Frank Heuels „Heilige Johanna“ – mit Brecht gegen Brecht

„Alternativlos“ heißt das Unwort des Jahres 2010. „Alternativlos“, das war die Politik der Agenda 2010, der Rettungsschirm für marode Banken und die Finanzspritzen in der Euro-Krise. Von den angeblich „ehernen Gesetzen der Wirtschaft, auf die niemand Einfluss habe“ handelt auch Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“, sein dramatischer Kommentar zur Weltwirtschaftskrise von 1929, eingekleidet in die Geschichte einer Heilsarmistin, die es wissen will, wer an dem Elend rund um die Schlachthöfe Chicagos schuld ist, und doch immer nur die Antwort bekommt, dass Ausbeutung, Verelendung der Massen und die Gesetze des Marktes halt nun mal „alternativlos““ sind.

Nicht besonders originell also die Idee, das als angestaubt geltende Stück aus den Zeiten des Raubtierkapitalismus auch auf die aktuellen Nullrunden und Übernahmeschlachten zu beziehen. Bemerkenswert originell ist allerdings, wie das Fringe Ensemble (Bonn) und Phoenix5 (Münster) unter der Regie von Frank Heuel mit raffinierten Schock-Effekten und mitreißenden Bildeinfällen dem Stück den schulmeisterlichen Tonfall austreiben und damit überzeugend den Satz Heiner Müllers bestätigen, dass man Brecht, wenn man ihn nicht verraten will, verändern muss.

Dabei bleibt die Inszenierung nicht nur eng am (klug gekürzten) Text, sie zitiert auch liebevoll und ironisch Brechts Theatermittel wie die kunstvoll gesprochenen Chöre, die virtuos mehrstimmig präsentierten Songs (Komposition und Einstudierung von Gregor Schwellenbach) oder die ominöse „Brecht-Gardine“: hier eine Reihe von Papierbahnen an Fleischerhaken, die wie Rinderhälften am Ende an einer hängenden Transportschiene quer über die Bühne gezogen werden. Aber der Regisseur und seine Bühnenbildnerin Annika Ley haben einen doppelbödigen Assoziations-Raum geschaffen und vor allem eigenwillig erzählende Spiel-Materialien gefunden. Ob das nun Eiswürfel, Frischhaltefolie oder „durch den Wolf gedrehtes“ Papier mit den Namen der Börsenakteure ist: in ihrer Bildwirkung lösen sich diese Gegenstände sehr schnell von der illustrativen Funktion als Zeichen eines Schlachthofs und verselbständigen sich zu eigenen Geschichten. Ein vor den Augen und Nasen der Zuschauer mit Sorgfalt gebratenes Steak etwa wird wie ein Kunstwerk oder Fetisch an die Wand genagelt, dann hängt es einem der Fleischfabrikanten als überdimensionale Zunge obszön aus dem Mund, bis es schließlich mit bloßen Händen ausgequetscht und zerrissen wird.

Die entscheidende Veränderung aber betrifft das Figurenkonzept, denn in diesem postmodernen und spatkapitalistischen Schlachthaustheater spielen David Fischer, Manuel Klein, Bettina Marugg, Andreas Meidinger und Harald Redmer alles, den Chor der Heilsarmisten genauso wie die unersättlichen Fleischfabrikanten oder die hungernden Arbeiter. Nur Johanna wird das Privileg eines Alleinstellungsmerkmals zuteil: vor dem Hintergrund der übrigen nur sehr behutsam typisierten Ensemble-Figuren gewinnt die Heilsarmistin in der Darstellung durch Simin Soraya (als Vertretung für die schwangere Justine Hauer) etwas Unwirkliches, Ikonenhaftes. Ihr Protest wird in einem fulminanten Schlussbild in Folie gepackt und so dem ausbeuterischen System als Konserve einverleibt. Vor allem die durch tänzerisches Agieren und die Nacktheit schmerzhaft ausgestellte Körperlichkeit der Darsteller macht eindrucksvoll deutlich: in diesem Schlachthof sind die Schlächter zugleich das Schlachtvieh.

Friedhelm Roth Lange, nachtkritik.de, 04.02.2011

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Die Heilige Johanna der Schlachthöfe

Chicago in den 20er Jahren. Ein Kampf ist entbrannt um ein blutiges Geschäft: den Fleischmarkt.

Die Arbeiter verrecken, die Unternehmer verhandeln. Und hier wie dort bleibt im brutalen Existenzkampf die Moral auf der Strecke. Bertolt Brecht bringt in seinem Lehrstück die Wirkmechanismen der Ökonomie mit dem sprachlich hohen Ton der Tragödie zusammen – Sachlichkeit trifft Pathos, das war schon zur Entstehungszeit ironisch zu verstehen. Auch Frank Heuel und das Fringe Theater setzen in ihrer Inszenierung nun ganz brechtisch auf Distanz. Weiße Plastikfolie und ein paar Holzpaletten deuten das Schlachthof-Setting nur an. Es gibt bis auf die Johanna keine eindeutigen Figuren, sondern es gilt ganz solidarisch: Alle spielen alles und das mit großer Lust an der Verfremdung: Texte werden mit Dialekt, Flüsterstimme oder Quietschton gesprochen, und gelegentlich bricht sich der systemkritische Eifer im sozialistischen Liedgut Bahn.

So gelingt Regisseur Frank Heuel mit spöttischer Übertreibung und Verzerrung der von Brecht geforderte kühl-kritische Blick auf’s Geschehen. Und trotzdem nimmt er das Stück ernst. Mit nur wenigen Mitteln spinnt Heuel ein dichtes Metaphernnetz. Ein Bottich mit Eiswürfeln erzählt ebenso vom Einfrieren jeder Börsenaktivität beim großen Crash wie auch von der Eiszeit der Herzen. Und als am Ende des Geschacheres jede Hoffnung auf Gerechtigkeit verloren ist, packen sich die Darsteller selbst in Plastikfolie – auch der Mensch ist unter diesen Bedingungen nur ein Stück Fleisch, über das verhandelt werden kann. Das Fringe Ensemble zeigt mit kraftvoller Bildsprache und bewundernswerter Konsequenz die schmerzhaft-ausweglose Dialektik des Stückes: alle sind hier unsympathische Opfer, sympathische Täter. Und der Mensch verliert in der Komplexität des Wirtschaftslebens vor allem eines: Das Wissen über den Unterschied, welches Handeln noch gut, welches schon schlecht ist. Einfach nur Helfen-wollen – hilft längst nicht mehr.

Regisseur Frank Heuel und das fringe ensemble denken in ihrer überzeugenden Inszenierung Brecht neu. Mit kraftvoller Bildsprache und ironischer Distanz zu den Figuren zeigen sie: In der Komplexität des Wirtschaftslebens bleibt vor allem eines auf der Strecke: Das Wissen über den Unterschied, was gut, was schlecht ist.

Nicole Strecker, wdr5 scala, 18. Oktober 2010

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Ein starkes Stück

Hingehen! Theater im Ballsaal in Bonn-Endenich

Dort spielt das Bonner fringe ensemble die “Heilige Johanna der Schlachthöfe”, ein Hauptwerk von Bert Brecht, brandaktuell zur heutigen Wirtschaftskrise.

Mit minimalistischem Aufwand ist dem fringe ensemble hier ein unglaublicher Kraftakt gelungen. Minimalistisch heißt ja nicht: wenig Aufwand, sondern: sehr viel Aufwand aber mit sparsamsten Mitteln. Nur sechs SchauspielerInnen spielen mehr als 20 Rollen in unentwegt wechselnder Besetzung – eine Spezialität des fringe ensembles. Regisseur Frank Heuel greift nebenbei richtig “klassisch” in die Vollen:
Theaterblut schon in den ersten Szenen, ein frisch gebratenes Steak an der Wand, vier (schöne) nackte Männer in Eiswürfeln und Johanna in Plastik eingeschweißt… Und all das wäre nichts ohne die rundweg herausragenden Leistungen der SchauspielerInnen. Hut ab vorm fringe ensemble!

Brechts Theaterstück “Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von 1929/30 ist heute ein Klassiker und gilt als eines “der reichsten, glänzendsten, virtuosesten, freilich auch grimmigsten und schockierendsten Stücke, die Brecht geschrieben hat”. Eine sehr vornehme Umschreibung für eine, aus heutiger Sicht, doch recht holperige Collage zahlloser guter Einzel-Szenen. Mit sehr feinsinnigen Methoden hat das fringe ensemble jedoch alle Holpersteine weggezaubert.

Es geht um Büchsenfleisch in Chicago 1929. Der Büchsenfleischkönig Pierpont Mauler trickst auf Anraten seiner Freunde von der Wall Street nicht nur seine Büchsenfleisch-Konkurrenten aus, sondern auch deren Viehlieferanten. Das liberale Spiel der Marktkräfte führt wegen seiner immanenten Idiotie (= Prinzip des Eigennutzes) zwangsläufig zum Kollaps des Fleischmarktes. Diese Zwangsläufigkeit wird im zweistündigen Theaterabend detailliert erklärt. Die ausgesperrten Arbeiter beginnen derweil zu verhungern, zu erfrieren, zu streiken und von der Polizei erschossen zu werden. Johanna, die das Gute will, vermittelt zeitweilig zwischen Oben und Unten, gerät so “zwischen die Fronten” und stirbt, 25jährig, an Lungenentzündung wegen Hunger und Armut.
Der Fleischkönig Pierpont Mauler hat inzwischen neue Tipps aus New York bekommen: Fasse deine ehemaligen Konkurrenten in einem “Ring” zusammen, beschränke dirigistisch das Produktionsvolumen, entlasse ein Drittel der Arbeiter und kürze deren Lohn ebenso stark. Und das macht er auch. Die sterbende Johanna wird zeitgleich – gewissermaßen als Marketing-Maßnahme – von allen übrigen Beteiligten, die sich auf diesen neuen Deal einlassen, zur “Heiligen” erhoben.

Zwei Stunden stimm- und bildgewaltiges Theater vom Aller-aller-Feinsten! Auch der Bonner General-Anzeiger ist begeistert: “In ihrer Ästhetik reagiert diese Inszenierung kongenial auf Brecht, sie ist selbst klassisch in der Anwendung ihrer Mittel. Rollenwechsel, Bilder und Sprachbehandlung sind derart virtuos, dass man sich manchmal etwas weniger Perfektion wünscht.”

Versteckt neben dem Kino “Rex” und hinter der irischen Kneipe “Fiddlers” steht in Bonn-Endenich der alte Ballsaal, die einst wichtigste Tanz-Tenne aus vergangenen Zeiten, als Endenich noch gar nicht zu Bonn gehörte. Hier ist heute das Bonner fringe ensemble zu Hause (fringe ist ein aus dem englischen kommender Begriff für freie Theaterarbeit) und entwickelt seit Jahren eine herausragende Produktion nach der anderen.

Achtung, Live-Event! Anders als bei guten Kinofilmen kommt sowas nicht irgendwann mal im Fernsehen. Nicht mal bei arte. Also: Hingehen.

H. G. Aldenhoven, rhein:raum, Bonner Magazin, 10. Oktober 2010
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Blutiger Überlebenskampf

Es geht um Geld, Ausbeutung, hilflosen Widerstand gegen die mächtigen Börsenbosse und um den Niedergang der Moral in Brechts 1929/30 als Reaktion auf die damalige Wirtschaftskrise entstandenem Stück. Was das fringe ensemble im Theater im Ballsaal in der Regie von Frank Heuel verhandelt, ist also hochaktuell. Die sechs Schauspieler nehmen Brechts Text mit seinen ironischen Blankversen und unverschämten Zitaten bitter ernst und zelebrieren ihn mit einer lässigen sprachlichen Virtuosität, die ans Groteske grenzt.

Als mit sich selbst absurde identische Heldin Johanna Dark wandert Justine Hauer durch die Chicagoer Schlachthöfe, die Ausstatterin Annika Ley mit viel Blut, Eis und Dreck versehen hat. Johanna ist naiv und stark, gutgläubig und seltsam unberührbar. Bettina Marugg im weißen Anzug spielt brillant die ganzen Zocker, die wie Fleischkönig Mauler beim Anblick eines Ochsen auf der Schlachtbank sentimental werden und die Konkurrenten um die Geldtöpfe kaltschnäuzig zur Sau machen. David Fischer, Manuel Klein, Andreas Meidinger und Harald Redmer sind mal die Herrscher im Geschäft mit den Viehherden, die als Dosenfleisch auf den Markt geworfen werden sollen, mal die lohnabhängigen Züchter und Schlächter, die splitternackt dem Segen des Kapitals entgegenzittern, mal die Heilsarmee, die in durchsichtigen Plastikanzügen mit dem Segen Gottes die Menschheitsbeglückung probt.

Die Inszenierung, die die männlichen Darsteller körperlich bis zur Schmerzgrenze herausfordert, rast mit irrwitzigem tempo und wahnwitziger Intelligenz durch die geldgierige Tötungswelt. Das grenzt manchmal an mordslustiges Kabarett, wo man mit blutverschmiertem Gesicht saubere Fratzen entlarvt und zähneknirschend Oden deklamiert. Eher überflüssig sind die gegen Ende eingeblendeten Bilder der ,letzten Schlächter von Köln’, die der Fotograf Josef Snobl vor Schließung des Kölner Schlachthofes im Mai 2010 aufgenommen hat. Im Foyer des Theaters gibt es dazu Kopfhörer mit Interviews der betroffenen Metzgereiarbeiter. Ein Highlight ist die Bühnenmusik von Gregor Schwellenbach, der auch die Gesangsnummern des Ensembles einstudiert hat.

Die originelle, künstlerisch hervorragende fringe-Interpretation des Brecht-Klassikers ist unbedingt sehenswert! Oberstufen-Schulklassen sollten aber darauf vorbereitet sein, dass viel unbekleidete Männlichkeit zu sehen ist.

Elisabeth Einecke-Klövekorn, kultur, November 2010

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Fleischtycoon Mauler beherrscht die Konkurrenz

Das fringe ensemble ist mit Brechts „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ in die Saison gestartet

Bertolt Brechts Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ hat sich Frank Heuel zur Krise einfallen lassen. Gespielt wird im Ballsaal zum Beginn der neuen Saison des fringe ensembles vor einer Decken hohen weißen Plastikfolie. Das Blut ist abgespritzt. Ein Schlachthof, versteht man, in dem nicht mehr geschlachtet wird. Die Krise hat Chicago erreicht. „Verdammte Zeiten! Verwüstet liegt der Markt…“ zetern die Fleischfabrikanten, denen die Felle davon schwimmen. Die Arbeiter verelenden.

Natürlich versucht Heuel bei seiner ersten Brecht-Inszenierung die eigenen Theatermittel an dem lange Vernachlässigten aus. Brechts Kapitalismusschelte angesichts der Weltwirtschaftskrise 1929, die erst 30 Jahre später, nach seinem Tod, ins Theater kam, stellt Heuel in seiner epischen Oratorienmanier dar mit Chorischem für sechs Sprecher – vier Schauspieler und zwei Schauspielerinnen anstelle von Brechts großem Ensemble.

Dass zum Kapitalismus die Krise gehört, bestreiten heute nicht mal die Kapitalisten. Ihr Instrumentarium hatte schon Brecht durchbuchstabiert. Die Fondsspekulanten haben zwar noch was dazu erfunden, doch im Prinzip kannte Brechts Fleischtycoon John Pierpont Mauler schon alles, womit er die Konkurrenz ausbootet.
Als der Markt sich wieder öffnet, hat er das Fleisch und die anderen Büchsen, weswegen sie jeder Erpressung ausgeliefert sind. Heuel parodiert nicht. Er bebildert gewohnt drastisch. Wenn das Blut wieder strömt, beschmieren sich alle damit. Oder legen sich nackt in das Eis der Kühlhäuser. Es gibt viel Nacktes, Blutiges. Johanna Dark, Justine Hauer in Brechts Schiller-Anleihe und Heuels einzige feste Zuordnung, ist Maulers Geheimwaffe. Was sie, Leutnant der Heilsarmee, der „schwarzen Strohhüte“, ihm abverlangt an Gutwerk, damit drückt er seine Arbeiter weiter in die Verarmung. Dass man von sich sagt, man sei gut, reicht nicht, man muss die Welt gut machen, auch durch Zwang, weiß Johanna am Ende. Doch zu spät: Sie stirbt und die Fabrikanten wickeln die gebenedeite Justine Hauer in Plastik und feiern in Johannas Seligsprechung ihre neuen Börsengänge.

Bettina Marugg, David Fischer, Manuel Klein, Andreas Meidinger, Harald Redmer waren heftige Akteure für all das – das Ganze ist auch ein Clou von Frank Heuel. Angesichts der eigenen Krise, die fringe ensemble und Ballsaal möglicherweise ins Haus steht, wenn die Stadt ihre große Kulturstreichung wahr macht, weiß man nach diesem starken Bert-Brecht-Stück wieder, was man an ihnen allen hat.

H.D. Terschüren, Bonner Rundschau, 09.. Oktober 2010

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Perfektion à la Brecht im Theater im Ballsaal

Wirkungslos seien die Klassiker, hat Brecht einmal gehöhnt. In wieweit das auch für ihn gilt, wird derzeit gerne an seiner holzschnittartigen „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ aus dem Jahr 1929/30 überprüft.
Die Heilsarmistin führt einen Kampf gegen die Armut in Chicagos Schlachthöfen vor. Frank Heuels Inszenierung im Theater im Ballsaal stellt sich zunächst als ein Spiel mit der Brechtschen Ästhetik aus: Brechtvorhang und Spielpodest vor drei riesigen Schlachterschürzen, permanente Anwesenheit der Schauspieler, Chöre, Songs – alles da, nur ins Ironische gewendet.
In ihrer Ästhetik reagiert diese Inszenierung kongenial auf Brecht, sie ist selbst klassisch in der Anwendung ihrer Mittel. Rollenwechsel, Bilder und Sprachbehandlung sind derart virtuos, dass man sich manchmal etwas weniger Perfektion wünscht.

Hans-Christoph Zimmermann, General-Anzeiger Bonn, 09.10.2010

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Blutig – Brechts „Johanna“

Wie Bildchen fürs Sammelalbum flattern Porträts echter Arbeiter des im Mai geschlossenen Kölner Schlachthofs über die Bühne. Namenszettel von Chicagoer Aktienspekulanten von 1930 werden zu Schnipseln geschreddert, die sich wie Schnee auf Johannas Haupt legen. Roter Saft spritzt reichlich auf die weiße Kleidung der Darsteller, später auch brauner matsch, Theatersymbole für Blut und Kot. Echt wiederum – als wahrer Gänsehauteffekt – sind die Eiswürfel, wenn Zocker und Händler des Büchsenfleischmarktes darin baden, um sich zu reinigen.

Spieler, Regisseur und Requisiteurin toben sich aus in bis ins kleinste Detail symbolisch vollgepfropften Bildphantasien. Im Chor erklingt an der Börse das Wehgeschrei der gierigen Verlierer: „Ewig undurchsichtig sind die ewigen Gesetz der menschlichen Wirtschaft!“

Das Bonner fringe ensemble spielt und singt Brechts Krisendrama „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ mit Treue zu den Texten und Melodien des modernen Klassikers. Aber gestaltet den Stoff optisch wie einen Drogenrausch oder ein Gemälde vom Jüngsten Tag. Doch um so klarer tritt die Botschaft gegen Betriebsrationalisierung und Lohndumping hervor, gerichtet an die in Preiskrieg und Intrige untereinander verstrickten Arbeitgeber: „Wenn ihr so weiter macht, könnt ihr am Ende euer Fleisch selber fressen, denn die da unten haben keine Kaufkraft mehr.“

Ein starkes Stück. Ein bisschen Ekel darf sein, fast wird man zum Vegetarier umerzogen.

Werner Schwerter, Rheinische Post, 13. November 2010

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Märtyrerin in Frischhaltefolie

Theater soll alle Sinne ansprechen – sagt die Theorie. In der Praxis kommt jedoch meist der Geruchssinn zu kurz. Frank Heuel macht in seiner Inszenierung von Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ vor, was olfaktorisches Theater sein könnte. Das nagt das elend der Arbeiter am Fleischbaron Mauler das Gewissen an, schon brät ihm der Makler Swift in Gestalt ein Steak – nicht nur sein Geruch, auch dass es dann als Kunstwerk an die Wand genagelt wird, lässt ahnen, wie zynisch die Reden vom Hunger sind.

Wirkungslos seien die Klassiker, hat Brecht einmal gehöhnt. In wieweit das auch für ihn gilt, wird angesichts des schrankenlosen Kapitalismus derzeit gerne an seiner „Johanna“ aus dem Jahr 1929/30 überprüft.
Die titelgebende Heilsarmistin führt einen Kampf gegen die Armut in Chicagos Schlachthöfen vor. Ihr Gegenspieler ist Pierpont Mauler, der auf ihre Bitten hin den Markt stützt, letztlich aber damit sein Monopol ausbaut. Als sie die Verlogenheit der Heilsarmee erkennt, beteiligt sie sich am Streik, der jedoch scheitert. Sie stirbt als wirkungslose Ikone der Mildtätigkeit.

Frank Heuels Inszenierung bleibt eng am Stück und findet sprechende Bilder. Johanna schüttet den vier männlichen Darstellern rote Farbe über die weißen Hemden und Hosen und macht so plakativ deutlich, dass der Schlachthof ein blutiges Geschäft ist – in mehrfachem Sinne. Das Börsenspektakel um die Fleischpreise wird zum wilden Tanz. Während des Dialogs von Mauler und Johanna hocken die Männer nackt in Eisbottich und Kühlfach und lassen sich mit Reisigbündeln durchpeitschen.

Wie üblich beim fringe ensemble wird mit wechselnden Rollenzuschreibungen gearbeitet. So ist Mauler bei Bettina Marugg ein sarkastischer Unternehmer, bei David Fischer, Harald Redmer, Manuel Klein und Andreas Meidinger offenbart er dagegen Wut, Selbstmitleid und Menschenverachtung. Nur die schwangere Justine Hauer kann sich ganz auf die Johanna konzentrieren, die sie als ziemlich raue und robuste Streiterin zeichnet.

In ihrer Ästhetik reagiert diese Inszenierung kongenial auf Brecht: Brechtvorhang und Spielpodest vor drei weißen Folien, die an Schlachterschürzen denken lassen, permanente Anwesenheit der Schauspieler, Chöre, Songs – alles da, nur ins Ironische gewendet.
Und doch letztlich so virtuos gehandhabt, dass man von einer fringe-Klassizität sprechen kann, die man sie gelegentlich etwas weniger perfekt wünscht. Selbst der Versteigerungs-Showdown, bei dem die Männer mit (geruchslosem) Dung beworfen werden, wirkt in seinem Anspielungsreichtum unangreifbar. Als Störelement der Realität wirken einzig die projizierten Fotos von Mitarbeitern des gerade geschlossenen Kölner Schlachthofs. Am Ende tritt Johanna als in Folie verpackte Märtyrerin ihren Weg der Werte an. Verfallsdatum unbestimmt – im Gegensatz zu Brecht, dessen Aktualitäts-Börsenwert nach diesem Abend immer noch im Keller ist.

Hans-Christoph Zimmermann, choices, November 2010

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Heilige Johanna: Brecht badet in Eiswürfeln

Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“, 1929/30 als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise entstanden,
ist gerade heute wieder hochaktuell.

Man muss die Ochsen und kanadischen Jungbullen, die an der Chicagoer Börse verschoben werden, nur durch Derivate, Hedgefonds und ähnliche Tricks ersetzten, die sich Finanzhaie in den letzten Jahren ausgedacht haben, um ihre Gewinne zu maximieren. Nur eine heilige Johanna für die kleinen Leute gibt es heute nicht mehr. Aber das würde auch nichts bringen, wie Brecht schon damals gezeigt hat und wie das Bonner Fringe Ensemble im Verein mit Phoenix 5 im Pumpenhaus in Münster erneut demonstrierte.

Fleischige Intrigen
Und zwar auf höchst eindrucksvolle Weise. Erzählt wird die Geschichte eines Börsencoups, bei dem der Chicagoer Fleischkönig Mauler mit Hilfe von Insider-Informationen eine Krise auf dem Fleischmarkt herbeiführt, um seine Konkurrenten auszubooten und die Arbeiter zu drücken. Johanna, Soldatin der Heilsarmee, will sich für die arbeitslosen Schlachter einsetzen und wird von Mauler für seine Machenschaften instrumentalisiert.

Obwohl Regisseur Frank Heuel weitgehend werktreu inszeniert, kommt er mit nur sechs Schauspielern aus. Diese sind nach bewährter Fringe-Manier nicht fest zugeordnet, sondern wandern gewissermaßen zwischen den Rollen. So spricht der Fleischkönig als Chor von mehreren Personen, und die Schauspieler, die gerade noch mächtige Fleischfabrikanten waren, treten im nächsten Augenblick als hilflose Soldaten der Heilsarmee auf. Nur Johanna, glänzend besetzt mit der hochschwangeren Justine Hauer, ist immer sie selbst und so der einzige Mensch unter all den gesichtslosen, rein auf ihre Funktion reduzierten Akteuren.

Bad in Eiswürfeln

Brechts Verfremdungseffekt bekommt hier noch eins draufgesetzt, wenn sich die Darsteller mit Blut übergießen, nackt in einem Bad aus Eiswürfeln wälzen oder ein frisch gebratenes Steak an die Wand nageln. Die Verhandlungen zwischen Fleischfabrikanten und Viehzüchtern gehen als groteskes Ballett über die Bühne, und die hoffnungsvollen Gesänge der Heilsarmee werden so zuckersüß intoniert, dass von vorneherein klar ist, wie wenig sie ausrichten.
Neben den originellen Regieeinfällen und der ironischen Distanz ist es das virtuose Spiel des Ensembles, das diese „Johanna“ zu einem Erlebnis macht. Der alte Brecht erfährt hier eine Verjüngungskur, die dafür sorgt, dass das Stück bei allem aufklärerischen Impetus auch noch Spaß macht.

Helmut Jasny, Westfälische Nachrichten, 19. November 2010
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Spekulant lässt alle bluten

Eine deftig deutliche Aktualisierung bringt Regisseur Frank Heuel mit Brechts „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ auf die Bühne des Pumpenhauses

Rohe Holzbretter machen den Bühnenboden aus, der Vorhang ist mit weißer Plastikplane verhängt, vor schwarzen Kacheln sitzen Arbeiter in Schlachtermontur. Regisseur Frank Heuel führt sein Publikum direkt an den blutigen Ort des Geschehens und macht den Ekel auch im weiteren Verlauf nahezu greifbar. Bildgewaltig und konsequent ist seine Inszenierung von Bertold Brechts Drama „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, die er als Regisseur des fringe ensemble/phoenix5 auf die Bühne des Pumpenhauses bringt.
Vor 80 Jahren, unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise, schrieb Brecht dieses heute frappierend aktuelle Stück. Es geht um Überlebenskämpfe im seelenlosen Kapitalismus; seine Johanna zieht als gläubiges Mitglied der „Schwarzen Strohhüte“ alias Heilsarmee in Chicago gegen die Ausbeutung der Arbeiter zu Felde, will dem Niedergang der Moral die Stirn bieten und scheitert dennoch kläglich. Am Ende ist sie zur Gewalt „bekehrt“ und wird noch im Sterben von den Wirtschaftsbossen als Heilige instrumentalisiert – kein Ausweg, nirgends.

Frank Heuel bleibt sich selbst treu, indem er die klassische Besetzungsliste ignoriert. Bis auf Johanna, überzeugend und verletzlich dargestellt von der schwangeren Justine Hauer, spielen seine vier Schauspieler nebst Bettina Marugg, die in der Rolle des skrupellosen Unternehmers Swift brilliert, mühelos sämtliche Rollen. Im Eifer des Gefechts wird das Publikum als Gesellschaft mit einbezogen; wo es allzu undurchsichtig wird, sorgen Zettel mit Rollenzuweisungen für Klarheit. Die Requisiten sind so einfach wie genial: Eiswürfel verbreiten Kühlhausatmosphäre, machen den Hungerwinter spürbar. Assoziationen an abgezogene Rinderhälften werden geweckt, wenn sich die Darsteller selbst splitternackt auf Eis legen. Und um auch die olfaktorischen Sinne zu bedienen, brät man ein Steak, um es anschließend mit der Gabel an die Wand zu rammen. Die Handlung eskaliert, als das Geschehen an der Börse immer gnadenloser wird. Fleischkönig Mauler lässt sie alle bluten, bevor sie sich am Ende im Dreck suhlen wie die Schweine.
Frank Heuel wahrt ironisch Distanz, amüsiert in kurzen Momenten, bis er wieder Szenen auf die Bühne bringt, die wie ein Schlag in die Magengrube wirken – fantastisch.

Isabel Steinböck, Münstersche Zeitung, 19. November 2010