Protokolle der Wahrheit im Pumpenhaus

Das Fringe-Ensemble hat im Pumpenhaus Premiere gefeiert mit dem Stück „I said the things you told me not to say“. Kein leichter Stoff.

Wer vor einem halben Jahr beim Fringe Ensemble im Pumpenhaus war, erkennt die schmucklosen weißen Tische vielleicht wieder. An ihnen saß das Publikum damals mit den Schauspielern zusammen, um das Problem der Versöhnung in Konfliktsituationen zu diskutieren.

Die Veranstaltung damals war als eine Art Brainstorming gedacht für die dokumentarische Performance „I said the things you told me not to say“, die am Mittwoch Premiere feierte. Das Stück stützt sich auf Protokolle der Wahrheitskommission in Südafrika, die von Nelson Mandela und Bischof Tutu ins Leben gerufen wurde, um einen Dialog zwischen Tätern und Opfern im Apartheidregime herzustellen.

Terror-Einheit

Es ist kein leichter Stoff, den Regisseur Frank Heuel hier auf die Bühne bringt. Beispielsweise wenn der ehemalige Kommandant einer Anti-Terror-Einheit die ihm nachgewiesenen Morde durch den Verweis auf seine Pflicht als Polizist zu rechtfertigen versucht. Oder wenn die hochschwangere Schauspielerin Laila Nielsen in die Rolle einer Mutter schlüpft, deren Sohn im Widerstand getötet wurde.

Trotzdem wird eine unkritische Emotionalisierung des Publikums verhindert. Das gelingt durch bewährte Mittel wie verfremdetes Sprechen und das Verteilen einer Rolle auf mehrere Darsteller. Justine Hauer bastelt sich einen Kopfschmuck aus Spaghetti, den sie nach und nach verspeist, und Bettina Marugg wirkt bei ihrer Forderung nach „Harmony“ wie eine Mischung aus Cheerleader und TV-Prediger. Für Distanz sorgen auch die an Computer und Harmonium erzeugten Klänge von Gregor Schwellenbach und die von Svenja Pauka pausenlos mit Schlagwörtern wie „Erzählen“, „Vergeben“ oder „Wahrheit“ beschrifteten Zettel.

Gerichtszeichner

Ebenfalls eine tragende Rolle kommt Eduardo Seru zu, der wie ein Gerichtszeichner die einzelnen Szenen auf die Tischplatten überträgt und so den dokumentarischen Charakter der Aufführung betont. Am Ende jedoch greift er zum Hochdruckreiniger. Die Tische, an denen so Furchtbares verhandelt wurde, erstrahlen wieder in unschuldigem Weiß und lassen Hoffnung auf einen Neubeginn aufscheinen.

Helmut Jasny
Münstersche Zeitung, 04.06.2009

Fringe ensemble bewegt Zuschauer in Bonner Ballsaal

Ein eindrucksvoller Theaterabend – Das Frauentrio beschäftigt sich mit dem Bericht der südafrikanischen Wahrheitskommission

Bonn. Spaghetti schmecken gut, eignen sich aber auch als Haarnadeln, wie Laila Nielsen und Justine Hauer beweisen. Bettina Marrug kann sehr animierend „Harmony“ brüllen und die wiederholte Endsilbe wie das deutsche „Nie“ klingen lassen.

Zettel mit Begriffen wie „Rache“, „Frieden“, „Eid“ flattern zu Boden, die Frage „Sind wir bereit zu vergeben?“ schwirrt durch den Raum, Stimmen übertönen sich – aber worum geht es hier eigentlich? Frank Heuel und das fringe ensemble beschäftigen sich in ihrer neuen Produktion „I said the things you told me not to say“ mit dem Bericht der südafrikanischen Wahrheits- und Aussöhnungskommission, die nach dem Wahlsieg von Nelson Mandela und der ANC-Partei 1994 eingerichtet wurde.

Durch einen Dialog zwischen Opfern und Tätern der Apartheid sollte die Verständigung zwischen den Bevölkerungsgruppen hergestellt werden; die Mittel dazu bestanden in finanzieller Hilfe für die Leidtragenden und Amnestie für die Schuldigen.

Der manieristische Beginn des Abends im Ballsaal erweist sich bald als Filtermembran, mit der Frank Heuel Einfühlung und Identifikation eine Absage erteilt, aber auch als Bild für die Nervosität und die Erregung angesichts der Kommissionsaufgabe. Da sitzen die drei Frauen an weißen Tischen und kleben sich Papierfetzen mit Augen und Porträts ins Gesicht, während sie den Fall der Apartheids-Gegnerin Amy Biehl schildern, die von Schwarzen ermordet wurde.

Allmählich fährt Frank Heuel die distanzierenden Inszenierungsmittel herunter. Bühnenbildner Eduardo Seru bemalt die Tischoberflächen wie ein Gerichtszeichner mit Prozess-Szenen; der Musiker Gregor Schwellenbach entlockt Harmonium und Computer bedrängende Klänge, während Justine Hauer von einer sechsköpfigen Familie erzählt, deren männliche Mitglieder immer wieder verhaftet wurden. Hauer berichtet fast emotionslos und berührt nur umso tiefer.

Der Höhepunkt des Abends aber gehört der hochschwangeren Laila Nielsen, die von einer Mutter erzählt, die ihren Sohn verloren hat. Wie sie und ihr Mann herumtelefonieren und schließlich das Hemd ihres toten Sohnes erhalten: „Ich habe noch nie ein Hemd gesehen, das so viele Löcher hat“. Schon dieser Moment, der wie eine psychoanalytische Katharsis wirkt, gehört zu den grausigsten der Aufführung.

Dann jedoch verwandelt sich Laila Nielsen in den Vater, der auf der Polizeiwache seinen Sohn identifiziert. Ihre Stimme wird plötzlich laut. Doch es ist kein Schreien, kein Brüllen, sondern etwas weit Schlimmeres. Es ist die monotone Lautstärke, die den rasenden Schmerz im Innern zu betäuben versucht. Mit diesem erschreckenden Bild endet die tief berührende Aufführung.

Hans-Christoph Zimmermann

General-Anzeiger Bonn, 07. Mai 2009

Weißwaschen als doppeldeutiges Bild

Aussöhnungstheater handelt von den Apartheid-Verbrechen in Südafrika

Zweifel an der Arbeit der Wahrheitskommission im Südafrika nach Ende der Apartheid muss man nicht haben. Oder nur in Maßen: SO lässt Regisseur Frank Heuel im Ballsaal „I Said the Things You Told Me Not To Say“ den Bühnenbildner Eduardo Seru die Zeichnungen, die Zeichnungen, die er von den Verhandlungen während der Aufführung auf den gekippten weißen Tischplatten anfertigt am Ende mit dem Hochdruckreiniger wegspritzen. Man macht reinen Tisch, was zweideutig ist.

Der Einstieg mit Zeichner Seru ist stark. Man kann das übersetzen. Weil die von Nelson Mandela und Bischof Tutu geforderte und von der Regierung 1995 eingerichtete „Truth and Reconciliation Commission“ kein Instrument der Denunziation sein durfte, lässt man idealerweise Fotografen nicht zu. Seru, mit dem Stift ein Virtuose, spielt also die Rolle des Bildberichterstatters aus dem Gerichtssaal. Vorsitzender, Anwalt, Zeuge, Zuschauer werden abkonterfeit.

Das Weißwaschen ist ein starkes Bild für die Zweifel an der Aufklärung der Apartheid-Verbrechen, die auch in Südafrika nicht bei allen verstummten. Es bleibt ein doppeldeutiges Bild. Die große Geschichte, die Heuel mit der Dramaturgie aus Tausenden Seiten Vernehmungsprotokollen herausfilterte, ist die der US-Amerikanerin Amy Biehl, die mit einem Fulbright-Stipendium die Frauenrolle in Südafrika studierte und Opfer von Gewalt wurde. In der gemeinnützigen Stiftung ihrer Eltern, die ihren Namen trägt, arbeiten die Täter mit. Das zeigt Wirkung, aber in solchen ist es für die Betroffenen schwer, den damit verbundenen Amnestien zuzustimmen. Aussöhnung ist das eine, Gerechtigkeit das andere.

Hauptrollen fallen in dem Aussöhnungstheater zu Recht Frauen zu; auf Justine Hauer, Bettina Marugg und Laila Nielsen sind die Texte – Zitate aus den Protokollen – verteilt. Es waren ja zumeist Frauen, die ihre Partner, Geschwister, Söhne beklagen mussten. Die drei spielen hier Gericht, Prozess, Vernehmung auch in der Kühle des Gerichtsaales, aus der dann Emotionen umso effektvoller hervorbricht. Svenja Pauka führte das Protokoll. Die Männer auf der Bühne sind eine nur scheinbar stumme Minderheit. Seru mit seinen Zeichnungen, Gregor Schwellenbachs Mixturen aus aktuellem Mitschnitt geben der Opferanonymität realen Sound. Großer Beifall.

H. Terschüren
Bonner Rundschau, 07. Mai 2009

Kann eine Mutter den Mördern vergeben?

Sie springt auf und ab, reißt den Arm hoch und ruft hysterisch: „Harmony“ – forgive!“, später nur noch: „Nie – forgive!“ Kann eine Mutter den Mördern des eigenen Kindes vergeben?

Es geht um die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika, die 1995 unter Nelson Mandela in Kraft trat. Ziel war es nicht nur, Menschenrechtsverletzungen des Apartheid-Regimes und seiner Gegner aufzudecken, sondern Opfer und Täter einander nahe zu bringen. Man wollte eine Grundlage dafür schaffen, die zerstrittenen Bevölkerungsgruppen zu versöhnen. Wie schwer das ist, zeigt die Produktion „I said the things you told me not to say – Living pictures of agony“ im Pumpenhaus auf beeindruckende Weise.

Das Bonner Fringe-Ensemble, das hier in Kooperation mit Münsters Phoenix 5 agiert, hat sich in den vergangenen Jahren wiederholt dem dokumentarischen Theater gewidmet. Für dieses Stück studierten die Schauspieler unter der Regie von Frank Heuel den Bericht der Wahrheits- und Aussöhnungskommission und zitieren Täter wie Opfer. Die Szenen finden in der formellen Atmosphäre eines Gerichts statt. Drei Schauspielerinnen übernehmen sämtliche Rollen, das Bühnenbild besteht aus umgekippten, weißen Tischen, auf denen nach und nach Bilder entstehen. Bühnenbildner Eduardu Seru agiert ähnlich einem Gerichtszeichner, wenn er während des Stücks die Personen noch einmal mit schwarzem Stift abbildet. Am Ende wird er alles wieder weiß waschen – vergeben und vergessen? So einfach ist das nicht, wenn man Bettina Marugg zuhört, die auf großartige Weise die Rollen wechselt und dabei auch als eine Mutter auf der Bühne steht, die die Leidensgeschichte ihres tapferen Sohnes mit erstickender Stimme herauskrächzt. Oder wenn man die schwangere Laila Nielsen als Mutter eines erschossenen Kindes trauern sieht.

Frank Heuel lässt seine Schauspieler zurückhaltend agieren, als Sprachrohr für all jene, die tatsächlich dahinter stehen. Das hebt den dokumentarischen Charakter des Stücks hervor und berührt. So wird in jedem Fall ein unfassbarer Schmerz deutlich, der die Opfer wie betäubt hinterlässt. Ein wertvolles Theaterstück, dem man ein zahlreiches Publikum wünscht.

Isabell Steinböck
Westfälische Nachrichten, 04.06.2009