Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? …“ – so beginnt der Shylock-Rap. Es sind die bitteren Worte des Juden Shylock im dritten Akt von Shakespeares Komödie „Der Kaufmann von Venedig“.

Shakespeare im Getto

Premiere im Theater im Ballsaal: Fünf Rapper verstärken das Fringe Ensemble im „Kaufmann von Venedig“

Seine geliebte Tochter Jessica ist mit einem Christen durchgebrannt. Rächen will er sich an der feinen Gesellschaft, die ihn verspottet und beleidigt. Das ihm vertraglich geschuldete Pfund Fleisch aus dem Leib des Antonio will er haben: „Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben?“.
Als Shylock stellen sich die fünf jungen Leute im Rapper-Outfit vor, die Severin von Hoensbroech (als Schauspieler und Regisseur am Bonner Fringe-Ensemble bestens bekannt) für seine Inszenierung engagiert hat. Shylock, das sind die anderen, die man braucht, die aber nicht dazugehören und die darauf ihrerseits mit Verachtung reagieren.
Aus dem jüdischen Getto ist im Theater im Ballsaal ein muslimisches geworden. Hoensbroech lässt in seinem „Kaufmann“ zwei Welten aufeinanderprallen, erzählt ansonsten jedoch mit viel szenischem Witz sehr klar Shakespeares Drama.
Ein bisschen Taubengurren signalisiert das vertraute Venedig-Klischee, Leopold Altenburg deutet mal als Gondoliere pantomimisch eine Brücke an und als Diener das Anlassen eines Motorboots. Auf der Bühne (Ausstattung: Annika Ley) markieren Stühle die Schauplatzwechsel zwischen der Lagunenstadt und Portias Villa.
Die bessere Gesellschaft trägt silbrig glänzende Jacketts und wird von drei Profi-Schauspielern verkörpert, die virtuos in alle männlichen und weiblichen Rollen schlüpfen. Der unglaublich wandlungsfähige David Fischer (seit 2002 Mitglied des Fringe-Ensembles) gibt am Anfang den melancholischen Kaufmann und Global Player Antonio, spielt aber auch Portias Zofe Nerissa oder den notorischen Verschwender Bassanio, der sich von Antonio das Geld für die Werbung um die reiche Portia pumpt.
Eine tollkühne Nummer legt Fischer hin als wilder Freier um die Hand der Schönen. Als kokette Portia macht der Österreicher Leopold Altenburg ebenso gute Figur wie als irre komischer Gobbo. Tina Seydel spielt mit wahnwitzigem Tempo etliche venezianische Sunnyboys und die schlaue Portia, die verkleidet als junger Advokat ihrem geliebten Bassanio und dessen großzügigem Freund Antonio aus der Patsche hilft.
Mit ruppigem Witz kommentiert werden die amüsanten Gesellschaftsspiele von den Shylocks, die als Beatboxer die perfekten Geräusche liefern oder bei romantischen Szenen leise ihr Handy dudeln lassen (Musik: der in Alma Ata geborene Kornelius Heidebrecht). Sie zeigen sehr selbstbewusst, was sie können. Die 17jährige Gymnasiastin Jilou Rasul (ausgebildete Kunstturnerin, Akrobatin und Gewinnerin etlicher Breakdance-Wettbewerbe) liefert als Jessica atemberaubende Sturzflüge am Vertikaltuch und wirbelt so gelenkig über den Boden.
Kraftvoll Paroli bietet ihr auf dem Tanzboden der 22jährige Musiker und Breakdancer Faruk Haziri. Der 16jährige Schüler Nebil Erdogan singt und spielt charmant den naiven Youngster. Der bullige 18jährige Italiener Miguel Inserra aus Medinghoven bringt lässig einen harten Venedigsound in die Getto-Zone.
Der 30jährige Sendar Kelic (in der Kölner Underground-Szene bekannt als Rapper „S-Dog“) präsentiert leicht ironisch seine abgebrühten Gangsterrapper-Star-Allüren: „So ist das Leben, Bruder“ (Schwestern sind in jener Welt nicht angesagt).
Die Jungs haben Shylocks Wut im Bauch und knallen sie den verwöhnten venezianischen Bürschchen voll auf die Birne. Es bleibt dennoch brillanter Shakespeare und macht entschieden Spaß. Das animierte Premierenpublikum im restlos ausverkauften Ballsaal (neben dem Fringe-Ensemble und der Studiobühne Köln Koproduzent der gelungenen Aufführung) erklatschte sich nach kurzweiligen 90 Minuten eine Zugabe.

Elisabeth Einecke-Klövekorn
General-Anzeiger Bonn, 16.01.2010

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Shakespeare mit Breakdance

Gelungene Premiere des „Kaufmanns von Venedig“ im Ballsaal

Shakespeares Shylock lebt im Ghetto von Venedig. Doch in der neuen „Kaufmann von Venedig“-Inszenierung im Ballsaaltheater ist er kein Jude, sondern ein Muslim, den der Christenmensch Antonio um Geld angeht für seinen jungen Freund Bassanio, damit der die reiche Portia heiraten kann. Shylock leiht es, aber fordert ein Pfund Fleisch als Pfand, das er laut Vertrag Antonio gegebenenfalls aus der Brust schneiden darf.
Keiner sollte nun denken, dass der Regisseur Severin von Hoensbroech sich das unbequeme Stück mit dieser Version entschärft hätte. Im Gegenteil, statt des Juden Shylock steht nun ein Muslim auf der Bühne, gespielt von einem Muslim. Genauer: von vier. Auch historisch hakt es: Die Schiffe, die Antonio wieder flüssig machen sollen, könnten durchaus von türkischen Seeräubern aufgebracht werden. Nur dass die Türken statt im Ghetto an den Rahen hängen würden. Verblüfft hat dann aber, wie amüsant das Ganze funktioniert hat.
Die Zeit hält Hoensbroech einfach unbestimmt. Von der gesellschaftlichen Ächtung der Ghettojuden lässt er soviel stehen, wie er braucht, dass es auch die Probleme heutiger junger Muslime spiegelt, ihre Ausweglosigkeit. Sie bringen diese selbst auf die Bühne mit ihren Ausdrucksmitteln wie Rap oder Breakdance. Die christliche Kaufmannschaft spielen drei vom fringe ensemble. Bei den nur acht Akteuren gegenüber fast zwei dutzend Rollen bei Shakespeare suchen sich die Texte die Darsteller.
Die muslimischen Jugendlichen – keine Profi-Schauspieler – haben den authentischen Part. Sie – der starke Kölner Rapper S-Dog, die artistische Jilou Rasul und die Breakdancer und Musiker Faruk Haziri und Miguel Inserra – finden in ihrer Sprache ihren Zusammenhang. S-Dog singt die große Shylock-Anklage gegen die Taschenspielereien der Christen „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“ mit eigenen Zutaten als scharfen Rap. Aber auch bei Hoensbroech lässt erst das Happyend kraft christlicher Tricks Shakespeares Komödie entstehen. Das ist eine richtig schöne Lustspielszene, wenn die als Anwalt verkleidete Portia von Tina Seydel mit fadenscheiniger Juristerei den Shylock in seinem vermeintlichen Recht auflaufen lässt, David Fischers Bassanio wie ein Hund an der Leine bellt und dem Shylock an die Waden will und Antonio (hier Leopold Altenburg, neu bei fringe) sich schon in sein blutiges Schicksal ergeben hat. Also das läuft alles anderthalb Stunden lang meist vergnüglich über die Bühne, die Annika Ley gebaut hat. Die musikalische Ausgestaltung stammte von Koenelius Heidebrecht. Der Beifall war üppig.

H.D. Terschüren
Bonner Rundschau, 16.01.2010

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Ey Alter, ich pass nicht in eure Kisten

Premiere der etwas anderen Art: Severin von Hoensbroech inszeniert Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund und dem fringe ensemble.

Ein Mann, das Hemd aufgeknöpft, gefesselt auf einen Stuhl. Messerschleifen, eine blitzende, scharfe Waffe. Daneben eine Waage, aufgestellt, um genau ein Pfund abzuwiegen – ein Pfund Fleisch. Menschenfleisch. Der reiche Kaufmann Antonio hat sein Hemd schon aufgeknöpft. Ihm soll Recht widerfahren, seine Brust liegt bloß. Gnade? Weit gefehlt. Sein Widersacher Shylock will Gerechtigkeit. Die Hoffnung liegt im Sterben …

Zugegeben, Antonio hat Shylocks neue Nikes bespuckt. Ihn als Hund beschimpft. Seine Tochter mit einem Bekannten durchbrennen lassen. Und Antonio selbst hat die Bedingung, die Shylock an die fragliche Kreditvergabe gebunden hat, großspurig akzeptiert: ein Pfund Fleisch, sollte Shylock zum Stichtag sein Geld nicht gesehen haben. Harmlos. Lachhaft… Sein Freund Bassanio brauchte das Geld immerhin dringend. Er liebt die schöne Prinzessin Portia, Brautwerbung kostet Geld, Bassanio hatte keines mehr. Wofür hat man schließlich Freunde? Auf Antonio kann man zählen …

Shylock ist gereizt. Und was passiert, wenn man Shylock reizt? Er rappt. Shylock ist Moslem, er lebt im Ghetto. Das Ghetto ist sein Zuhause. Weil sein Herz und seine Seele daran hängen. Ob er willkommen ist oder nicht. Shylock lebt nicht vor vierhundert Jahren. Und offenbar ist er nicht allein: Vier junge Männer machen als Shylock ihren Anspruch auf die Erfüllung des Rechts deutlich. Sie tragen schwarze Jogginghosen, Goldketten, Sneakers. Stellen mit Rap und Breakdance die Frage, was Integration, was Assimilation eigentlich sind. Oder sein sollten. Denn eines ist klar: Shylock passt nicht in christliche „Kisten“.

In Schubladen passt auf der Bühne sowieso nicht viel. Eine unglaubliche Authentizität prägt das Agieren auf der Bühne. Kein Wunder – Shylockdarsteller Faruk Haziri, Nebil Erdogan, Miguel Inserra und der Rapper S-Dog sind authentisch. Für die Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist die Frage nach Anderssein und kulturellen Unterschieden Thema des täglichen Lebens. Sie spielen sich selbst, bringen ihre Sprache mit, ihre Kleidung, ihre Musik. Sie füllen den ganzen Bühnenraum aus, von einer Ecke zur anderen, präsent bis an die Decke, wenn Jilou Rasul als Shylocks Tochter Jessica anmutig und akrobatisch den Bühnenvorhang emporklettert.

Leopold Altenburg, Tina Seydel und David Fischer legen als die „christliche“ Gegenfraktion eine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit an den Tag. Portia, Bassanio, Antonio, Diener, Freunde – was macht es schon aus, dass weniger Schauspieler als Rollen auf der Bühne lachen, krabbeln, seufzen, rennen? Rollen werden getauscht und so schnell verschoben, dass man oft nur ihre glänzenden grauen Brokatblazer zwischen den Stühlen hin und her huschen sieht. Auf der Bühne. Festlegen will sich wohl keiner.

Das ist auch gut so. Denn ein Leopold Altenburg wirkt als schöne Prinzessin Portia vielleicht nicht ganz so authentisch wie der junge Shylock, die Lacher aber hat er garantiert auf seiner Seite. Nicht zuletzt diese manchmal etwas alberne Darstellung der Christen nimmt dem dramatischen Konflikt jegliche Schwere.

Das Bühnenbild, umgesetzt von Annika Ley, bleibt bei alldem eher karg. Einige Reihen Stühle bilden, multifunktional, immer wieder neue Räume, sei es nun ein Gerichtssaal, eine venezianische Gondel oder die drei Kästchen der Portia. Musikinstrumente, eine Kamera, eine kleine Schultafel, die über den Fortlauf des Stücks auf dem Laufenden hält, ein Boxsack. Mehr würde doch nur ablenken, ist man als Zuschauer doch voll und ganz damit beschäftigt, den Gesten der Darsteller zu folgen.

Weniger ausgefeilte schauspielerische Leistung als vielmehr Authentizität dominieren die Inszenierung. Für psychologisierende Darstellungen, für tiefgründige Abhandlungen über kulturelle Differenzen und wirkliche Interaktion zwischen zwei Akteuren bleibt bei diesem Tempo freilich kein Raum. Das ist aber auch gar nicht nötig, ist doch eine Frage durchgehend präsent: Was heißt es, jemanden in eine Kiste zu stecken? Gerade die Dynamik des Spiels lässt diese Frage umso dringlicher erscheinen.

Die Frage an Shylock, wie er auf Beleidigung reagiert, steht lange drohend im Raum, bevor er sie beantwortet: mit Rache. Doch kann Rache gerecht sein? Hilfe für Antonio kommt unerwartet von Portia. Als Mann verkleidet, interpretiert das Gesetz Venedigs zugunsten Antonios. Die Hoffnung stirbt hier tatsächlich zuletzt …

Carina Eberle
kultur-in-bonn.de, 18.01.2010

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Ein Recht auf schlechte Menschen

Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ gegen den Strich gebürstet

Shakespeares reicher Jude Shylock ist kein umgänglicher Zeitgenosse. Er verleiht Geld und verlangt als Pfand ein Pfund Fleisch aus dem Körper seines Schuldners. Der jedoch verliert sein Vermögen und kann das Geld nicht zurückzahlen. Shylock schlägt alle Angebote aus, die ihm die Schuld abgelten würden. Er besteht auf seinem Recht – aus Rache für alles, was ihm die venezianische Gesellschaft angetan hat. „Auch wir Juden haben eine Recht auf schlechte Menschen“, kommentierte dies der Theatermacher Fritz Kortner einmal. Dass auch Muslime ein Recht auf schlechte Menschen haben, ist offenbar der Ausgangspunkt für das Bonner fringe ensemble.

Jetzt war Köln-Premiere in der studiobühne. Regisseur Severin von Hoensbroech vertauscht kurzerhand die Religionen, behält aber den Konflikt und lässt Shylock von fünf jungen Migranten spielen. „Ich bin ein Moslem und pass nicht in eure Kisten“, rappen sie und sehen dabei doch ganz sympathisch aus. Junge Underdogs eben, die sich gegen diejenigen abgrenzen, die sie Kanaken nennen.

Der Rapper S-Dog, Nebil Erdogan, Faruk Haziri (mit hinreißenden Breakdance-Einlagen), Miguel Inserra und Jilou Rasul setzen sich – zu gleichen Teilen authentisch und künstlerisch überhöht zu Wehr gegen eine Gesellschaft, die nicht willens oder fähig ist, Minderheiten zu integrieren. Bei Shakespeare sind das gelangweilte, blasierte Kaufleute und eine reiche Erbin aus dem märchenhaften Belmont.

Leopold Altenburg, David Fischer und Tina Seydel spielen diese Rollen in fliegendem Wechsel. Alle spielen alle, da hilft es, dass die Shylocks zu Beginn jeden vorstellen und kurz über den Gang der Handlung informieren. Doch der scheinbar allwissende Shylock fällt am Ende der Mehrheitsgesellschaft zum Opfer. Das Tempo auf der rot-weiß ausgeschlagenen Bühne von Annika Ley ist rasant, auf der großen Leinwand wird zur Orientierung der jeweilige Akt angezeigt. Solch detailverliebte Einfälle und eine hohe Gag-Dichte machen die Vorstellung zu einer kurzweiligen Angelegenheit; zumal Jilou Rasul als Shylocks Tochter Jessica einen atemberaubenden, akrobatischen Auftritt hinlegt. Shakespeares „Kaufmann“ einmal ganz anders interpretiert. Frisch, gegenwärtig und unverbraucht.

Sandra Nuy
Kölnische Rundschau, 04.03.2010