Ein Spiel vom ewigen Wünschen

Vier Akte lang sehnen sie das Glück herbei. Die Jahre vergehen auf der Suche nach dem „wahren Leben“, das es vermeintlich nur in Moskau gibt. Das wirkliche Leben zieht vorbei an den drei Schwestern Irina, Mascha und Olga, die in einem russischen Provinznest vergeblich auf ein anderes Leben hoffen.

Als Komödie wollte Anton Tschechow sein 1901 uraufgeführtes Drama „Drei Schwestern“ verstanden wissen. Regisseur Frank Heuel nimmt das in seiner neuen Produktion im Theater im Ballsaal durchaus ernst, ohne die sensiblen Zwischentöne des kammermusikalisch komponierten Werkes (raffiniert begleitet von der Musikcollage von Gregor Schwellenbach) zu unterschlagen.
Seine Inszenierung ist ein Solo, aber kein Monolog. Fast alle Figuren aus Tschechows Stück tauchen auf in Simin Sorayas wunderbar differenzierter Darstellung. Die Schauspielerin spricht die rückblickenden Anfangssätze der ernsten Olga, schwärmt als junge Irina von der sinnstiftenden Zukunft der Arbeit und springt in die Rolle der kapriziös melancholischen Mascha.

Sie tänzelt als Maschas ungeliebter Gatte Kulygin herum, spielt den eleganten Neuankömmling Werschinin und den braven Baron Tusenbach. Im Hintergrund werden die Namen der vielen Personen eingeblendet, die sich nach und nach in einem Beziehungsgewirr überlagern.

Anrührend zelebriert Soraya Maschas Geständnis ihrer Liebe zu Werschinin, der am Ende mit seinem Offizierskorps abzieht. Anrührend auch Irinas Bekenntnis zu Tusenbach, den sie nicht lieben kann und der einen Tag vor der Hochzeit in einem unsinnigen Duell stirbt.

Jeder Akt in diesem Spiel vom ewigen Wünschen hat seinen ganz eigenen Rhythmus und eine theatrale Spannung, die die Zufälligkeit der Ereignisse in Tschechows Stück aus einem weiblichen Blickwinkel neu beleuchtet.
Simin Soraya macht daraus ein vielstimmiges Konzert widersprüchlicher Visionen davon, warum wir leben und leiden. Sie lässt dabei brüchiges Pathos ebenso zu wie energische Wut und Lebenslust. Unbedingt sehenswert!

Elisabeth Einecke-Klövekorn, General-Anzeiger Bonn , 15. Januar 2011


Tschechow-Drama gerät in den Textschredder

Simin Soraya imponiert mit ihrer Solodarbietung des Stücks „Drei Schwestern“

Für „Drei Schwestern – Ein Solo – nach Anton Tschechow hat Eduardo Serú die Elemente eines Salons in den Ballsaal gestellt. Ein perspektivisch verzerrtes Mosaik führt zu einem Halbabschluss mit Sofa, auf dem man Simin Soraya zunächst nur ahnt. Derweil eine Stimme aus dem Off notiert, welche Kleider Olga, Mascha und Irina gerade tragen. Doch wenn das volle Bühnenlicht angedreht wird, erkennt man, dass Simin Soraya keins davon anhat.

Das ist ein Trick. Regisseur Frank Heuel muss bei diesem Einstieg noch jede Personenzuweisung vermeiden. Die Deutsch-Iranerin spielt nämlich im Wechsel alle drei Schwestern und noch ein Dutzend weitere Figuren dazu. 70 Minuten lang produziert sie Textsplitter, mit denen – gekürzt – Heuel das Drama der drei Schwestern auf sie projiziert, die durch die Versetzung ihres verstorbenen Vaters, eines Generals, seit 11 Jahren in die Provinz verbannt sind. So sehen sie es jedenfalls. Über die hintere Bühnenwand lässt dabei ein Projektor all die Namen wandern, die sich selbst wieder ui einem Puzzle anhäufen. Sich ständig wiederholend Olga, Mascha, Irina und Bruder Andrej und seine Frau Natascha sowie die der beteiligten Herren – Ehemänner, Liebhaber, Offiziere. Die einzige Abwechslung ist der Wechsel der Garnison. Der letzte lässt den Leutnant Tusenbach, Irinas Verlobten, zurück, hingemeuchelt im Duell. In solcher „Textschredderung“ erkennt man die Methode Heuel.

Oft verteilt er eine Rolle auf mehrere Sprecher. In dieser Aufführung gibt er, umgekehrt, den ganzen Text einer einzigen Darstellerin auf. Es ist auch eine Gedächtnisleistung, 70 Minuten Text zu memorieren, der sich anders als bei Tschechow keinesfalls von selbst ordnet. Simin Soraya macht das fabelhaft, aber wenn einer „Drei Schwestern“ gut kennt, schadet es auch nicht. Simin Soraya überzeugt auch mit ihrer Präsenz in Heuels Versuch, das Tschechow-Drama aus den Vereinnahmungen durch die Rezeptionsgeschichte mal zu befreien.

Da geistern weder Peter Stein noch Claus Peymann im Hintergrund herum. Seiner Dramatisierung epischer Stoffe begegnet Heuel hier mit epischen Blickwinkeln auf ein Drama. Mit der jungen Schauspielerin darf er das auch, sie lässt das auch einfach mal auflaufen in affektgeladenen Ausbrüchen. Man sieht sie sich beeindruckt an. Die Bühnentechnik – auch Gregor Schwellenbachs aufgeräumt militärische Hintergrundmusik gehört dazu und das Licht von Moritz Hesse – funktionierte prima in der stark besuchten Premiere.

H. D. Terschüren, Bonner Rundschau , 15. Januar 2011