Die tollkühnen Weiber

Maja Das Guptas Drama „Nur fliegend“ im Ballsaal uraufgeführt

Maja Das Guptas Drama „Nur fliegend“ wurde im Ballsaal uraufgeführt. Die mehrfach ausgezeichnete Dramatikerin Das Gupta, 2002 Teilnehmerin des Nachwuchs-Autorentreffens der Bonner Biennale, hat das Werk im Rahmen des Projektes „fringe writers“ im Auftrag des fringe ensemble verfasst.
Sie wollten im Wortsinn hoch hinaus, die beiden Flugpionierinnen Melli Beese (1896-1925) und Marga von Etzdorf (1907-1933). Beide haben sich erschossen, als sie mit guten Gründen vermuteten, nicht mehr fliegen zu dürfen. Im Leben sind sie sich nicht begegnet, ein fiktives Treffen konstruiert die 1973 in München geborene Autorin Maja Das Gupta in ihrem den beiden mutigen Luftfahrerinnen gewidmeten neuen Stück „Nur fliegend“, das im Theater im Ballsaal uraufgeführt wurde.

Die mehrfach ausgezeichnete Dramatikerin Das Gupta, 2002 Teilnehmerin des Nachwuchs-Autorentreffens der Bonner Biennale, hat das Werk im Rahmen des Projektes „fringe writers“ im Auftrag des fringe ensembles verfasst. Es ist trotz diverser Original-Zitate und biografischer Zeugnisse kein Doku-Drama, sondern eine Studie über zwei sehr unterschiedliche Frauen, die radikal ihren Traum vom Fliegen verwirklichten und dabei die männliche Lufthoheit durchbrachen.

Fringe-Chef Frank Heuel inszeniert die tollkühnen Weiber mit ihren fliegenden Kisten in einer gelungenen Mischung aus luftigem Freiheitspathos und brennender Leidenschaft. Viel Bodenhaftung und Berechnungen sind nötig, bevor die Windverhältnisse das Abheben erlauben. Am großen weißen Kartentisch vor Wolkenvideos hocken Melli und Marga in schwarzer Fliegerkluft mit Sonnenbrillen und Kopfhörern (Ausstattung: Annika Ley) und warten auf die Freigabe des Starts zum Himmel.

Bettina Marugg spielt die technisch überlegene Melli Beese, die als gelernte Bildhauerin jede Maschine auch als Kunstwerk begreift, selbst Fluggeräte konstruiert und nach etlichen Knochenbrüchen morphiumsüchtig wird. Sie ist die Frau, der das heiße Herz brach, als sie als mit einem Franzosen verheiratete „Ausländerin“ im Ersten Weltkrieg kaltgestellt wurde und ihre Flugzeugfabrik in den politischen Wirren verschwand. Ihr Mann bekam viel Geld für die Scheidung; sie verarmte und gab sich die Kugel, als eine Bruchlandung die Erneuerung ihrer Fluglizenz zunichte machte. Sie ist die tragische Herrin der Lüfte und lässt das die ehrgeizige jüngere Konkurrentin deutlich spüren.

Petra Weimer spielt die burschikos elegante Marga von Etzdorf, die als erste deutsche Fliegerin einen spektakulären Alleinflug nach Tokio schaffte und danach eine Stelle als Kopilotin bei der Lufthansa bekam. In den begeisterten Jubel bei der ausverkauften Fringe-Premiere stimmte auch der designierte neue Bonner Generalintendant Bernhard Helmich ein.

Elisabeth Einecke-Klövekorn, General-Anzeiger Bonn, 05. Mai 2012

 

Fliegen wird zum Mysterium

Das Bühnenstück „Nur fliegend“ von Maja Das Gupta feierte eine gelungene Uraufführung im Bonner Ballsaal-Theater

„Nur fliegend“, der Titel bringt es auf den Nenner. Die Welt hieß Fliegen für Melli Beese und Marga von Etzdorf, und als der Fliegerhimmel zu war für sie, nahmen beide eine Pistole und erschossen sich. Melli Beese am 21. Dezember 1925 in Berlin und Marga von Etzdorf am 28. Mai 1933 bei Aleppo in Syrien, als sie gegen den Wind landete. Beiden hätte das leben wie neu geshenkt erscheinen können nach den Bruchlandungen. Aber sie sahen keine Chance, je wieder zu fliegen.

Auf Margas Grabstein steht: „Der Flug ist das Leben wert.“ Von Melli fand sich ein Zettel: „Fliegen ist notwendig. Leben nicht.“ Das Fliegen verlange von den Pilonierinnen ein heroisches Pathos. Es wurde viel gestorben. Die junge indisch stämmige Autorin Maja Das Guptaversteckt den Ton nicht, der 1938 in die NS-Heldenfeier für den toten Rennfahrer Rosemeyer mündet. Auch dessen Witwe eine berühmte Fliegerin: Elli Beinmhorn. Wider Erwarten wurde sie 100 Jahre alt.

Aber Das Guptas Uraufführung im Ballsaal benutzt das Pathos als Theaterton, der Fliegen in das Mysterium verwandelt. Für sein Label „fringe writers“ hatte sich Frank Heuel bei ihr etwas für zwei Aktricen bestellt, für Bettina Marugg vom fringe ensemble und Petra Weimer vom Theater Rampe Stuttgart. Beide sind richtig stark in der Koproduktion der beiden Bühnen. Gespielt wird der hoch spezialisierten Theaterlinie von Heuels fringe ensemble, die Text und Aufführung mit den Autoren gemeinsam entwickelt.

Es ist Heuels Handschrift, die man auf der Ballsaalbühne sieht. Zwischen großen Projektionsflächen sitzen die beiden Pilotinnen im Cockpit vor ihren Armaturen, in Ledermontur und mit dunklen Fliegerbrillen. Hinter ihnen öffnet sich der mystisch erstrahlende Himmel, der nur ihnen gehört. Oder man sieht in eine leere Flugzeugkabine. Fast überraschend funktionieren der Text und Heuels flexibler Umgang mit ihm und den beiden Fliegerheroinnen richtig gut.

Gerade was erst anfechtbar erschien, beider Selbstmord als vielleicht doch nur schwache Klammer für zwei, die sich nie begegneten und bis aufs Fliegen wenig gemeinsam hatten, aber sich vielleicht viel zu sagen gehabt hätten – gerade diese Klammer hat den pathetisch expressionistischen Text aufgemacht. Verdienter großer Beifall.

H. D. Terschüren, Bonner Rundsschau, 05. Mai 2012