Schillers Räuber beim Spargelstechen

fringe ensemble im Pumpenhaus

Ihr Schmerz über den verlorenen Geliebten ist groß. „Hier lag er an meinem Halse, brannte sein Mund auf dem meinem, und die Blumen starben gern unter der Liebenden Fußtritt“, jammert sie, um dann unvermittelt fortzufahren: „Ich hab jetzt zweieinhalb Jahre versucht, einen Platz zu bekommen, aber du kriegst keine Genehmigung durch.“
Den ersten Satz spricht Amalia in Schillers „Räuber“, der zweite stammt von einer Prostituierten, die einen Stellplatz für ihr auf Liebe umgerüstetes Campingmobil sucht. Dass zwei so ungleiche Personen zusammenkommen, verdankt sich dem fringe ensemble, das mit seiner Version des Klassikers zurzeit im Theater im Pumpenhaus in Münster gastiert.

Position behaupten
Im Frühjahr war Regisseur Frank Heuel mit seinem Ensemble durch Deutschland gereist und hatte mit den Menschen gesprochen, um die Interviews dann mit Schillers Drama zu verquicken. Das Ergebnis ist frappierend. Wie vor über 200 Jahren die ungleichen Brüder Karl und Franz Moor versuchen, ihre Position zu behaupten, kämpfen heute die Menschen aus Ost und West um ihren Platz im Leben.
Neben der Prostituierten kommen ein Imker z Wort, der das Verhalten der Bienen mit der Gesellschaft der Menschen abgleicht, ein Spargelbauer, der die Disziplin polnischer Arbeiter preist, eine Försterin, die den Holzklau beklagt, zwei ehemalige Häftlinge, die sich fast wehmütig an die Solidarität im Knast erinnern und ein ostdeutscher Bäcker, der seinen Sohn und Nachfolger an eine Architektin aus dem Westen verliert. Zwischen diesen Szenen spielen sich „Die Räuber“ ab, klug gekürzt und auf das Wesentliche reduziert.

Provozierend lässig
Was die Inszenierung so sehenswert macht, ist neben dem semidokumentarischen Ansatz die darstellerische Leistung des fünfköpfigen Ensembles. Nach bewährter fringe-Manier gibt es keine festen Rollen. Die Schauspieler absolvieren die Dialoge zum Teil als Chor und gehen mit einer fast schon provozierenden Lässigkeit an die Sache heran. Sanft wie ein Schlummergesang erklingt das berühmte Räuberlied, und das Massensterben am Ende der Tragödie wird mit einem kurzen Röcheln abgetan. Dass die Aufführung trotz dieser Zurücknahme eine ungeheure Präsenz erreicht, ist hohe darstellerische und inszenatorische Kunst.

Helmut Jasny
Münstersche Zeitung, 30.10.2009
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Grenzerkundung

Frank Heuels fringe ensemble bringt „Die Räuber“ auf die Bühne des Theaters im Ballsaal

Von der Rebellion zweier Söhne gegen die Väterwelt handeln „Die Räuber“, die Frank Heuels fringe ensemble zum eigenen zehnten und zu Friedrich Schillers 250. Geburtstag im Theater im Ballsaal präsentiert hat.
Aus Leipzig stammt angeblich der Brief mit dem der ungeliebte, hässliche, neidische Franz den alten Moor dazu bringt, seinen angeblich zum steckbrieflich gesuchten Dieb und Vergewaltiger gewordenen erstgeborenen Sohn zu verstoßen. Der ehrliche, edle Karl wird zum Verbrecher aus verlorener Vaterliebe und zum Anführer einer Räuberbande.
Die fringe-Leute sind von Bonn nach Leipzig durch Deutschland gewandert, durch die republikanischen Räuberwälder, die n den von René Reinhardt gefilmten und auf drei Monitoren gezeigten Bildern meist so idyllisch erscheinen wie beim Klassenausflug ins Grüne. Den unter Hochwasser leidenden Wirt an der Siegfähre haben sie getroffen, eine Försterin auf der Suche nach durchgeknallten Wilderern, zwei von „super Kerlen“ redenden Ex-Häftlinge du eine mit rotem Plüschkissen an der Windschutzscheibe ihres Wohnmobils werbende Prostituierte, brave Steuerzahlerin, aber ständig auf Parkplatzsuche für ihr Gewerbe. Und einen Imker, der sich mit dem Brutverhalten von Bienenvölkern auskennt und deren Königinnen gelegentlich umbringen muss. Wie sagt doch der melancholische Karl im Räuberlager an der Donau: „Brüder – ich habe die Menschen gesehen, ihre Bienensorgen, und ihre Riesenprojekte – […] das wundersamst Wettrennen nach Glückseligkeit […]. Es ist ein Schauspiel, Bruder, das Tränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelächter kitzelt.“
Schillers stürmisches Pathos wird zurückgenommen auf der mit großen weißen Quadern vollgestellten Bühne (Ausstattung: Annika Ley), um die die Zuschauer im Halbrund sitzen. Schillers dramatische Monologe sind artistisches Sprechmaterial im Spiel um Verrat und Treue, rasende Lebenswut und mörderische Wertzerstörung. Im Hintergrund wird der Reiseweg mit Kreide an die Wand gemalt und mit der Moorschen Familiengeschichte verbunden. Spiegelbergs Erzählung von der wüsten Heimsuchung eines Nonnenklosters wird zum bösen Satyrspiel, die Geschichte des jungen Räuber-Kandidaten Kosinsky zu einem sehr gegenwärtigen politischen Schurkenstück. Zumal Kosinsky bekanntlich wie Karl einer treuen Amalia nachtrauert, die zwischen den männlichen Fronten dran glauben muss.
Die fabelhaft Justine Hauer feuert als Cheerleaderin schwarz-rot-golden das verfeindete Brüderpaar an (Bei Schiller begegnen sich Franz und Karl auf der Bühne übrigens nie.). Der großartige Harald Redmer wird vom alten Moor am Ende zum mehlbestäubten Bäckermeister. David Fischer, Manuel Klein und Andreas Meidinger spielen die Brüder und bis zum Ende verschworenen Räuber. Ziel der spannenden Erkundung von Schillers Drama ist natürlich das Theater. Im Film taucht das Ensemble zum Schluss in der Leipziger Schaubühne auf. Sehenswert.

Elisabeth Einecke-Klövekorn
kultur, Oktober 2009
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Einig Laberland in Räuberhand

Das fringe ensemble startet mit Schillers Bühnenerstling „Die Räuber“ in die neue Spielzeit

Im Wald da sind die Räuber. Sie singen im Ballsaaltheater zwar nicht, jedenfalls nicht das Schunkellied, aber sie wandern munter fürbass zu Schillers 250. Geburtstag und zum 10. des fringe ensemble. René Reinhardt hat sie dabei gefilmt, streckenweise. Auf großen Monitoren liest man: „Noch 444 Kilometer bis Leipzig.“ Da marschieren sie gerade aus Bonn heraus. Alle 50 Kilometer verlassen sie den Bus und laufen ein Stück, stellen wir uns vor.

Auf der Einladungskarte: „Die Räuber von Schiller, das ist nicht ganz korrekt. Aber es kommt viel Räubertext vor. Frank Heuel hat sich von Annika Ley eine Arenabühne ins schönste Theaterhaus Bonns bauen lassen. Auf der hinteren Wand begleiten die Akteure die Aufführung mit Kreidekritzeleien. Die Mitte trennt Besserwessis von Jammerossis. In der Mitte läuft auf der Tafel auch alles zusammen. Von links die Stationen und von rechts das Schillermaterial. Das ist nicht unwitzig. Das bezeichnet auch die Wasserscheide von Heuels Inszenierung.

Auch wenn sie mit dem Reiseziel Leipzig zunächst nur auf die Rechtfertigung zuzulaufen scheint, „dort spielen wir die Räuber auch, im Oktober beim Festival Deutsche Geschichten“. Aber das Erforschen, Erwandern, Erfragen von Geschichte ist eine lange Projektschiene beim fringe ensemble. Es bleibt also nicht beim Gag. Irgendwann schreibt einer „Deutschland einig Laberland in Räuberhand“ an die Wand.

Man spielt Begegnungen. Die Idee dabei ist, dass sich das trifft, irgendwo im Heute, irgendwo zwischen Schillers Aufbruch und Revolte und dem deutschen Alltag. Das funktioniert natürlich nicht ein zu eins, aber es reibt sich. Die vier Schauspieler und eine Schauspielerin stoßen auf Gastwirt, Försterin, ehemaligen Grenzer, Bäcker, Imker, Prostituierte, Spargelbauer und so weiter. Aus diesem Aufeinanderprallen mit Schiller entstehen für David Fischer(sehr stark, wenn er pomadisiert die Kanaille Franz ins Gefecht wirft), Andreas Meidinger und Manuel Klein (Karl im Raptus und anderes) und Harald Redmer, der als Bäcker dem Mehl eine grandiose Schlacht liefert, heftige Szenen.

Auch Rollers schaurigkomische Ballade von der Nonnenklostervergewaltigung kommt üppig über die Rampe. Am schönsten vielleicht aber trifft sich die Stückidee mit Schiller, wenn Justine Hauer eine Prostituierte an den sächsischen Ausfallsstraßen labern lässt und zwischen ihren Anleitungen für Kunden sich als Amalia ihre Erinnerungen an Karl zurückruft, wie der ihr in seligen Stunden „die Rosen pflückte“.

H.D. Terschüren
Bonner Rundschau, 19. September 2009