DRONES Eine Drohnenoper von Gregor Schwellenbach Komposition/Künstlerische Leitung: Gregor Schwellenbach | Text: Lothar Kittstein und andere | Ausstattung: Annika Ley | Premiere: 13. Oktober 2016, theaterimballsaal, Bonn

So schön kann Vernichtung sein

Theater gibt sich nur noch den Anschein des analogen Renegaten, während es im Innern längst digital aufgerüstet hat. Insofern muss auch ein Stück über Drohnen nicht allein mit dem moralischen Impact der Täter am Joystick argumentieren. Im Theater im Ballsaal schweben unter der Decke drei oktogonale Projektionsflächen, über die Wolken fliegen und später Aufnahmen von der Erde. Der Zuschauer fläzt im Liegestuhl und schaut aus der Ameisenperspektive auf die potentiellen Ziele über ihm. Am Kopfende des Raumes sitzen Justine Hauer, Manuel Klein und Andreas Meidinger vor drei Monitoren und haben die Koordinaten samt Zielcursor ständig im Blick. Man erkennt Wüsten- und Schneelandschaften, intakte und zerstörte Häuser, Autos, einzelne Menschen.

„Drones“ heißt das neue Stück des fringe ensembles. Es ist Musiktheaterprojekt des Kölner Komponisten Gregor Schwellenbach, das im Rückbezug auf die geräuschhafte und minimalistische Drone Music des Komponisten La Monte Young den Text „Autopilot“ von Lothar Kittstein mit der Drohnendebatte des Bundestags zu einer „Oper“ vertont. Die drei Performer wechseln zwischen den Monitoren und dem um die Zuschauer positionierten Instrumentenpool (Orgel, Keyboards, Gitarren) und entlocken ihnen Klangflächen ohne Melodie und Rhythmus, irgendwo zwischen Fluggeräusch und Klangteppich. In einer Art syllabischem Sprechgesang ertönt Kittsteins Text über einen Mann, der eine Drohne aus seinem Büro steuert. Er schwärmt von der Natur, dem detaillierten Blick auf Menschen und Dinge, schließlich glaubt er sogar Gerüche wahrzunehmen. Es sind Beobachtungen aus einer Perspektive der Einsamkeit und Imagination, des Voyeurismus und der Allmacht, die sich zur Zerstörung autorisiert fühlt. Dieser Blick und das Aussparen jedes Spektakels an Explosion und Lautstärke eröffnet die Möglichkeit zur Identifikation und schafft so ein Klima der Irritation. Die Ästhetisierung des Schreckens ist total. So schön kann Vernichtung sein. Die meditative Stille der Klangflächen verdoppelt diese Wirkung noch. Wenn dann selbst die Stimmen der Bundestagsabgeordneten gesanglich manipuliert werden, ist die Absurdität perfekt.

choices, November 2016, Hans-Christoph Zimmermann