DER TEUFEL ist ein zentrales Kapitel aus Dostojewskis DIE BRÜDER KARAMASOW. Frank Heuel bringt den gedanklich brillanten und emotional aufwühlenden Text auf die Bühne. Premiere: 19. Januar 2012

Begegnung mit (s)einem Teufel

Irgendwo in der russischen Provinz. Eine Schänke. Iwan deriliert im Fieber. Der Arzt sprach von nichts Geringerem als einer „Zerrüttung des Gehirns“. Plötzlich steht er vor ihm: Der Teufel. Und obwohl er ihn am liebsten abschütteln will, als Drecksphantasie abtut und zunächst sogar meint, sich selbst zu spiegeln, sucht er doch wie magisch angezogen das Gespräch. Denn der Teufel ist kein gewöhnlicher Teufel. Er ist aus Fleisch und Blut. Gleitet auf weißen Engelsflügeln durch die Lüfte. Dazu wirkt er gesellig und, ja, bei Lichte betrachtet sogar recht gewitzt. Und schnell hat er Iwan um den Finger gewickelt, entsteht ein phantastischer Dialog über den vermeintlichen (Irr)Glauben, russischen Nihilismus, über Vernunftgläubigkeit, Leben und Leiden. Dieser Teufel ist einnehmend, sein Wesen ist es, verneinend zu locken. So sieht er sich qua Bestimmung dazu gezwungen, Gemeines zu tun. Da hilft es auch nicht, Gutes zu wollen. Und überhaupt, was wäre das Leben schon ohne Leiden? Es gäbe wohl auch keinen Genuss…

Das zweite Kapitel von „Die Brüder Karamasow“, Dostojewskis Roman, hat es Regisseur Frank Heuel von Anfang an angetan. So nahm er sich den Stoff und legte in einer etwas einstündigen Bühnenbearbeitung seine eigenen Farben darüber. Entstanden ist ein anregendes und ästhetisch ansprechendes Einpersonenstück – ein Spiel zwischen Realität und Halluzination, Vision und Wirklichkeit, der eigenen Stimme und ihrem Verfremdungseffekt. David Fischer verkörpert sie alle, schlüpft souverän von einer Rolle in die nächste. Zu dissonanten Klängen (Musik: Matthias Höhn) hüpft er über die Bühne des Theaters im Ballsaal (Raum/Kostüme: Annika Ley), wütet, gleitet durch die Lüfte und dreht sich um die eigene Achse, stets seiner inneren Stimme folgend. Oder sind es doch die Stimmen, die ihn wegziehen? Es gibt mindestens zwei Wahrheiten – die dort und die deinige.

Dostojewskis Infragestellungen des Glaubens seinen heute die Zweifel, die jeder moderne Mensch in sich trage, wenn auch nicht als zuvorderst religiöses Problem. Damit sei die Problematik für jeden nachvollziehbar, so Heuel. Der Regisseur nutzt dabei die schon bei Dostojewski angelegten Kontraste, um den inneren Auseinandersetzungen dramatische Bilder zu geben. Feuer wird so zu Eis. Großformatige Videoinstallationen verwöhnen das Auge, verzerrte Stimmen hallen wider. Herausfordernde Fragestellungen eröffnen dem Zuschauer den Blick auf das sich windende und behauptende Individuum. Wenn man etwa im Menschen die Gottesidee auslöscht, findet er dann seine Ruhe? So könnte es dem Zuschauer am Ende ergehen wie Iwan. Vom Teufel animiert gerät er in einen Strudel aus Wahrheit und Fiktion, der keine Erlösung gewährt.

Janina Valle Thiele, schnüss, Februar 2012

 

Rendezvous mit dem Versucher

Iwan, der intellektuelle mittlere der Karamasov-Brüder, ist krank. Er halluziniert im Fieberwahn ein Wesen, das ihm plötzlich ganz real auf dem Sofa gegenübersitzt und eine unabhängige Existenz behauptet. Er ist einfach da und lässt sich nicht wegkomplimentieren, dieser seltsame Gast mit seiner leicht angestaubten Eleganz und seinem irritierenden Humor. Im 9. Kapitel des 11. Buches seines Romans „Die Brüder Karamasov“ schilder Dostojewski Iwans Begegnung mit dem spitzfindigen Individuum, das völlig logisch das Böse aus dem Guten ableitet und (oder umgekehrt) eine negative Theologie entwickelt. Frank Heuel, Chef des Bonner fringe ensemble, hat diesen Mono-Dialog als Zerfall einer Persönlichkeit inszeniert und gleichzeitig als Denk-Traumspiel über die gegenseitige Bedingtheit von Gott und Satan, Freiheit und Befangenheit. Er hat dafür einen grandiosen Schauspieler: David Fischer, der sich mit gespielter Schüchternheit quasi privat vorstellt, bevor er in den komplexen Text eintaucht, in der teuflisch vertrackten Konversation körperlich virtuos die Seiten wechselt. Aus den bis zur Albernheit betont unterschiedlichen Gängen zwischen Iwans Sessel und dem Sofa des Fremdlings wird ein grotesker Todestanz mit immer schnelleren Bewegungen zwischen Setzung und Gegensatz. Eine kompromisslose philosophische Parodie der Dialektik, die die Aporien des Glaubens als Welt Schmierentheater entlarvt. Mit aufgeblasenen Flügeln rennt Fischer mit Federkranz auf dem Kopf als gefallener Engel durch den Raum (Ausstattung: Annika Ley) und gegen die Frage an, ob er selbst der Andere ist oder außer sich durch die Anwesenheit des Anderen. Seine Stimme verdoppelt sich per Tonschleife, an seinem fiebrig überhitzten Leib hängt ein großer Eisblock, den er schließlich mit einem Beil, um sich von der verdammten Vision zu befreien.

Den musikalischen Kommentar zum bösen Spiel hat Matthias Höhn komponiert und spielt live. Der Vorhang wird aber erst am Ende hochgezogen: Da sitzt ein alter Russe und tut so, als ob er Gott wäre. Was natürlich auch nicht wahr ist in diesem verteufelt geistreichen, sehr körperlichen Spiel mit der Kälte der Einsicht und der brennenden Suche nach der Differenz zwischen Falsch und Richtig.

Sollte es jemals eine Preis für die beste schauspielerische Leistung in der Bonner freien Theaterszene geben: David Fischer hätte für „Der Teufel““ einen Spitzenplatz verdient.

Elisabeth Einecke-Klövekorn, kultur, Februar 2012

 

Zweistündige Begegnung mit dem Teufel

„‚Halluzinationen sind in Ihrem Zustand sehr wohl möglich‘, erklärte der Arzt“. So heißt es anfangs von Buch 11,9 in Dostojewskis 1000-Seiten-Roman „Die Brüder Karamasow“. Der Arzt hält eine Kur für dringend angebracht. Doch Iwan Fjodorowitsch, misstrauisch, schlägt die Kur in den Wind und lässt sich lieber auf den Teufel ein, der dem Fiebernden zwei Seiten weiter auf einem Sofa auf der Ballsaaltheaterbühne gegenüber sitzt.

Jedenfalls zeitweise. Dann springt nämlich David Fischer in raschen dialogischen Wechseln zwischen Sessel und Sofa, zwischen Iwan und Teufel, hin und her. „Keinen Augenblick halte ich dich für eine reale Wahrheit … Du bist eine Lüge, meine Krankheit, … meine Halluzination“. Doch immerhin hält Iwan die für so real, dass er sich Mittel ausdenken will, wie er den Teufel vernichten könne, der ihm – er sich – aber gelassen Stand hält.

Den ganzen Text nur einem einzigen Schauspieler anzuertrauen, ist Frank Heuels Regie-Idee. Ohne einen Virtuosen wie David Fischer ginge das nicht. Er ist wieder fabelhaft und, wie fiebernd, die helle, angriffslustige Stimme des Geistes und des Widerspruchs und der Überredung zu einer Gesellschaft voller Nächstenliebe, die im überlebensgroßen Roman, den man immer mitzudenken hat, der jüngere Bruder Alexej Fjodorowitch predigt.

Irgendwann fallen aus dem Dunkel des Bühnenhimmels lange Spruchbänder herunter, über die Thesen laufen – ein sehr schöner, beeindruckender Einfall von Annika Ley. Dazu gibt es auch eine Musik, die „Internationale“ und ein russisches Volkslied mit der Themaumkehrung. Der Musiker (Matthias Höhn) ist unter einem Betonblock versteckt, nicht verstummt – bis dieser am Ende von deckenhoher Kette hochgezogen wird.

Das alles funktioniert auch nur so gut in Bonns schönstem Theaterraum, in dem alles auf die drei, vier Requisiten auf der Bühne und Fischer hinlenkt. Es gibt nichts, wohin der Blick abschweifen könnte. Aber dieser Raum trägt. Mit dem „Der Teufel. Iwan Fjodorowitschs Fiebertraum“ überschriebenen Kapitel hat Frank Heuel nach „Der Großinquisitor“ das zweite auf die Bühne geholt aus „Die Brüder Karamasow“, der Roman könnte eine Lebensaufgabe werden.

Mit seinem großem Beifall schien sich das Publikum schon darauf einstellen zu wollen.

H. Terschüren, Bonner Rundschau, 21. Januar 2012

 

Teuflischer Wahnsinn

„Der Teufel“ nach Fjodor M. Dostojewski, inszeniert vom „Fringe Ensemble“ unter der Leitung von Frank Heuel, in der Brotfabrik Beuel

Was ist Wirklichkeit? Die Frage nach dem Realitätsanspruch der eigenen Wahrnehmung, beschäftigt die Theoretiker vieler Wissenschaftsdisziplinen seit Äonen von Jahren. Ist das, was man sieht, denkt, fühlt wirklich real? – Genau mit dieser Frage setzt sich das Stück „Der Teufel“ auseinander und lässt den Zuschauer seine eigenen Realitätsvorstellungen hinterfragen.

Die Ruhe vor dem Sturm

Auf der Bühne stehen ein Sofa und ein Sessel aus den 70ern, in einer Ecke hängt ein alter Röhrenfernseher. David Fischer betritt die schlichte Kulisse, stellt sich vor, redet mit dem Publikum und lockert die gespannte Atmosphäre auf. Er gibt eine kurze Einleitung in das Stück, erzählt vom Roman „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor M. Dostojewski, der das Kapitel „Der Teufel“ beinhaltet, und verlässt die Bühne wieder. Kurze Zeit später flackert der Fernsehbildschirm auf, Fischers Gesicht erscheint und er fordert einige Zuschauer auf, den Sessel und das Sofa zurechtzurücken, was sie nach kurzer Verwunderung bereitwillig tun.
Ein ungewöhnlicher Anfang für ein Theaterstück. Aber ginge es bei der Inszenierung direkt zur Sache, wäre das Publikum wahrscheinlich so sehr schockiert, dass es den Theatersaal gleich wieder verlassen würde. Stattdessen wird der Zuschauer langsam in das Stück eingeführt, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen und plötzlich ist er mitten drin im Wahnsinn des Iwan Karamasow.

Zwischen Schockzustand und Faszination

Der Protagonist des Stückes ist der mittlere von drei Brüdern, abgestempelt als psychisch gestört, da er an Wahnvorstellungen leidet. Er sitzt auf dem Sofa und unterhält sich mit der unterbewussten Projektion seines eigenen Ichs gegenüber, auf dem Sessel. Allein die rasant wechselnden Themen der Unterhaltung sind so verwirrend und komplex, dass jedem dieser Wahnsinn bewusst wird. Mal geht es darum, dass Iwan sich mit sich selbst über seinen eigen Wahnsinn und die Absurdität der Unterhaltung streitet, mal geht es um hoch philosophische Themen und theoretische Auseinandersetzungen.
Auch wenn der Zuschauer kaum folgen kann: Gebannt von dem, was da auf der Bühne passiert, ist er allemal – ohne genau zu wissen, ob aus Schock oder Faszination. Denn der Zwiespalt schließt sich nicht: Eignet sich der irre Iwan zur Identifikation oder bleibt er nur ein wirklich wahnsinniger Fremder? In Momenten, wo Iwan wie von der Tarantel gestochen auf der Bühne herumspringt und gackernd groteske Tänze aufführt, als Engel verkleidet durch die Gegend rast oder aber sich einen riesigen Eisblock vor die nackte Brust schnallt, scheint die Antwort eindeutig. Aber wenn er dann wieder auf dem Sofa sitzt, ein Häufchen Elend, das völlig verzweifelt um die Erlösung von seinen Qualen bittet, ist all das vergessen und der Zuschauer wird überwältigt von Mitleid.

Das Publikum verneigt sich

Neben all der Verwirrung, die den Zuschauer packt, bleibt vor allem eins: Tiefe Bewunderung für die grandiose, alles übertreffende schauspielerische Leistung von David Fischer, der bis kurz vor Schluss, wo sein Bruder an der Tür klopft, allein spielt. Völlig auf sich gestellt, dringt er immer tiefer in die Sphären des Wahnsinns ein, hin und her zwischen dem realen Iwan und dem eingebildeten Ich, das er mit dem Teufel identifiziert, und verleiht beiden ganz eigene Charakterzüge. Als „Teufel“ lullt er den armen Iwan dabei immer weiter mit seinem verlockenden Wesen ein. Die Tatsache, dass Fischer „nur“ schauspielert, gerät völlig in Vergessenheit bei der authentischen Darstellung, die dazu führt, dass das Publikum völlig in das Stück eintaucht. Dass dem so ist, merkt man besonders am Ende des Stücks: Statt zu applaudieren, sagt keiner einen Ton, niemand erhebt sich von seinem Platz, die ganze „Zuschauerschaft“ bleibt einfach sitzen und wartet, dass es weiter geht.

Die Frage nach der eigenen Realität

„Es ist alles Wahrheit – nur leider ist die Wahrheit nicht immer besonders geistreich“ so ein Zitat aus einem der vielen „Dialoge“ und gleichzeitig die Quintessenz des Stücks. Wer weiß denn schon, ob dass, was wir als Wahnsinn bezeichnen, nicht eigentlich die Realität ist und letzten Endes nicht wir diejenigen sind, die verrückt sind? Wer Klarheit von Regisseur Frank Heuels Inszenierung erwartet, der ist gänzlich fehl am Platze. Am Ende schickt Heuel den Zuschauer mit einer Reihe teuflischer Fragen nach Hause, die am Selbstbild nagen und den eigenen Verstand in Frage stellen lassen.

Denise Lichte, campus-web.de, 14.11.2012