Spurensuche in der Wiege der Demokratie

Das fringe ensemble präsentiert im Ballsaaltheater sein Projekt „Die Flaneure / Athen“
In einem Straßenlabyrinth bewegen sich die Flaneure, ohne Hast schlendern sie gemächlich durch die belebten Gassen von Athen, halten inne auf den Plätzen der pulsierenden Metropole. Aus zwei kleinen Lautsprechern dudelt griechische Volksmusik, Autolärm, Kinderlachen und Sirenen sorgen dafür, dass der Besucher der Auftaktveranstaltung der neuen Theaterreihe „Die Flaneure / Athen“ im Ballsaaltheater in Endenich in die dichte Atmosphäre der Hauptstadt eintaucht.

Wie flüchtige Schatten fliegen die Akteure zu Beginn der Inszenierung von Frank Heuel, Chef des fringe ensemble, zunächst vorbei. Ihre Beobachtungen sprechen die Mitglieder des Ensembles in kleine Mikrofone, auf einem Bildschirm und als Lichtprojektion sind weitere Betrachtungen zu lesen. Basierend auf dem Material, das die Bühnenbildnerin Annika Ley, der Musiker Gregor Schwellenbach und der Schauspieler Oleg Zhukov separat voneinander in Athen sammelten, ist ein experimenteller Theaterabend entstanden, der überrascht, den Blick weitet und den Besucher zum Co-Akteur werden lässt.

So verändert sich im Laufe der Premiere die Beziehung zwischen Schauspieler und Zuschauer, herrscht zu Beginn eine gewisse Distanz, wird diese bei fortschreitender Handlung durchbrochen. Es entsteht eine kreative Freiheit und Möglichkeiten zur Improvisation. Spontan bahnt sich ein Austausch seinen Weg, der Theatergast wird zum Mitspieler, streng festgelegte Rollen gibt es nicht, jeder wird zur Projektionsfläche des jeweils anderen.

In skizzenhaften Ausschnitten berichten die Akteure von ihren Erlebnissen, Welten prallen aufeinander, Meinungen und Standpunkte werden ohne moralische Beurteilung dokumentiert. Durch verwaiste Einkaufszentren wandeln die Flaneure, thematisieren in Gesprächen die Drogenproblematik und den voranschreitenden Zerfall der Wiege der Demokratie. So werden parallel gleich viele Geschichten erzählt, was durch das hervorragende Bühnenbild von Annika Ley erstklassig gelingt – es entsteht mosaikartig Bild einer Stadt, die trotz aller Widrigkeiten noch voller Leben steckt, das sich lohnt zu entdecken. Mit Athen haben „Die Flaneure“ einen beeindruckenden Anfang gemacht.

Antje Stillger, Bonner Rundschau, 20. September 2017