Was ist türkisch, was ist getürkt?

Vorab-Produktion der Biennale Bonn von Theater Bonn und dem fringe ensemble

In der Männerumkleide liegt am Biennale-Vorabend ein Schaf mit abgetrennten Kopf daneben. Drumherum sitzen auf den Bänken männliche Zuschauer und weibliche, die sich mit angepapptem Schnurrbart als Männer ausgeben – wie auch Nicole Kersten, die als Toprak, Vater von fünf Kindern, über das Schächten aufklärt. „Ich dürfen“, sagt Tobrak, was umstritten ist, zumindest die Tierschützer laufen dagegen Sturm. Schächten, da lässt Tobrak nichts drauf kommen, macht sauberes Fleisch.Trotzdem lassen wir uns nicht davon abbringen, dass es sich bei dem Schaf um eine Attrappe handelt. Man spielt Theater, wir spielen mit. Ob wir 99 sind, wie erlaubt, ist nicht auszumachen. In der Frauenumkleide sitzen vermutlich auch Männer mit Zöpfen. Vielleicht sind es am Ende weniger, weil in den Labyrinthen des Frankenbades leicht einer abhanden kommen kann. Lange vor dem türkischen Theater, das die Biennale samt Musik, Tanz, Literatur und Ausstellungen vom Bosporus herüberholt, um uns was von Istanbul zu erzählen, haben wir schon türkische und türkisch stämmige Nachbarn.

Es lag nahe, sich von ihnen aufklären zu lassen darüber, was sie vielleicht ihren Freunden in Istanbul über uns erzählen. Also wie sie hier leben in ihrer gar nicht kleinen Community von 8500 Türken in Bonn. Soll keiner glauben, dass er Bescheid wüsste und dass es ein geschlossenes Bild gäbe. Solche „Geschichten, getürkt“ hat Frank Heuel mit Schauspielern von Theater Bonn und fringe ensemble ins Frankenbad gebracht. Auf Umwegen: Es wurden Interviews geführt, aus denen die Schauspielertexte stammen. Das schafft eine seltene Authentizität, keiner muss ein Blatt vor den Mund nehmen.

Irgendwie ist es getürkt und vielleicht deswegen wahr. Es werden erstaunliche Dinge offenbart, im leeren Schwimmbecken, oder – lauter Mehrfachbrechungen – über Mikros aus der gegenüberliegenden Halle, wo junge Frauen mit Kopftuch an der Scheibe stehen. Annika Ley hat für die Bühne gesorgt, Heuel hat die Akteure hineingestellt mit Frauenproblemen, Vaterproblemen, Ausweisproblemen, Jungfräulichkeitsproblemen.

Und was alles davon gar nicht im Koran steht. Ein großes Solo hat David Fischer; Maria Munkert ist 17, männlich, geht zur Handelsschule; Bettina Marugg ist modern und wieder nicht; Harald Redmer erzählt vom Job, einer arbeitet, die anderen grillen; Justine Hauer ist dabei. Es gibt viel Beifall.

H.D. Terschüren
Bonner Rundschau, 14. Juni 2008

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Getürkte Geschichten mitten aus dem Leben

Theater Bonn und fringe ensemble auf Expeditionstour durch das ›türkische‹ Bonn

Dass der Ort des Geschehens an diesem Abend das Frankenbad ist, lässt sich noch dadurch erklären, dass man wohl nirgends in Bonn so nah an der türkischen Kultur ist wie in der Bonner Altstadt. Die Information an der Kasse: „Sie werden um 18 Uhr abgeholt“, sorgt allerdings für Verwirrung. Kurz vor sechs wird das Rätsel gelöst, alle Zuschauer werden durch den Hintereingang des Bades auf die Tribüne des geschlossenen Schwimmbades geführt. Ein wenig befremdend, vor dem leeren Becken zu sitzen und auch die Aufteilung der Zuschauer in verschiedene Gruppen, mit Hilfe von kleinen Kärtchen, sorgt für weitere Unsicherheit.

Tragendes Element der abendlichen „Expedition“ – so der Untertitel der Inszenierung – sind O-Töne türkischer Mitbürger Bonns. Neun Geschichten, getürkt werden erzählt, die in keiner Weise erfunden sind, sondern mitten aus dem Leben stammen. Jeder Schauspieler fungiert als Pate für eine reale Person, deren Geschichte auf ganz neue Weise wiedergegeben wird. Nach den verteilten Kärtchen in Gruppen aufgeteilt, werden die Zuschauer an verschiedene Orte geführt.

In der Damenumkleide des Frankenbades trifft man auf Seda Gümüs (Justine Hauer), die sich gerade umzieht. Die junge Frau ist im Ruhrgebiet aufgewachsen und hat mit der türkischen Kultur eigentlich nicht mehr viel am Hut. Ihre Mutter wurde in jungen Jahren einfach nach Deutschland geschickt, um ihren späteren Mann, Sedas Vater, zu heiraten. Seda glaubt, dass ihre Eltern sich irgendwann wirklich geliebt haben, aber für sie wäre das nichts. Die türkischen Männer sind zwar ganz charmant, aber die wollen ja immer sofort heiraten, das muss nicht sein. Mit ihrem neuen Freund Bernd ist das anders. Der ist weder Macho noch Charmeur, da muss sie im Restaurant selber zahlen. Seda ist nicht begeistert davon, aber Männer können ja bekanntlich auch erzogen werden. Sie hat mit der türkischen Tradition nicht mehr viel zu tun, meidet türkische Kulturvereine und lebt so, wie sie es möchte. Nein, sie ist nicht religiös, das kann jeder machen, wie er mag. Ihrer Ansicht nach, kann man auch offener mit allem umgehen.

Im Innenhof des Bades begegnet man Ahmet Demiroglu (David Fischer). Er lebt schon lange in Deutschland und fühlt sich auch wie ein Deutscher. Mal ist er gerne der Anzug-Typ, der mittlerweile Versicherungsmakler ist, mal fährt er lieber mit seinem Kumpel bei lauter Musik im Auto durch die Straßen, als wäre er wieder 15. Seine Eltern sind wieder für einige Zeit in die Türkei gegangen, als Ahmet noch recht jung war. Da stand er auf einmal alleine da und musste sehen, wie er zurechtkommt. Also hat er eine Ausbildung bei Edeka um die Ecke angefangen und versucht es zu schaffen. Er wollte nicht mehr auf andere angewiesen sein, weder auf den Staat mit seinen Finanzierungshilfen, noch auf seine Eltern. Mit einem zweiten Job und einer 7-Tage-Arbeitswoche musste er sich im Geld bald keine Gedanken mehr machen. Als seine Eltern zurückkamen, haben sie sich erst mal bei ihm und seiner Freundin in der neuen Wohnung eingenistet. Sie haben aber auch schnell gemerkt, dass er sich nichts mehr sagen lässt und ihn wieder in Ruhe gelassen.
Sein Leben hat Ahmet härter gemacht. Er weiß jetzt, dass man viel schaffen kann, wenn man wirklich will. Für die Menschen in seinem Umfeld, die in ihrem Selbstmitleid versinken, hat er weniger Verständnis als vorher. Die muss man einfach aufwecken denkt er, damit sie anfangen, etwas zu tun.

Am Beckenrand erwarten die Ünlü-Schwestern den Zuschauer, der mittlerweile die anfängliche Scheu verloren hat und mit allem rechnet. Die Schwestern sind beide verheiratet und haben zusammen fünf Kinder. Sie berichten von ihrem türkischen Familienklan, wie das alles funktioniert. Jeder hilft jedem, und wenn etwas passiert ist, sind alle da, um sich gemeinsam zu freuen oder kollektiv Tränen zu vergießen. Natürlich haben sie auch mit anderen Deutschen aus ihrer Umgebung zu tun, sie leben ja schließlich in Deutschland. Da muss man sich anpassen, finden sie. Denn wenn man die Sprache nicht kann, kommt man schließlich nicht weit. Schon wenn ihre Mutter mal zum Arzt muss, merkt man das. Dann müssen sie halt dort anrufen und einen Termin machen, die Mutter spricht nur wenig Deutsch. So ist das unter Türken, die helfen sich bei allem, eine große Familie eben. Kopftuchtragen finden sie gut, so kann man seinem Mann schließlich zeigen, dass man nur für ihn da ist, und es gehört schließlich auch zur Religion. Aber dass der Mann alles bestimmt, so wie viele denken, das stimmt nicht. Das muss auch nicht sein, ist im Koran auch nirgends so festgehalten.

Die Kooperation des Bonner Theaters mit dem fringe ensemble war mehr als nur fruchtbar. Die ungewöhnliche Kulisse fordert und verwirrt den Zuschauer, da er nicht weiß, womit er als nächstes rechnen muss. Der Streifzug durch die Anlage des Frankenbades macht die Umsetzung der Geschichten noch realer, da man jeden Menschen in einer individuellen Situation antrifft. Teilweise sehr intim, beim Umziehen in der Kabine, oder einfach im Foyer, geschützt durch Schleier und Sonnenbrille.
Das Faszinierende ist die Gradwanderung, die jeder Schauspieler vollbringt, indem er in den realen Charakter des jeweiligen Bonners schlüpft. Teilweise vergisst man als Zuschauer, dass die Schauspieler nur stellvertretend für eine reale Person sprechen; an anderen Stellen wird es wieder ins Gedächtnis gerufen, wenn ein Schauspieler aus seiner Rolle herausschlüpft und scheinbar einfach von einem Freund erzählt. Der umgangssprachliche Ton des Ganzen macht das Stück noch wirklicher.
Der Einblick, den Regisseur Frank Heuel in seinem Stück gewährt, ist definitiv eine Expedition. Die Möglichkeit, Menschen nicht nur im Vorbeigehen zu sehen, sondern ebenso ihre Geschichte zu erfahren und sie in intimen Situationen zu erleben, vermittelt einen spannenden Einblick in eine andere Kultur. Die gängigen Themen, wie Bräuche und Religion, spielen natürlich auch eine Rolle. Doch das, was wirklich das Interesse des Zuschauers weckt, sind die Menschen.

Nina Trude
www.kritische-ausgabe.de, 25. Juni 2008