WDR 5 Scala – Aktuelles aus der Kultur vom 22.09.11
Frank Heuel im Gespräch über FINNLAND
WDR5 Scala vom 22. September 2011 im Gespräch mit Frank Heuel über die neue Produktion des fringe ensemble, die am Freitag, 23. September um 20 Uhr Premiere im theaterimballsaal in Bonn feiert.
Ausschnitt ca. 6min Spieldauer

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Montage und Demontage im Endenicher Ballsaal

Das Mädchen Lena steht in einem Berg aus Federn, hält ein Kissen vor den Bauch und ein Mikrofon in der Hand. Lenas Stimme klingt seltsam verzerrt, während sie ihre Beschwörungsformeln spricht: dass Günther, „der Papa“, sein Leben lang nur auf sie gewartet hat, dass sie jetzt ganz lieb zu ihm sein muss und nichts verraten darf, um die Mama nicht traurig zu machen.

Aber Lena ist nicht lieb. Sie hat Günther umgebracht, als sie 20 war und damit eine Familie auseinandergerissen, die in Wirklichkeit niemals eine war. Die Geschichte dieser Familie erzählen die vier Autoren Andreas Vonder (Niederlande), Lothar Kittstein (Deutschland), Ivo Briedis (Lettland) und Jens-Martin Eriksen (Dänemark) jetzt in „Finnland“, der neuen Produktion des Fringe Ensembles/phoenix5 unter Regie von Frank Heuel.

Und jeder erzählt sie auf andere Art; innovativ im Bühnenbild und im Einsatz von Videoprojektionen. Das Ergebnis ist eine faszinierende Montage und Demontage zugleich; der Albtraum einer Familie, erschreckend real hinter der Fassade gutbürgerlicher Sauberkeit.

Verstörend und manchmal auch von absurder Komik – von Justine Hauer, Bettina Marugg und Laila Nielsen, von Manuel Klein, Harald Redmer, David Fischer, Andreas Meidinger und Severin von Hoensbroech mit sicheren Gespür für den richtigen Moment umgesetzt. Kurzum: eines der Stücke, die man nicht so schnell vergisst.

Währenddessen könnte man auf der Zuschauertribüne eine Stecknadel fallen hören. Während Lena sich quält und ihre Bilder im Kopf ungehindert fortfahren. So will es Eriksen, in dessen Passage sich letztlich alles entlädt. Den Anfang macht Vonders Therapiestunde. Kittstein richtet den Focus auf Rolf, den älteren von Günthers beiden Söhnen; mal neun, mal 55 Jahre alt.

Aus dem Jungen, der nachts auf die seltsamen Geräusche aus Lenas Zimmer horchte, ist ein müder Mechaniker geworden. Die Geschichte eines Missbrauchs aus Sicht des jüngeren Stiefbruders zu erzählen und nur anzudeuten, was folglich jeder für sich allein ergänzen kann, ist ebenso ungewöhnlich wie gut gelungen. Briedis wiederum gibt Günther eine Stimme. Es kann keine Gewinner an diesem Abend geben, außer den Zuschauern.

Ulrike Strauch, General-Anzeiger, 27. September 2011


Familiengeheimnisse

Die Genealogie wird auf dem Programmzettel mitgeliefert. Sonst käme man leicht ins Schleudern bei dieser Familiengeschichte, an der vier Theaterautoren (alle gehören zum schreibenden Stamm des fringe ensemble) aus vier Ländern mitwirkten und einen eigenen Blick auf komplexe Konstellationen warfen. Der Niederländer Andreas Vonder entwirft die aktuelle Ausgangssituation als klassische therapeutische Familienaufstellung. Sabine (Bettina Marugg) floh vor den Nazis nach Finnland, bekam mit dem Bauern Jukka die Tochter Lena (Justine Hauer / Laila Nielsen), heiratete nach ihrer Rückkehr in die Bundesrepublik Günther und gebar mit ihm in den 1950er Jahren die Söhne Rolf und Michael. Die mögen sich gegenseitig ebenso wenig wie ihren Vater, was irgendwann mit ihrer älteren Stiefschwester zu hat.

Lothar Kittstein dröselt Rolfs Ahnungen auf und lässt ihn vierfach auftreten: jung (David Fischer und Manuel Klein), alt (Harald Redmer und Severin von Hoensbroech). Seltsame Geräusche waren aus Lenas Zimmer zu hören, wenn Papa Günther seine Stieftochter über den Verlust ihrer finnischen Heimat hinwegtröstete. Der Lette Ivo Briedis stellt im engen Sofaimperium die Nöte, Brutalitäten und Verletzungen des fünffach gespielten Mannes (neben den bereits genannten noch Andreas Meidinger) heraus, der Lena begehrte und ihr mehr Liebe schenkte, als sie wollte. Sie hat ihren Stiefvater umgebracht, bevor sie dessen Kinde Nina zur Welt brachte. Im Federkäfig wispert sie davon, dass Mama nichts wissen durfte von Papas Zärtlichkeiten.

Im letzten Akt, geschrieben von dem Dänen Jens-Martin Eriksen, ist Lena alt und dement. Sie will ihrer Tochter Nina nicht begegnen, sondern nur noch spielen mit Bruchstücken des Lebens. Diese hat Regisseur Frank Heuel mit je unterschiedlichen Ästhetiken großartig zusammengefügt zu einem Stück, das in einer offenen Form dunkle Geheimnisse der bürgerlichen Gesellschaft offenbart. Sachlich unspektakulär, aber dramatisch auf einem Niveau, das nicht nur unter die Haut geht, sondern derzeit zum Besten der freien Szene in NRW gehört.

Elisabeth Einecke-Klövekorn, kultur, November 2011


Keiner kommt hier lebend raus

Eine verstörende Familiensaga, beklemmend inszeniert

Es ist eine schreckliche Geschichte, die das fringe ensemble/phoenix5 unter dem unschuldigen Titel „Finnland“ auf die Bühne des FFT bringt. Sie handelt von Missbrauch, Mord und Wahnsinn, von Entfremdung und Einsamkeit. Es ist, kurz zusammengefasst, die Geschichte von Lena, deren Mutter sie am Ende des Zweiten Weltkrieges in Finnland zur Welt bringt, der Vater ist Finne.

Sie kehrt nach Deutschland zurück und heiratet einen anderen Mann, der die Stieftochter jahrelang missbraucht. Schließlich wird Lena von ihm schwanger. Als der Missbrauch auch nach der Geburt des Kindes nicht endet, bringt Lena ihren Peiniger um.

Sie endet in der Psychiatrie, getrennt von allen, auch der eigenen Tochter. Schwere Kost also, derer sich insgesamt vier Autoren angenommen haben, die in jeweils halbstündigen Stücken verschiedene Aspekte der Geschichte beleuchten, ihren Blick auf die Protagonisten lenken. Zu denen gehört auch die spätere Generation, denn die Ereignisse sind jahrelang verschwiegen worden.

Aber dieses Schweigen hat auch diejenigen beschädigt, die gar nicht direkt mit der Tragödie zu tun hatten. In einer Familienaufstellung arbeiten sie in der ersten Episode ihren Frust ab, eine Namenstafel hilft dem Zuschauer, die komplexen Verhältnisse zu verstehen. Es ist eine Reise durch das Nachkriegsdeutschland, das Schweigen in den eigenen vier Wänden entspricht dem öffentlichen Verschweigen.

Beklemmend inszeniert ist das, Regisseur Frank Heuel hat die vier Geschichten geschickt verbunden, hat jeder einen anderen Stil gegeben, arbeitet mit Mitteln der Verfremdung und der Montage, setzt Doku- und Videoelemente ein. Das schafft eine gewisse Distanz zum Monströsen, aber wenn Lena in der vierten Episode als kleines Kind im Käfig ihre Angst herausschreit und Echoeffekte ihre Stimme verzerren, gibt es keine Distanz mehr.

Über ihr schreiten weiß gekleidete Gestalten über ein Podest und springen in eine Grube hinab und man ahnt: Aus dieser Geschichte kommt keiner lebend raus. Die Qualität der Episoden ist durchgehen gut, die Schauspielkunst ebenfalls.

Thomas Hag, NRZ, 07. November 2011


Vier Autoren basteln an schlimmen Geschichten

Finnland, wohin Sabine 1943 aus Deutschland flieht, gibt den Titel für die jüngste fringe-Premiere im Ballsaaltheater – „Finnland“. Dort bekommt sie von einem Finnen ihre Tochter Lena, mit der sie 1947 nach Deutschland zurückkehrt, wo sie Günther heiratet, mit dem sie zwei Söhne hat. 20 Jahre später wird Günther auch der Vater von Sabines Enkelkind, doch als er sich Lena auch nach der Geburt wieder nähert, tötet Lena ihn.

Nicht gerade eine Hauptrolle für Finnland. Außer, dass eine der beiden Wurzeln des (authentischen) Stammbaums mit Fehlwuchs dort hinführt, den sich Frank Heuel von einem anonym bleibenden Familienmitglied nachzeichnen ließ und aus dem er die vier Autoren Andreas Vonder (Holland), Lothar Kittstein (Bonn), Ivo Briedis (Lettland) und Jens-Martin Eriksen (Dänemark) je ein Stück sich herausschneiden ließ. Ohne Kontakt untereinander, mit nur wenigen Vorgaben.

Der Regisseur Heuel erfindet sich dazu eine Extrafunktion, den Cutter. So muss man sich das vorstellen: Er schneidet den Film. Nicht von ungefähr spielt man, dreht man, auch in einer Art Studio (Bühne: Annika Ley), wo mit Camcorder, Monitor, Ton und wilden Perücken ständig Perspektiven und Zeiten wechseln und die Darsteller die sind, die sie darstellen. Heuel nutzt überall für die Aufzeichnung unordentlicher Lebensverläufe seine hochentwickelte Theatertechnik.

Das Interesse an Schlagzeilen ist es wohl weniger. Diese Opfer und Täter und Manipulationstechniken, die das Opfer in die Täterebene hineinziehen, mit allen Schuldgefühlen, daran ist wenig neu. Eher schon sucht Heuel das Elementare, das Unausweichliche, das aus den Kriegswirren geboren wird. Die Aufsplittung auf vier Erzähler ist der Trick, der selbst wieder für Verwirrung sorgt. Und für schlimme Geschichten. Vonder hat, wie alle, einen starken Text verfasst.

Der Anfang ist überhaupt stark. Sozusagen die erste Programmseite. Acht Akteure spielen Rollenzuweisungen, bunte Klebestreifen auf dem Boden bringen die Figuren mit den Texten zusammen, die Evidenz ist nicht riesig, aber das Spiel damit sehr witzig und verschafft den Schauspielern und Zuschauern Distanz. Für die Protagonisten gibt es auch fabelhafte Solonummern – für Justine Hauer, Laila Nielsen, Bettina Marugg, Redmer, Fischer, von Hoensbroech, um nur sie zu nennen. Gefeiert wurden alle.

H. Terschüren, Bonner Rundschau, 07. Oktober 2011


Finnland im FFT

Mit Medikamenten ruhig gestellt, gequält von Albträumen, eingesponnen in ein Fantasieparadies, mit einer Stoffpuppe im Schoß hockt Lena in einem psychiatrischen Pflegeheim und will von ihrer Tochter nichts wissen. Was soll sie auf ihren Brief antworten? „Einfach die Wahrheit“, rät der Arzt. Doch das ist unmöglich für sie, die als Kind schon zum Schweigen oder Lügen erzogen wurde. Mit 20 hat sie ihren Stiefvater getötet. Worauf ihre Mutter sagte: „Wie soll man jetzt den Boden sauberkriegen?“ Das Stück „Finnland“ , das in einem Gastspielaustausch zwischen Köln, Bonn und Düsseldorf im FFT Juta aufgeführt wird, ist rätselhaft, grotesk, schockierend, symbolreich, abstrakt, brutal und poetisch. Vier Stücke in einem. Verwirrend viel für zwei Stunden. Denn Regisseur Frank Heuel vom Bonner Fringe Ensemble hat vier Theaterautoren aus vier Ländern gebeten, denselben Familienkrimi je auf ihre Art nachzuzeichnen. Figuren und Eckdaten stammen aus einer realen deutschen Geschichte, in der seelische Kriegsverletzungen auch in den folgenden Generationen noch als Hass und Verzweiflung nachwirken. Eine ergreifende Geschichte und zugleich eine zitatenreiche Lehrveranstaltung über Theaterformen. Das schafft Distanz zum Grauen.

Werner Schwerter, Rheinische Post, 06. November 2011


Vererbtes Schicksal

Das fringe ensemble aus Bonn zeigt im Rahmen von „west-off“ in der Studiobühne Köln mit „Finnland“ eine Familiengeschichte, die unter die Haut geht. Nicht zuletzt, da die Geschichte auf einem Tatsachenbericht beruht. Eine Glanzleistung von atemberaubenden Schauspielern.

Eine Therapeutin (Justine Hauer) leitet eine Familienaufstellung für Marco (Manuel Klein), dem jüngsten Mitglied im fatalen Stammbaum dieser namenlosen Familie. Die Schauspieler agieren so natürlich, dass es einem schon bald unangenehm ist, Zuschauer zu sein – so intim erscheint die Teilnahme an dieser Therapieinheit. Therapie scheint jedoch dringend nötig. Marco etwa möchte seinen Vater am liebsten schlagen, denn der schickt ihn zurück ins Heim, als er mit sieben Jahren verzweifelt vor seiner Tür stand. Doch auch durch die Beschimpfung des „aufgestellten Vaters“ fühlt Marco sich nicht besser. Und irgendwie tut sein Vater ihm ja auch leid, hatte er doch auch eine schreckliche Kindheit. Ein altbekannter, aber bewegender Zweispalt: warum werden Opfer zu Tätern, und wo liegt die Grenze, ab der man ihnen nicht mehr verzeiht? Am Ende bleibt Marco auf der großen weißen Bühne zurück, und aus der Leere scheint dennoch etwas aufzubrechen. Ein traurigschönes Bild, das erzählt, dass Verzeihen nicht leicht, aber letztendlich vielleicht doch möglich ist.

Im Stück „Finnland“ geht es um vererbte Schicksalsschläge einer realen Familie von vier Generationen, die ein Familienmitglied dem Ensemble anvertraut und überlassen hat. Das Stück wurde von vier Autoren – I. Briedis (LV), J.-M. Eriksen (DK), L. Kittstein (DE), A. Vonder (NL) – unabhängig voneinander geschrieben. Am Anfang wurde ein Raster festgelegt, gesehen haben die Autoren das Stück erst am Tag der Premiere. Die Perspektive wechselt und erklärt nach und nach das Verhalten der traumatisierten Familienmitglieder. Klug hat Regisseur Frank Heuel Momente der Stille eingebaut, die die schwere Last aus Krieg, Selbstmord, sexuellem Missbrauch und Brutalität sacken lassen. Später werden aus den direkten, frontalen Monologen Szenen, die hinter einer Wand live gespielt und gefilmt werden, so wird eine Distanzierung möglich. Da ist Günther (Harald Redmer), ein Alkoholkranker, besessen von seiner Stieftochter – aber hinter der Wand kann man es kaum noch ertragen. Dass es hier um eine wahre Geschichte geht, wird einem wieder bewusst, als die Wand zur Seite kippt. Während Sabine (Bettina Marugg) sich kraftvoll und mit großer Hingebung an der Orgel begleitet, erzählt sie, wie angewidert sie von ihrem Mann ist, vom unberechenbaren Leben mit einem Alkoholiker. Als ihre Tochter Lena (Laila Nielsen) auch noch von ihm schwanger ist, ahnt man bereits, dass diese ihren Peiniger töten wird. Lena steht im Glaskasten und zischt mit einem Echo Sätze ihres Stiefvatres ins Mikrofon, Wahnsinn liegt in der Luft. Und dann ist Lena 60 Jahre alt, sitzt mit Medikamenten ruhig gestellt im Schaukelstuhl einer Psychatrie. Ihre Tochter, irgendwo da draußen, bettelt mit einem Brief um die Wahrheit: so unfair und unwiderruflich vernichtend kann ein Leben verlaufen. „Finnland“ macht atemlos vor Mitgefühl. Die Inszenierung beschließt die diesjährige Reihe west-off, die Gastspiele aus Bonn und Düsseldorf nach Köln holte. Für dieses Stück lohnt sich auch eine Reise quer durch NRW.

Nadine Keller, aKT, Theaterzeitung Köln, Januar 2012