MICHAEL KOHLHAAS

Rasendes Aufbäumen gegen Willkür

Auftakt der Schauspiel-Reihe „Deutsche Revolutionen“ in der Werkstatt

Zu den Themen, mit denen wir genervt wurden wie Schweinegrippe, Finanzkrise oder die Trauer um den toten Torwart gehörte auch das Revolutions- und Gedenkjahr mit der schicksalhaften „9“ am Ende. Allerdings nur bis zu diesem Wochenende, als Schauspiel und fringe ensemble in der Werkstatt noch schnell den Zyklus „Deutsche Revolutionen“ in Gang setzten. Besser als mit Kleists „Michael Kohlhaas“ konnte man den nicht beginnen.
Eine Ein-Mann-Revolution von rasendem Aufbäumen gegen obrigkeitliche Willkür, nacherzählt aus den Protokollen der Geschichte. Frank Heuel hat den Text auf Anne Brüssels fabelhafter Bühne inszeniert. Bettina Marugg sitzt in einem Badetrog mit Rädern – mal mit Allongeperücke aus weißen Papierstreifen, mal heißt das: blond. Aber immer ist es geschreddert aus den unaufhörlichen Gesuchen und Abweisungen zum Fall Kohlhaas. Die Maschine läuft unaufhörlich. Das ganze ist auch ein Papierkrieg. Irgendwann fährt Kohlhaas´ Frau damit zum Landesherren, um für ihren Mann zu bitten. Sie wird misshandelt und stirbt.
Georg Lennartz´ Kohlhaas im Gefängnis schaut im Gefängnis durch das Gitter eines Lattenrostes. Für den Doktor Martinus Luther (unerbittlich: Rolf Mautz), bei dem die kleinen Leute selten Rückhalt fanden und auch Kohlhaas nicht, wird eine Kirchenbank herbei gerollt. Der Text, witzig bebildert, ist aber mitnichten witzig. Tatsächlich ist Kleists fürchterliche Erzählung erst mal von großer Suggestion. Es gibt nicht viel, was auch heute noch so packt und leidenschaftlich empört.
Dabei berichtet er eigentlich nur nüchtern die Tatsachen, reportmäßig, ohne das zu werten, was für sich selbst spricht. Aber das eben ist ungeheuerlich und beginnt mit Junker-Willkür. Man muss nicht langatmig werden: Die Novelle ist Schulstoff und große Literatur. Die zwei Pferde, um die man Kohlhaas bringt und die der wohlhabend Pferdehändler und gnadenlos eifernde Rechthaber um jeden Preis zurückfordert, bringen ihn am Ende um alles. Sogar zum bewaffneten Aufstand greift er. Heuel hat den Stoff in seiner inneren Logik zwingend entwickelt

H.D. Terschüren
Bonner Rundschau, 24. November 2009

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WENN SHERIFF PAT GARRETT AUS DEM FENSTER SIEHT, ERBLICKT ER EINE BLÜHENDE ZUKUNFT. BILLY THE KID WIRD AM SCHLUSS ERSCHOSSEN.

Blühende Zukunft

„Stammheim spezial“ in der Werkstatt
Westernstimmung auf der Werkstattbühne: Ein lebensgroßer Gaul und Strohballen mit echtem Stallgeruch. Und Pat, Sheriff von Lincoln County, schwingt sich (mit Hilfe einer Stehleiter) aufs Pferd und jagt seinen Jugendfreund, den gesetzlosen Mörder und Rinderräuber Billy.
Die große Ballade von tödlicher Männerfreundschaft und der RAF-Zickenkrieg im Hochsicherheitstrakt: David Lindemann schließt mit anarchischem Witz die Mythen des zivilen Ungehorsams kurz in seinem 2006 in Stuttgart uraufgeführten „Stammheim Spezial“ mit dem schönen Titel „Wenn Sheriff Pat Garrett aus dem Fenster sieht, erblickt er eine blühende Zukunft. Billy the Kid wird am Ende erschossen.“
In der Reihe „Deutsche Revolutionen“ hat Frank Heuel den verrückten Parforce-Ritt vom Wilden Westen zum Baader-Meinhof-Komplex inszeniert. Als einmalige szenische Lesung, jedoch als spielerisches Vergnügen mit skurrilen Querschüssen und bitterstem Humor.
Big Patty (Raphael Rubino) muss einiges einstecken von der weiblichen Billy-Gang: diverse Verbalinjurien, Tritte in den Unterleib und die Sehnsucht nach dem großen Helden, der draußen in der Prärie für die Recht und Ordnung kämpft.
Mal ist er die verhasste Staatsgewalt oder das üble Bullenschwein, mal der Befreier der Rebellen, mal ganz einfach der Macho Andreas, der die Revolution als Lustgewinn betreibt.
Die Mädels mit ihren komisch verrutschenden Grauhaar-Perücken sind ein unverschämt freches Quartett. Chantal (Justine Hauer) hat ein sehr inniges Verhältnis zu ihrem eingeschmuggelten Revolver und schwankt zwischen der Tarnung als feinsinnige Ulrike oder intellektuell unbestechliche Gudrun.
Deutscher Herbst gekreuzt mit der Lagerfeuer-Romantik (inklusive Mundharmonika und Gitarre) des amerikanischen 19. Jahrhunderts. Musikalisch mit todernster Miene begleitet von Martin Erdmann.
Etwas ernster wird es sicherlich am 23. Januar, wenn der Historiker Michael Weigl zum Abschluss der Reihe über das heikle Verhältnis der Deutschen zur Revolution dem per Wacht am Rhein beruhigten Vaterland mit Udo Jürgens gesteht: „Ich kann dich nicht aus heißem Herzen lieben.“

Elisabeth Einecke-Klövekorn
General-Anzeiger Bonn, 19.01.2010

Stammheim als Western-Verschnitt

Frank Heuel setzt die Reihe „Deutsche Revolutionen“ in der Werkstatt fort

Frage. Was machen sie? Antwort: Terror vermutlich. So geht der ziemlich schwarze Humor im „Stammheim spezial“, das David Lindemann 2006 fürs Stuttgarter Theater „Die Rampe“ schrieb. Sie, das sind vier ständig zickende Flintenweiber, die mit Sheriff Pat Garrett um kommode Haft kungeln. Der wiederum verlangt als Gegenleistung von ihnen seinen ehemaligen Kumpel Billy the Kid auf dem Tablett, dem er seinen alten Ruhm verdankt, der ihn aber auch die Stellung kosten könnte. Schließlich ist er inzwischen Beamter.
Apropos Stellung: Es ging heiß her. Die Szene jedenfalls war neu, als Pat mit der Lady vor sich im Sattel hinter Billy her reitet. Wer ritt, war klar, wen weniger. Stammheim als Westernverschnitt, das hat was. Frank Heuel inszenierte den langen Titel „Wenn Sheriff Pat Garrett aus dem Fenster sieht, erblickt er eine blühende Zukunft. Billy the Kid wird am Schluss erschossen“ in der Werkstatt-Reihe „Deutsche Revolutionen“. Mit dieser Groteske sollte die zu Ende sein. RAF-Anwalt Mahler äußerst rechts und Kollege Schily als (Ex-) Minister; das ist als Folie nicht zu toppen. Dass Autor Lindemann mit der lustvollen Klamotte Tiefes über den Gewalt ausübenden Rechtsstaat beabsichtigt, stört zumindest nicht.
Als großen Western gibt es nur einen, der reflektiert, wie illegal das aussehen kann, wenn sich Recht durchsetzt: John Fords „Der Mann der Liberty Valance erschoss“ mit James Stewart als Anwalt, dem John Wayne mit der Flinte etwas außerhalb der Legalität beispringt. Stewart wird nicht Sheriff, aber Senator. Man zieht das alles also nicht gänzlich an den Haaren herbei, auch die Perücken nicht, unter denen Betty-Sue, Chantal, Luna und Joy stecken. Alias Philine Bührer, Anastasia Gubareva, Justine Hauer, Simin Soraya in Bonn, die, wenn sie nicht die Pistole hin und her wandern lassen, Country Music in Lincoln County machen, befördert von Martin Erdmann, der sich auch verbal einmischt.
Raphael Rubino ist der Sheriff, dem die Damen beiderseits unter der Gürtellinie heftig zusetzen. Dass hier nicht eins zu eins ein Mythos des Wilden Westen via Hollywood auf Stammheim und Baader und Meinhof projiziert wird (oder umgekehrt), ist schon aus der Bestzung ersichtlich. Billy the Kid-Baader tritt nicht auf, aber wird erschossen.

H.D. Terschüren
Bonner Rundschau, 20.01.2010

Ein Parforceritt der RAF durch den Wilden Westen als szenische Lesung
„Wenn Sheriff Pat Garrett aus dem Fenster sieht, erblickt er eine blühende Zukunft. Billy the Kid wird am Ende erschossen.“, lautet der Titel des Stückes in voller Länge. RAF und Wilder Westen- passt das zusammen? Im Rahmen ihrer Werkstattreihe „Deutsche Revolutionen“ bewiesen das Theater Bonn und das fringe ensemble am Samstagabend (16.Januar), dass mehr Gemeinsamkeiten bestehen, als man vermuten mag.
Fort Sumner, 7.Etage, linker Flügel. Wir schreiben das Jahr 1881, Sheriff Pat Garrett trifft sich mit vier Huren, die ihm Informationen zum Aufenthaltsort von Billy the Kid liefern sollen. Doch die erweisen sich als widerspenstig und verwickeln den Gesetzeshüter lieber in ausschweifende Diskussionen über die Entlarvung des Establishments.
Es klingt konfus, doch dahinter steckt ein geniales Konzept, in welchem die Legende von Billy the Kid geschickt mit der Haftzeit der führenden RAF-Köpfe Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe verknüpft wird. Im ununterbrochenen Dialog miteinander schaffen die Charaktere einen Spagat zwischen den 70er Jahren in der JVA Stuttgart-Stammheim und dem Ende des 19.Jahrhunderts in New Mexico.
Die Darsteller spielen allesamt Doppelrollen und lesen den Text vom Skript ab, ganz dem Anspruch der szenischen Lesung entsprechend. Allen voran steht der brünstige Sheriff Pat Garrett (Raphael Rubino), der vehement versucht, die Damen zu becircen, jedoch immer wieder erniedrigt wird. Wahlweise schlüpft er denn auch in die Rolle des Rechtsanwaltes Otto Schily, der die Insassen irgendwie am Leben erhalten will und daher geschlagen auf alle ihre Forderungen eingeht.
Peggy Sue (Simin Soraya) ist in ihrer Euphorie für die Idealisierung Billy the Kids nicht zu übertreffen, was zugleich die Idealisierung des Aufstandes darstellt. Ganz Gudrun Ensslin eben. Chantal (Justine Hauer) pocht beständig darauf, ihren Revolver behalten zu dürfen und schwankt zwischen Revolution und Muttersein – die Inkarnation Ulrike Meinhoffs. Joy (Philine Bührer) ist ruhigeren Gemüts, sie hat die Hintergrundinformationen zu den Ereignissen, ansonsten bleibt ihre Figur eher im Hintergrund. Genauso wie Jan-Carl Raspe eher weniger in Erscheinung trat.
Bleibt noch die wie ein aufmüpfiger Teenager anmutende Luna (Anastasie Gubareva). Die „will Terror machen“ und setzt kurzerhand ihr Zimmer bzw. ihre Zelle in Brand. Hinter ihrer Fassade verbirgt sich niemand geringeres als Andreas Baader.
„Der Popstar Billy the Kid liegt auf dem Dornhaldenfriedhof in Stuttgart begraben“. „Pat Garrett hat sich ans Establishment verkauft“. Chantal weint ob ihrer verlorenen Kinder, die mutmaßlich in jordanischen Waisenheimen stecken. Es sind diese fließenden Überleitungen, die einen direkten Bezug zwischen den Gestalten des Wilden Westens mit denen der RAF-Insassen herstellen.
Man erschrickt zeitweilig, wenn die Damen im einen Moment noch den sich anheimelnden Sheriff provozieren und im nächsten Moment eine agitierende Rede wider das imperialistische System vortragen. Historische Kenntnisse über Billy the Kids Ableben wechseln ab mit Inhalten aus Schriften und Gesprächen der Insassen.
Mit Bob Dylans „Billy“ oder „Knockin‘ on heaven’s door“ sowie Johnny Cashs „Samuel Hall” wird dem Westernhelden dazu noch ein musikalisches Denkmal gesetzt. Und wieder wird ein expliziter Verbindungsfaden gesponnen, waren doch Songs wie das signifikante „The times they are a-changing“ der Leitspruch der gesamten 60er-Generation, aus der sich auch die RAF ableitete.
Es endet wie es tatsächlich endete: Pat Garret erschießt Billy the Kid und schließlich auch die Frauen. Schön der Reihe nach selbstverständlich. Zuerst Chantal, denn Ulrike Meinhoff erhängte sich 1976 als erste der vier Inhaftierten. Dann Peggy Sue bzw. Gudrun Ensslin, die sich in der Todesnacht von Stammheim 1977 ebenfalls erhängte. Es folgt Luna alias Andreas Baader, der sich erschoss und schließlich Joy, oder Jan-Carl Raspe, der ebenfalls die Waffe gegen sich selbst richtete, jedoch erst einige Stunden danach verstarb.
Die Frage, wer Billy the Kid letztlich getötet hat, wird an diesem Abend mit Pat Garret beantwortet. „Er blickt aus dem Fenster und sieht die blühende Zukunft, sie ist Realität geworden.“ Die Zeiten des Wilden Westens sind vorbei. Die Zeiten der RAF auch. Was bleibt, sind die Geschichten. Und die passen erstaunlich gut zusammen.

Nadine Dannenberg
campus-web.de, 18.01.2010