Inspiriert von Bachs Matthäus-Passion: Goran Fercec Drama „Arbeitsschlachten“

Vor knapp einem Jahr kam das Stück im Rahmen des internationalen Projektes „Vor den Hunden“ im Theater im Ballsaal heraus. Schon damals gehörte „Arbeitsschlachten“ zu den eindrucksvollsten Passagen der Produktion des Fringe-Ensembles unter der Leitung von Frank Heuel. Am Donnerstag feierte „Arbeitsschlachten“ des kroatischen Autors Goran Fercec als Auskopplung aus „Vor den Hunden“ seine Premiere als abendfüllendes Werk.

Es ist ein szenisches Oratorium, inspiriert von Bachs „Matthäus-Passion“. Der Komponist Gregor Schwellenbach übernimmt sehr präzise deren episch-dramatische Struktur für seine musikalische Gestaltung des Stoffes. Es ist eine weltliche Leidensgeschichte, die sich auf der barocken Tonspur entwickelt und dadurch über den konkreten Anlass hinaus in eine historische Dimension geführt wird. 2010 traten Arbeiterinnen einer kroatischen Textilfabrik in einen Hungerstreik, weil ihnen seit Monaten ihr Lohn nicht bezahlt worden war.

Justine Hauer, Nicole Kersten, Bettina Marugg und Laila Nielsen in blauer Arbeitskleidung an Nähmaschinen sind der Chor der Frauen, die ihren Lohn einfordern. Auf der anderen Seite steht der männliche Chor in dunklen Hosen und weißen Unterhemden. Maciek Brzoska, David Fischer, Andreas Meidinger und Valentin Stroh geben die Kapitaleigner, verständnisvollen Politiker und sonstigen Machthaber. Die Inszenierung von Frank Heuel übersetzt Bachs Doppelchörigkeit in eine klare Bildsprache (Ausstattung: Annika Ley / Lisa Schiller-Witzmann).

Fercecs Text verschmilzt raffiniert klassische Mythologie mit den Mythen der kapitalistischen Marktwirtschaft und der Passion des menschgewordenen christlichen Gottes. Bachs Arien, Rezitative und Choräle bekommen bei dem großartig singenden und vorsichtig agierenden Ensemble einen Ton von Wahrheit, der zutiefst berührt. Gedanklich und ästhetisch hochkonzentriert, aber völlig unsentimental.

Elisabeth Einecke-Klövekorn, General-Anzeiger Bonn, 21. März 2015