Chronik einer Heimsuchung

Wie ein Drama aufgebaut ist der 1947 erschienene berühmte Roman des französischen Literatur-Nobelpreisträgers Albert Camus (1913-1969). Im Theater im Ballsaal hat Frank Heuel, Leiter des Bonner fringe ensemble, „Die Pest“ als Monolog inszeniert. Sehr ernst, ohne Regie-Albernheiten, aber mit einem raffinierten theatralen Rhythmus. Es ist Camus’ nüchtern berichtender Text, den der Schauspieler Andreas Meidinger spricht. Er ist der Chronist des Ausnahmezustands, in den die algerische Hafenstadt Oran gerät, nachdem plötzlich überall tote Ratten auftauchen und die Pest Einzug hält ins Leben der Bewohner. Wie im Roman gibt er sich am Ende als der Arzt Rieux zu erkennen, der diesen Bericht verfasst hat, weil er „für diese Pestkranken Zeugnis ablegen und wenigsten ein Zeichen zur Erinnerung an die ihnen zugefügte Ungerechtigkeit und Gewalt hinterlassen“ wollte.
Es geht dabei nur vordergründig um die Seuche (angesichts der aktuellen Ebola-Epedemie hochaktuell), sondern um humane Solidarität. „Der Mensch ist eine Idee“, sagt Rieux einmal und fordert schlicht „Anstand“ gegenüber dem Leiden.
Auf Drehstühlen sitzt das Publikum im ganzen Raum (Ausstattung: Annika Ley) verteilt. Um seine Gesundheit nicht zu gefährden, darf man diese nicht verrücken oder verlassen, wird vor der Vorstellung gemahnt. Was nicht nur mit der Ansteckungsgefahr in der abgeriegelten Stadt zu tun hat, sondern mit den Lampen, die in einer sorgfältigen Choreografie vom Bühnenhimmel herunterfahren.
Anfangs wandert der Erzähler im Dunkel zwischen den Zuschauern herum. Auf dem Boden landen die Leuchtkörper in einer zutiefst berührenden Szene, die den qualvollen Tod eines Kindes schildert. Dieses sieht man nicht, aber per Video die hilflosen Zuschauer: Rieux und den Professor Castel, der ein Serum gegen die Seuche entwickelt hat, den jungen Tarrou, der Schutztruppen für die Kranken anführt, den Journalisten Rambert, der seine Fluchversuche aufgab, und den Jesuitenpater Paneloux, der in seinen flammenden Predigten die Pest zur Strafe Gottes erklärte.
Meidinger spielt fabelhaft genau alle Figuren, rast auf dem Höhepunkt der Masseninfektion durch den Raum und bringt die schwarz verhängten Lautsprecher mit ihren „normalen“ Stadtgeräuschen, in die sich bedrohliche Schüsse mischen, wie Pendel zum tödlichen Schwingen. Es gibt indes auch komische Figuren wie Rieux’ asthmatischen Dauerpatienten, der erbsenzählend die Zeit misst und kichernd die Rattenplage begrüßt. Kopierer spucken von oben Rattenbilder ins Publikum. Denn auch wenn schließlich die Infektionen so zufällig abklingen wie sie kamen, und die Stadt sich festlich wieder öffnet – besiegt ist die Pest keineswegs. Man muss indes wie Sisyphus immer wieder neu anfangen. Aus grundsätzlicher Verantwortung für die Menschheit.
Die beeindruckende Aufführung im Ballsaal geht nicht mal kurz die Welt retten, sondern ohne ironisch gebrochenen Pessimismus dramatisch exzellent auf die Suche nach der Absurdität des Daseins. Die Leistung des Schauspielers Andreas Meidinger gehört zum Besten, was bisher in der ganzen Bonner Theatersaison zu erleben war. Dringend empfehlenswert!

Elisabeth Einecke-Klövekorn, kultur, Dezember 2014

Camus Roman „Die Pest“ im Theater im Ballsaal

Fast könnte man sagen: „Die Pest“ kam wie gerufen. Im Endenicher Theater im Ballsaal hatte sich Frank Heuel für den Saisonbeginn beim fringe ensemble an den berühmten gleichnamigen Roman von Albert Camus aus den 1940er-Jahren erinnert. Das passte, schließlich lag das noch nahe genug am 100. Geburtstag des Nobelpreisträgers vorm Jahr.

Nun hätte es auch zum Ebolafieber gepasst, das sich zwischenzeitlich in Westafrika ausbreitete, noch gefährlicher als die Pest. Die Versuchung war sicher groß für Heuel, es wie einen Fingerzeig zu lesen, auch weil es erst seit drei, vier Jahren in der neuen Übersetzung von Uli Aumülller (Rowohlt) vorliegt. Zu groß, wo jüngst der Virus erstmals nach Europa übersprang.

Camus war schon ausreichend ein Pechvogel. 1960 starb er beim Autounfall im von seinem Verleger Gallimard gesteuerten Wagen. Wir sehen förmlich Heuel und seine Mannschaft angesichts der Vorlaufzeiten vor sich hindenken. Wie damit umgehen, mit dem Einbruch von Wirklichkeit, wenn auch noch weit weg? Erst noch Fantasy?

Von Annika Ley hat sich Heuel den Raum (Raum-03 in ihrer Zählung) gestalten lassen, die das Bedrängende abstrahieren kann. Auf Drehstühlen sitzen die Zuschauer und drehen sich mit den sparsam an den Wänden abrollenden Verweisen des Schreckens. Sie arbeitet mit leichten Mitteln. Von der Decke fallen an Fäden die Ratten herab, auf Papier gemalt. Über die erste tote Ratte stolpert anfangs der Arzt Rieux.

Den Raum lässt Frau Ley spiralförmig auf einen leeren Tisch in der Mitte zulaufen. Wie Heuel auch in Andreas Meidinger am Ende Arzt und Erzähler zusammen führt wie es auch in Camus Text steht. Das sichert der Novelle das dramatische Element und dem Ganzen die epische Anlage. Und in dieser Bühnenbearbeitung von Heuel auch personalmäßig den akustischen Eindruck von Verfall.

Eine Hafenstadt, dem Angriff der Pest wehrlos preisgegeben. Auch das Warten auf die Selbsterschöpfung der Epidemie.

H. D. Terschüren, Bonner Rundschau, Oktober 2014

In der Sendung „Mosaik“ auf WDR 3 berichtete Stefan Keim über die Premiere DIE PEST.
Hören Sie hier in den Ausschnitt aus der Radiosendung.

WDR 3 Mosaik – Das Kulturmagazin 10.10.14
Premierenbericht DIE PEST von Stefan Keim in WDR3-Mosaik
Ausschnitt ca. 6 Min