die Uwe (Georg Lennarz) seine Lebenszeichen malt. Dazu die raffinierte Projektionskiste für Bettina Marugg und Laila Nielsen (beide spielen Else).

H.D. Terschüren
Bonner Rundschau, 3. Mai 2005

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Leipziger Geschichten auf der Bühne

Was würde man wohl hören, wenn man einfach wildfremde Menschen auf der Straße oder in der Kneipe ansprechen und einfach mal zuhören würde, was die zu erzählen haben? Genau das hat das Bonner Theater fringe ensemble gemacht und das Ergebnis ist nun als Theater in der Schaubühne Lindenfels zu sehen. Anna Postels war gestern Abend bei der Premiere dabei.

Das Leben ist spannend und jedes einzelne Leben ist wie ein Theaterstück mit vielen Figuren, Ereignissen, Wendungen, Rückschlägen, Freude und Langeweile. Man muss nur zuhören können. Und ein Aufnahmegerät bereit halten. ?Genau das tut das Bonner fringe ensemble. Die freie Theatergruppe hat mit verschiedenen Menschen gesprochen, geplaudert, geredetet, nachgefragt, erklärt Regisseur Frank Heuel.

Da ist der Techniker, der schon zu Ostzeiten im Kino gearbeitet hat, da ist die alleinstehende Frau, da ist das alte Ehepaar, die schon seit so vielen Jahren verheiratet sind. Alle Höhen und Tiefen des Lebens zusammen durchlebt haben, die Krankheit des Mannes, die Urlaube, die Arbeit, beim Zusammenleben mit den Nachbarn. Oder der Mann, der über seine Kindheit erzählt: Aus den Gesprächen mit 15 Menschen aus verschiedenen Teilen Deutschlands hat das fringe ensemble eine Collage zusammenmontiert, die einen kleinen, vielleicht auch repräsentativen Ausschnitt aus deutschen Gefühlswelten zeigt. Deutschland wie es hofft und bangt, Deutschland mit den Wünschen und Ängsten all seiner Bürger, aber auch Deutschland mit den Geschichten und Anekdoten seiner Menschen. ?Hierbei sind die Aufzeichnungen der Gespräche fast wortwörlich auf der Bühne zu hören, nicht im Original von den Menschen, sondern von Schauspielern gesprochen. Mal einzeln, mal zu zweit, mal chorisch. Mal ist eine Person auf der Bühne gleich mehrfach als eigener Klon zu sehen, mal gibt es ein Video, wo die Darsteller auf der Bühne gleichzeitig auch auf der Leinwand zu sehen sind.?Diese Verfremdungseffekte tun den Texten gut, bewirken sie doch eine Konzentration aufs Wesentliche, auf den Text. Und vermeiden gleichzeitig eine anrührende, schwülstige Stimmung sondern vermitteln recht distanziert und sachlich die Geschichten. ?Regisseur Frank Heuel sieht gerade in dieser Verfremdung der Texte das Interessante:

Das Bonner Theater fringe ensemble ist in der Schaubühne Lindenfels nicht das erste Mal zu Gast. Denn zwischen dem Bonner Off-Theater in der Schaubühne gibt es schon eine längerfristige Zusammenarbeit, das „dramatic dispatch system“. Beim Austausch der Produktionen ist beim nächsten Mal Leipzig zu Gast in Bonn. Und der wechselseitige Austausch von Produktionen soll weiter gehen – man darf gespannt bleiben.

Magazin ‚Faustschlag‘, Lokalradio Uni Leipzig, 20. Januar 2006

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Gefangen im Dickicht des Lebensplans

Fringe-Ensemble zeigt preisgekrönte „Geschichten+“ im Pumpenhaus

„Ich glaube, wir sind bald durch“, eruiert Uwe mit dem selbstzufriedenen Blick eines Philisters, der seinen Unterrichtsstoff in Rekordzeit durchgepaukt hat. Seine riesige Kreidetafel ist mittlerweile vollgekritzelt. Mit skurrilen Diagrammen, Abkürzungen und Zahlen, mit denen Uwe zuvor nichts weniger als sein Leben zu strukturieren versuchte. Ein Lebensbericht im Schnelldurchlauf, raumgreifend reduziert auf jene „Lebenszeichen“, deren Logik den wild wuchernden Assoziationen seines deutsch-polnischen Schicksals zu folgen scheinen.Man muss stinknormalen Menschen einfach zuhören und sie plaudern lassen. Dann verraten sie einem zwischen all dem assoziativen Wildwuchs ihr Leben. Das wusste nicht nur Ute Diehl, als sie ihre „Fussbroich“-Doku drehte. Auch das Fringe Ensemble ließ den kleinen Mann nach Herzenslust palavern. Genauer: den kleinen Mann zwischen Deutschland-Ost und Deutschland-West.

Heraus kamen die mittlerweile preisgekrönten „Geschichten+“. Geschichten über Deutschland, wie es hofft und bangt. „Das Plus“, weil das Bonner Ensemble diese freimütigen Lebensbeichten auf der Pumpenhausbühne zwar wortwörtlich wiedergibt, diese aber in seine charakteristische Bühnensprache übersetzt. Mit jenen ins Groteske gesteigerten Verfremdungen und Doppelungen, die zu viel Authentizität auf der Bühne erträglich machen und die Konzentration aufs Wesentliche lenken. Und die aus einem kühl kalkulierenden Lebensplaner wie Uwe einen Gefangenen im Dickicht aus chaotischem Pfeildiagramm und streng umzirkelten Wohnungs-Grundriss macht.

Dorthin zieht sich Uwe alias Georg Lennarz zurück, wenn er mal gerade keine Spuren auf der Tafel hinterlässt. Seine „Schüler“, die Besucher, folgen ihm und all den anderen Plaudertaschen auf Drehstühlen, wechseln also auch im wahrsten Sinne immer wieder die Perspektive, wenden ihre Blicke auf jene riesige Leinwand, auf der Uwe plötzlich in Vogelperspektive von einer Anekdote in die nächste Banalität zappt. Bis später Bettina Marugg und Laila Nielsen in der raffinierten Projektionskiste von Bühnenbildner Eduardo Seru die doppelte Else geben, die sich naiv ihr Leipziger Allerlei erklärt und dabei ausschaut wie eine geklonte Marionette.

Zwischendurch schieben sich immer wieder David Fischer und Laila Nielsen als altes Ehepärchen ins Bild. Das bestärkt sich in seinen Erinnerungen stets mit einem synchronem „Ne“. Dennoch: Regisseur Frank Heuel macht sich nicht lustig. Stets bewahren seine Figuren ihre Würde. Tragisches schimmert durch diese sehr eindringlich und konzentriert dargebotenen biografischen Bruchstücke. Ohne die subtil choreografierten Doppelungen, ohne den wohl dosierten Slapstick, das chorische Durcheinander, ohne die kuriosen Subtexte der Körper wäre das gut zweistündige Geschwätz auch wohl kaum zu ertragen. Nur Hardcore-Fans schaffen schließlich vier Folgen „Fussbroichs“ nonstop …

Markus Küper
Westfälische Nachrichten 24. Januar 2007

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Deutschland, uneinig Theaterland

Fringe Ensemble beleuchtet Befindlichkeiten in Ost und West

Was die beiden Herren über die Unterschiede zwischen Kino in Ost und West erzählen, ist klug, differenziert und aufschlussreich. Dass sie ihre Ausführungen mit unbeholfenen Tanz- und Gymnastikübungen begleiten, wirkt allerdings befremdlich. Was man sieht, will nicht so recht zu dem passen, was man hört. Aber das ist eben Theater. Ausgezeichnetes in diesem Fall sogar.Im Westen keine Wende.
Frank Heuel, Kopf des Bonner Fringe Ensembles, hat für „Geschichten+“ Menschen aus Ost- und Westdeutschland über ihre Wünsche, Hoffnungen und Ängste befragt und das Ergebnis als dokumentarisches Theater auf die Bühne gebracht. Vorgestellt werden sechs sehr unterschiedliche Lebensläufe, bei denen eines auffällt: Für die Protagonisten aus dem Westen hat die Wende so gut wie keine Rolle gespielt, während sie für alle Beteiligten aus dem Osten ein gravierender Einschnitt war.

Die mit dem Theaterzwang-Preis 2006 ausgezeichnete Inszenierung bewegt sich zwischen Authentizität und Verfremdung. Das Knistern von Schallplatten untermalt die Kindheitserinnerungen einer älteren Dame, und ein arbeitsloser Werkzeugmacher kritzelt mit Kreide die Bühne voll wie ein Wissenschaftler, der die Weltformel herleitet. Ein Rentner-Ehepaar beschwört sein kleines Reihenhausglück, während ein ehemaliger Fremdenlegionär gut gelaunt von seinem Herzinfarkt erzählt und ein Bier bestellt. „Geschichten+“ zeichnet die Innenansicht einer Gesellschaft, die immer weiter auseinander driftet. Bühneneffekte wie überdeutliche Artikulation, chorisches Sprechen, optische Täuschungen oder die Aufspaltung einzelner Figuren in mehrere Schauspieler erzeugen eine eigenwillige Komik, die aber nie auf Kosten der Interviewten geht. Ein sehenswertes Stück, das Anspruch und Unterhaltung auf originelle Weise verbindet.

Helmut Jasny
Münstersche Zeitung 24. Januar 2007

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Fringe Ensemble erzählt von Schicksalsschlägen

Mit „Geschichten+ Das Stück“ stand das Fringe Ensemble aus Bonn am Dienstag auf der Hinterbühne des Ruhrfestspielhauses. Grundlage der 2006 mit dem „Theaterzwang“-Preis geehrten Aufführung sind zahlreiche Interviews, die mit Menschen in ganz Deutschland geführt worden sind. Darin erzählen sie von Schicksalsschlägen und Ängsten, von Krankheit und Scheidung, Flucht und Wiedervereinigung. Sie erzählen aber, falls vorhanden, auch von ihren Träumen und Plänen, ihrer Arbeit und ihren Leidenschaften. Da ist zum Beispiel das alte Ehepaar, das von Herzinfarkt, Hausbau und der Arbeit am Amtsgericht erzählt. Oder Uwe, der betrogene Ehemann, der seine Lebensgeschichte in wilden Zeichnungen auf einer Tafel festhält. Und überhaupt lebt das Stück auch von der aufregenden Veranschaulichung des Gesprochenen.

Neben der Tafel gibt es auf der Bühne eine große Leinwand, auf die in Draufsicht „Uwes“ Wohnung dargestellt wird. Im Verlauf des Stückes wird hier in den Projektionen oft mit der Schwerkraft und den Wahrnehmungsgewohnheiten gespielt, was zu verblüffenden Verfremdungseffekten führt. Die Zuschauer, auf drehbaren Bürostühlen nur eine Armlänge von den Schauspielern entfernt, müssen sich an einer Stelle des Stücks um 180 Grad drehen, da die Akteure plötzlich in ihrem Rücken spielen.

Die allesamt in grau gekleideten Schauspieler tragen die Lebensgeschichten mit einem beeindruckenden Redefluss und äußerst deutlich vor, streuen oft lebensechte Floskeln wie „Und dann…“ und „ne?“ ein, oder rufen die Interviewsituation ins Gedächtnis. Teilweise sprechen sie die Texte zusammen als Chor, teilweise wechseln sie sich mit tollem Timing oder auch mit aberwitzigen akrobatischen Übungen bei den Texten ab.

Der Zuschauer kann sich angesichts der Menge und der Art des Erzählten sicherlich nicht alle Einzelheiten merken, bleibt aber dennoch seltsam berührt und nachdenklich zurück. Schließlich verdichtet sich das Erzählte nämlich auch zu einer Aussage über die allgemeine Befindlichkeit in Deutschland West und Ost.

onruhr.de, 15. März 2007