Opening Night vom „Club der Utopisten“ in Bonn

O-Ton: Französischer Chanson über das Land der Träume

„Youkali“, Land meiner Wünsche und Sehnsüchte“ singt die Schauspielerin Bettina Marugg zu Beginn des Abends. Utopien beginnen häufig mit der Melancholie. Dann folgen ganz unterschiedliche Reaktionen: Flucht in Traumwelten, Resignation oder auch Wut. All das wird in der Bonner Werkstatt gezeigt….
Das Foyer wurde mit hellen Sitzen und indirektem Licht zu einem zweiten Spielraum umgebaut. Der eigentliche Bühnenraum ist offen, eine Begrenzung zwischen Zuschauern und Schauspielern gibt es nicht. Lieder, Gespräche oder auch ein Boxkampf finden wechselweise im Foyer oder auf der Bühne statt. Eine Kamera überträgt die Aktionen in alle Räume. So auch die Rede vom legendären Mexikaner Subcomandante Marcos. Er kämpft für eine Welt ohne Hunger, Krieg und Ausbeutung. Regisseur Frank Heuel spannt einen Bogen von Mexiko nach Europa. Bei uns muss anders agiert werden, meinen die „Glücklichen Arbeitslosen“ ….

O-Ton: „Glückliche Arbeitslose“

„Vollbeschäftigung bedeutet ökonomische Krise, Arbeitslosigkeit bedeutet gesunder Markt. Was passiert, wenn ein Konzern ankündigt, das er soundso viele Arbeitsplätze vernichtet? Alle Börsenspekulanten loben seine Sanierungsstrategie, die Aktien steigen und bald darauf wird die Bilanz einen entsprechenden Gewinn aufweisen. Auf diese Weise schaffen die Arbeitslosen mehr Profit als ihre Ex-Kollegen. Logischerweise müssten man also den Arbeitslosen danken, dass er wie kein anderer das Wachstum fördert. Der glückliche Arbeitslose ist der Meinung dass er für seine Nicht-Arbeit entlohnt werden muss.“

Der Club der Utopisten ist mehr als ein Theaterabend. Er will den Zuschauer direkt ansprechen und manchmal sogar zum Akteur machen. So werden Besucher an der Bar oder als Zuschauer gefilmt und an die Wand projiziert. Andere werden Protagonisten eines neuen Stücks. Geschrieben von einem Autor, der in sein Laptop eingibt, was er an diesem Abend beobachtet. Schluss war nach dem letzten Lied des Ensembles noch nicht – für die Wissbegierigen gab es dann eine „utopische Werkstatt“. Es ging es um die Frage „Welche Utopie passt zu mir?“

Frank Höller

WDR 5, Sendung Scala, 27. November 2006

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„Fühlen Sie sich wohl – Trinken Sie etwas“

Konkretes und Imaginäres zur Eröffnung des „Clubs der Utopisten“ in der Werkstatt – Pinkfarbene Sitzkissen, ein knallrotes Bücherregal und dunkelrote Sessel erwarteten die Gäste in Bonn

Wie soll man das Utopische zeigen? Kurt P. Tudyka von der Universität Nimwegen gab den entscheidenden Impuls: „Von tiefrot bis pink“ solle der Blick auf das Zukünftige und Visionäre sein.
Pinkfarbene Sitzkissen, ein knallrotes Bücherregal und dunkelrote Sessel erwarteten daher die Gäste, die zur Eröffnung des „Clubs der Utopisten“ in die Werkstattbühne gekommen waren. Eine Gemeinschaftsproduktion des Theaters Bonn und der freien Theatergruppe „fringe ensemble“, ein Mikrokosmos ganz im Sinne von Thomas Morus‘ literarischer Vorlage.

Im „Weiten Feld“, dem Saal, wird Sozialkritisches proklamiert – in unserem Jahrhundert natürlich zum Thema Globalisierung; es werden melancholische Chansons über gescheiterte Liebe und einen utopischen Ort gesungen, und der Dramatiker Lothar Kittstein schreibt ein Stück, das auf Leinwand übertragen wird: „Fühlen Sie sich wohl.

Trinken Sie etwas. Wir sind für sie da“, kann man dort lesen. „Konkretes und Imaginäres“ trifft auf dem Gang zur Toilette aufeinander: Ein Klofräulein liest laut aus „Gullivers Reisen“ vor. Draußen in einem Container wird die jüngste Form der utopischen Literatur gezeigt: Science-Fiction, hier am Beispiel von „Captain Future“.

Und auf dem „Platz des Kampfes“ im Foyer wird kein Klassenkampf, sondern ein richtiger Boxkampf ausgetragen – für alle, die das „große“ Duell (Axel Schulz‘ Niederlage) des Abends verpassen mussten. Realitätsfremd sind diese Utopisten ganz sicher nicht.

Der „Mut zur Langeweile“, der auf der Eintrittskarte gefordert wird, macht sich durch einen anregungsreichen bunten Abend bezahlt. Wer nun aber die „Opening Night“ verpasst hat, bekommt noch bis Ende der Spielzeit jeden Samstag und manchmal auch dienstags Gelegenheit, den Club zu besuchen.

Patricia Fridrich
Generalanzeiger Bonn, 27. November 2006

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Die ganze Wahrheit über James Bond

Neue Reihe in der Werkstattbühne

Mit der ersten Veranstaltung gewann am Samstag das Joint Venture von fringe ensemble und Theater Bonn namens “ Club der Utopisten“ Kontur. Die Opening Night in der Wertsattbühne stand prototypisch für alle Samstage bis zum Ende der Saison. Der Ablauf: Wenn der Philosophie der Atem ausgeht, beginnt die Party – also etwa gegen 22 Uhr und endet gegen 2 Uhr in der Frühe. Dass die Philosophen locker bleiben, dafür steht auch die leicht verballhornende Bezeichnung „Utopisten“.

So gab es zum Auftakt neben Heuels Inszenierung rund um die Melancholie auch einen „Fight Club“ für die sinnliche Seite der Utopie. Das ganze Areal der Werkstattbühne wird benutzt, die Bühne mit den Modulen, das aufgepeppte Foyer und vor der Tür ein Container für Science-Fiction-Filme und Serien á la „Captain Future“. Das Wort „Club“ ist das Sesam-öffne-dich. Im Schreib-Club verfasste der Jungdramatiker Lothar Kittstein ein Stück parallel zur Opening Night. Für den Musik-Club ist Martin Erdmann zuständig, und den Philosophie-Club betreut Politikwissenschaftler Professor Kurt P. Tudyka, von dem die Anregung kam und der selbst jeden Dienstag im Monat zu „Utopias Dienstag“ Zunftkollegen und Publikum zum Utopie-Diskurs einlädt – morgen geht es um Platon, Thomas Morus und Ernst Bloch mit dem Hallenser Richard Saage.

Die nächsten Utopisten-Samstage: Am 2. Dezember geht es unter anderem um Robert Gernhardt, dem Protagonisten der 2. Frankfurter Schule. Einen Club der Utopisten hätte der selber gründen können als Schlenker auf die erste Schule um Horkheimer und Adorno. Zudem gibt es in der Hörbar den Krimi „Mord im Negligé“ von Marcy Kahan.

Am 9. Dezember dürfen Bonner Bürger selbst mal Theater auf der Werkstattbühne spielen. der 16. Dezember bringt die „Wahrheit über James Bond“ ans Tageslicht, am 19. Dezember geht es bei Kurt Tudyka und Bettina Roß um von Männern befreite Frauen – „Utopie ohne Männer?“

H. D. Terschüren
Bonner Rundschau, 27. November 2006